migration Das globalisierte Dienstmädchen

Die Migration wird weiblich: Gebildete Frauen aus armen Ländern verdingen sich als Haushaltshilfen in reichen Industriestaaten. So wie Lydia Flores. Sie arbeitet illegal in Frankfurt am Main, damit ihre Kinder in den Philippinen ein besseres Leben führen können

Die Sonne scheint, der Himmel glänzt, im Rebstockpark spielen Mütter mit kleinen Kindern. Zum Beispiel Lydia Flores*, schlank, hübsch, schwarze Haare, 34 Jahre alt. Zärtlich hält sie das Baby im Arm. Sie lächelt es an, sie summt ihm ins Ohr, sie streichelt seine Wange. Das bringt ihr neun Euro die Stunde.

Lydia, die Ersatzmutter. Man kann sie mieten. Sie wohnt in einem grau verputzten Haus hinter der Frankfurter Uni. Von den Fensterrahmen blättert weiße Farbe, neben der Tür kleben 17 Klingelschilder. Auf einem steht kein Name.
»Besser, man sieht nicht gleich, wer hier wohnt«, sagt sie.

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Lydia, die Illegale. Wenn sie auf der Straße einen Polizisten sieht, wechselt sie die Richtung. Wenn sie in die S-Bahn steigt, kontrolliert sie zweimal, ob sie eine Karte hat. So wie man das macht, wenn man in Deutschland lebt, aber keinen deutschen Pass hat und keine Aufenthaltsgenehmigung, erst recht keine Arbeitserlaubnis.

Natürlich arbeitet sie trotzdem. Vormittags geht Lydia Flores putzen, schrubbt Böden, wäscht Hemden, füttert Hunde, nachmittags schiebt sie den Kinderwagen mit dem fremden Baby durch die Stadt. 15 Monate alt ist der kleine Ricardo. Sein Vater verkauft Wertpapiere in einer Bank, seine Mutter ist Anwältin. Lydia verbringt mehr Zeit mit ihm als seine Eltern.

Von ihren eigenen Kindern hat sie nur Bilder. Die Wohnung mit dem leeren Klingelschild ist voll davon. Ihr kleiner Sohn, stolz in Schuluniform. Ihre beiden Töchter, wie sie um die Wette grinsen. Die Fotos hängen am Kühlschrank, stehen im Regal, kleben im Album.

Der Kinder wegen ist sie nach Deutschland gekommen. Um ihnen Geld schicken zu können. Seit sechs Jahren ist sie hier. »Seit sechs Jahren habe ich meine Kinder nicht gesehen.« Sie weint, als sie das sagt.

Lipa. Schnelle Tropfen schlagen gegen Dächer aus Blech und Holz, auf den Straßen drängen sich triefende Menschen. Regenzeit in einer philippinischen Stadt, 100 Kilometer südlich von Manila. Alte Frauen verkaufen lebende Hühner, Taxifahrer warten auf Kunden, Fabrikarbeiter tappen durch knöcheltiefes Wasser. Vor dem Haus der Familie Flores hält ein Minibus. Zwei Kinder, die ihre Mutter seit sechs Jahren nicht gesehen haben, steigen ein, sie bleiben trocken.

Der Bus prescht durch die Pfützen, vorbei an kleinen Garküchen und winzigen Werkstätten, in denen schwitzende Männer auf alten Mopeds herumklopfen. Vorbei an halb gefüllten Mägen und der Gewissheit, nie einen richtigen Job zu finden. Vorbei am Leben derer, die nicht genug Geld haben, ihre Kinder auf eine Privatschule zu schicken.

Der Bus biegt auf die Hauptstraße, und fast am Ende der Stadt hält er vor einem marmorweißen Gebäude. Neben dem Tor stehen Wachmänner, auf der Mauer hängt Stacheldraht, im Innenhof wachsen Orchideen. Eine Schule für die Kinder reicher Leute. Ihre Eltern sind Manager, Anwälte, Politiker.

