Rechtschreibreform Jetzt schrei’m se schon Scheefahunt mit thSeite 2/2

Der autoritäre Charakter spricht gern von »rechtsfreien Räumen«. Er selbst lebt von Altreifenhandel, Altölentsorgung oder irgendeinem anderen Altdelikt. Die Behörden, die ihm nicht draufkommen, verachtet er wegen ihrer Laschheit. Überall nimmt die Disziplinlosigkeit überhand, das merkt er an sich selbst am besten. Seinem Schäferhund, mit dem er den Wohnwagen teilt, würde er »das alles nicht erlauben, wo kämen wa denn da hin!« Die ganze Gesellschaft ist seiner Meinung nach ziemlich weit in eine ungute Richtung vorangekommen. »Jetzt schrei’m se in der Schule schon Scheefahunt mit th.« Er hat sich aus der Bild- Zeitung einen Sheriffstern ausgeschnitten, auf dem steht »Rettet die deutsche Sprache«. Vielleicht arbeitet er auch schwarz in der Bild- Zeitung und hat den Sheriffstern entworfen. Vielleicht leitet er die Bild- Zeitung und hat sich selbst angestellt. Mit seinem Bewährungshelfer versteht er sich schon lange nicht mehr. »Aba was vasteht der schon.« jgj

Der Demagoge ist Gymnasiallehrer oder Professor für Alte Geschichte, aber leider schon pensioniert. Ein Bild von Cicero hängt über seinem Nachttisch. Gleich morgens nach dem Aufstehen zieht er sich die Maske altrömischer Empörung übers Gesicht. »Sie haben dem Tron das H gestohlen, wie unverhohlen!« Auch Marc Anton ist ein Vorbild. »Freunde, Römer, Rechtschreibgegner, leiht mir eure Ohren!« Wenn er selbst zuhörte, würde der Demagoge vernehmen, dass die Eindeutschung von Fremdwörtern auch nach der neuen Rechtschreibung optional ist. Zum Glück hat er Ohrstöpsel. Denn der Demagoge macht sich nichts aus falschen Beispielen, solange sie gut klingen. Aus seiner Betttruhe (die er auch vor Jahren schon mit drei T schrieb, aber das hat er verdrängt) holt er die Ausrüstung: eine Flasche Emotionen, ein Quäntchen Manipulation und einen Umhang aus Pseudoargumenten. Er lechzt nach der Empörung der Masse, je größer die Panik auf der Straße, desto höher sein Adrenalinspiegel. Der Demagoge pudert seine Nase und entblößt die Zähne. Das Volk wartet. nfm

Der Nicht-Schreiber hat seine letzte Ansichtskarte vor elf Jahren aus Teneriffa geschickt und die wenigen Worte extragroß geschrieben. Seitdem ist er nie mehr in die Verlegenheit gekommen, etwas zu Papier zu bringen. Das Schreiben ist dem Nicht-Schreiber abhanden gekommen wie die lästige Verwandtschaft, die ins Altersheim am anderen Ende der Stadt gezogen ist und sich seitdem nicht mehr gemeldet hat. Zum Glück, denn die Rechtschreibung war ihm von jeher ein Buch mit sieben Siegeln, verfasst von Quälgeistern einer feindlichen Macht. Dass diese Quälgeister nun durch die Rechtschreibdebatte in die Kritik geraten und Chefredakteure mit ihnen endlich Schluss machen wollen, ist ihm eine tiefe Genugtuung. Die Beispiellisten merkwürdiger Schreibweisen, die er in den Boulevardzeitungen liest, erinnern ihn ungut an das Chaos, das auf seiner TV-Fernsteuerung herrschte, als die Kinder versehentlich sämtliche Senderplätze verstellt hatten. Beim Kreuzzug gegen die Rechtschreibreform beteiligt sich der Nicht-Schreiber deshalb meinungsstark – aber nur mündlich. spa

 
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