Oder Putzfrauen.

Manila. Im Hafen der philippinischen Hauptstadt lagerten die Spanier einst den Zucker, den sie nach Europa verschifften. Heute sitzt das vielleicht wertvollste Exportprodukt der Dritten Welt auf Plastikstühlen in einem fensterlosen Raum, erhellt von weißem Neonlicht. Es sind Frauen.

Sie sind gekommen, um zu lernen. Zwei Dutzend sind es, in diesem Kurs an der Philippine Women’s University. Die meisten sind Ende zwanzig oder Anfang dreißig, sie haben studiert, sie haben ein paar Jahre gearbeitet. Jetzt wollen sie endlich richtig Geld verdienen.

Vor ihnen steht ein großes, schweres Bett, und neben dem Bett steht eine dicke, ebenfalls junge Frau, das ist die Dozentin. Sie sagt: »Wichtig ist, dass das Muster der Tagesdecke parallel zur Matratze verläuft.« Sie zupft ein wenig an der Decke.

Die Frauen sind ausgebildete Lehrerinnen, Buchhalterinnen, Tierärztinnen. Sie wissen, wie man Mathematik unterrichtet, eine Bilanz erstellt, eine Kuh kuriert. Jetzt bekommen sie gezeigt, wie man in reichen Ländern Betten macht, in einem amerikanischen Hotel zum Beispiel oder in einem italienischen Haushalt. Sie lernen, wie eine Geschirrspülmaschine funktioniert, und erfahren, mit welchen Spielsachen sich kanadische oder deutsche Kinder die Zeit vertreiben. Nach sechs Monaten sind sie diplomierte Haushälterinnen.

Dann steigen sie in ein Flugzeug und verlassen das Land.

So werden sie Teil eines globalen Trends, von dem im lokalen Streit um Zuwanderungsgesetz und Auffanglager wenig zu hören ist. In dieser »Feminisierung der Migration« vermischen sich auf seltsame Weise feudale Vergangenheit und emanzipatorische Gegenwart. Lehrerinnen aus den Philippinen, Studentinnen aus Mexiko, Übersetzerinnen aus Ecuador, Juristinnen aus Ghana brechen auf in Länder, in denen Frauen heute Konzerne, Hochschulen und politische Parteien führen, um dort Arbeiten zu verrichten, die seit Jahrhunderten als Frauenarbeit gelten: Sie putzen, sie kochen, sie kümmern sich um die Kinder fremder Leute.

Inzwischen machen Frauen, sonst auf den Arbeitsmärkten stets die Minderheit, weltweit mehr als die Hälfte der Migranten aus. Die amerikanische Soziologin Arlie Russell Hochschild, Mitherausgeberin des Buches Global Woman, nennt das »die weibliche Seite der Globalisierung«. Nirgends ist sie so sichtbar wie in den Philippinen, einem Land, das Arbeitskräfte exportiert wie andere Länder Kaffee oder Kakao. Einem Land, in dem vor 30 Jahren 12 Prozent der Auswanderer Frauen waren. Heute sind es 70 Prozent.

Gleich vor der Philippine Women’s University beginnt die Jobbörse, verteilt auf Hunderte, einst oft schummrig rote Räume in schmalen Straßen. Vor Jahren verbot hier der Bürgermeister die Prostitution. Die Zuhälter und Huren zogen fort.

Andere Geschäftemacher zogen ein. Den Plüsch schmissen sie hinaus, stellten Tische und Stühle auf nackten Stein. Und gaben sich Namen wie Royal Dream International Services. E-Mail, Telefon, gute Kontakte in fremde Länder, mehr brauchen sie nicht für ihre Dienste. 1200 Agenturen sind es inzwischen, die Filipinos ins Ausland vermitteln. Statt kaum bekleideter, ewig lächelnder Mädchen stellen sie schlichte Schilder ins Fenster. »Jobs im Ausland!« steht da. Oder: »Dringend gesucht: 200 Haushaltshilfen für Hongkong.« Das ist Reiz genug.

Hinter der Tür, im schmalen Büro, sitzt dann zum Beispiel eine Frau wie Violeta Enano*, nicht mehr jung, nicht mehr schlank, mit Puder bestäubt, mit Ringen behängt, zurückgelehnt in einem schwarzen Ledersessel. Sie sagt: »Für eine Dienstmädchenstelle in Hongkong verlangen wir 40 000 Pesos.« 40 000 Pesos, das sind 665 Euro. Die Gegenleistung der Agentur ist ein Arbeitsvertrag, etwa bei einer englischen Familie, Bezahlung 3670 Hongkong-Dollar im Monat, knapp 400 Euro, plus Unterkunft und Verpflegung.

Nimmt eine gut ausgebildete philippinische Lehrerin einen solchen Job an, ist das für Ökonomen eine Verschwendung von Humankapital – sie arbeitet weit unter ihren Möglichkeiten. Für die Lehrerin ist es ein gutes Geschäft. In den Philippinen verdient sie nicht einmal halb so viel Geld, und Miete und Essen muss sie selbst bezahlen.

Singapur, Taiwan, Saudi-Arabien, Kuwait, Hongkong – überall dort haben die Behörden mit Entwicklungsländern wie den Philippinen eine Art Freihandelsabkommen getroffen. Es lautet: Ihr schickt uns Dienstmädchen, wir geben ihnen Geld und Arbeitserlaubnis. Seitdem ist die Hausarbeit dem Kapital gleichgestellt. Sie zieht frei und legal von Land zu Land.

Aber was, Frau Enano, ist mit Ländern, die von solchen Vereinbarungen nichts halten, in denen Arbeitskräfte aus der Dritten Welt offiziell nicht erwünscht sind? Was ist mit Deutschland, mit Schengen-Land, mit der Festung Europa? Was machen Frauen, die dort arbeiten wollen?

Ein Blick, ein Zögern. »Deutschland? 300 000 Pesos.«

Umgerechnet etwa 5000 Euro. So viel kosten die Unterlagen für ein Touristenvisum: ein gefälschter Kontoauszug, ein nachgemachter Vermögensnachweis, eine imitierte Arbeitsbescheinigung. Belege, die der deutschen Botschaft in Manila vorgaukeln, die Antragstellerin wolle der schönen Landschaft und nicht des Geldes wegen in die Bundesrepublik. Andere besorgen sich gleich einen falschen Pass, ein falsches Visum, wieder andere engagieren Schlepper, die sie über Osteuropa in den Westen bringen. Manche kommen damit durch.

Jeden Tag verlassen etwa 1900 philippinische Frauen ihre Heimat, um im Ausland zu arbeiten. Die Regierung in Manila nennt sie »Helden der Gegenwart«.

Jeden Tag stellt die deutsche Botschaft in Manila mehrere Dutzend Touristenvisa aus. Niemand weiß, wie viele der vermeintlichen Touristen wirklich Touristen sind.

Lydia Flores war keine Touristin.

Lipa. Sie wollte ja nicht weg. Wollte bleiben. Wollte glücklich sein mit Carlos, ihrem Mann, und den Kindern, damals, 1998, als die Leute noch genug Essen bestellten.

Lydia besitzt ein kleines Schnellrestaurant. Nichts Besonderes in den Philippinen, wo es an jeder Ecke billiges Essen gibt. Sie führt den Laden so energisch wie erfolgreich. Ihre Angestellten kochen Reis, braten Fleisch, die Leute kaufen, der Geruch des Geldes lockt den Bürgermeister an. Er will am Gewinn beteiligt werden, sonst werde er den Laden schließen. Auch das nicht ungewöhnlich, ein kleines Beispiel nur für die tägliche Korruption, die große Geißel des Landes. Lydia findet einen Kompromiss: Sie gibt nichts her vom Gewinn, garantiert aber Jobs für die Schützlinge des Bürgermeisters, stellt ihn damit zufrieden. Und scheitert dann doch.

Weil gleich gegenüber eine Filiale von Jollibee aufmacht, der größten Fast-Food-Kette des Landes. In den Philippinen ist sie mächtiger als McDonald’s.

Auch ihr Ehemann Carlos gerät in Schwierigkeiten, fast zur selben Zeit. Er hat eine kleine Druckerei, blanke T-Shirts versieht er mit Fotos und Schriftzügen und verkauft sie an Unternehmen. Bis die Druckwellen der Asienkrise die Unternehmen massenweise in die Pleite reißen.

Ein paar Wochen lang versuchen die beiden es weiter. Dann fällen sie eine Entscheidung. Sie verkaufen das Auto, holen Geld vom Konto, Lydia sperrt das Restaurant zu, dann steigt sie in den Überlandbus. Fahrziel: Manila.

Frankfurt. Minirock und VW-Käfer, Nierentisch und Uwe Seeler. Symbole für die fünfziger und sechziger Jahre gibt es viele. Das vielleicht folgenreichste aber wird oft vergessen: die Hausfrau.

Noch 1970 strebten in der Bundesrepublik nicht einmal 50 von 100 Frauen zwischen 25 und 55 Jahre auf den Arbeitsmarkt. Der Rest blieb zu Hause bei Kindern und Töpfen.

Heute sind es 79 von 100, die eine bezahlte Arbeit haben oder suchen. Heute erheben Frauen »Anspruch auf ein Stück eigenes Leben«, schreibt die Münchner Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim. Sie wollen, was früher nur ihre Männer wollten: einen Beruf. Sie wollen Geld verdienen, Lob bekommen, Kunden und Kollegen haben, vielleicht irgendwann befördert werden.

Nur, die Männer wollen das auch. Immer noch. Und ausschließlich.

Aber wer kümmert sich dann um die Kinder, wenn sie von der Schule kommen? Wer wäscht die Unterhosen, wer putzt das Klo? Irgendjemand muss das ja machen.

Stimmt. Auf einmal ist da auch jemand. Nach Berechnung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung beschäftigen inzwischen fast vier Millionen deutsche Haushalte bezahlte Hilfskräfte, legal und vor allem illegal.

Die Sozialwissenschaftlerin Helma Lutz von der Universität Münster nennt das »die neue Dienstmädchenfrage im Zeitalter der Globalisierung«. Ausgerechnet in der Welt des digitalen Kapitalismus, im Land der Frauenquoten und Gleichstellungsbeauftragten beschäftigt man wieder Personal. Wie einst im Kaiserreich dienen die Armen wieder den Reichen. Nur dass die Putz- und Kinderfrauen nicht mehr aus deutschen Bauern- oder Arbeiterfamilien stammen. Sondern aus der Dritten Welt.

Und dass sie nicht immer Frauen sind.

Neun Monate hat Lydia ohne ihren Mann in Deutschland gelebt. Dann fuhr auch Carlos nach Manila, besorgte sich das Visum, landete in Frankfurt, kam durch die Kontrollen. War in Deutschland. Zwei verdienen mehr als einer. Je mehr sie verdienen, desto eher können sie zurück nach Hause.

Auch Carlos geht putzen. Auch er ist 34 Jahre alt. Ein schmaler, eloquenter Mann, der verlegen lächelt, wenn er von seiner Arbeit erzählt. Schrubben, wienern, bügeln, in den Philippinen wäre er eine Rarität. Auf dem weltweiten Arbeitsmarkt aber hat ein Putzmann bessere Chancen als so mancher Ingenieur. Wenn auch nicht ganz so gute wie eine Frau. Lydia arbeitet jede Woche mindestens 60 Stunden. Carlos ist froh, wenn er auf 40 kommt, mehr gibt die Auftragslage nicht her. Sorgfältiges Saubermachen und gewissenhaftes Kinderhüten trauen moderne deutsche Frauen einem Mann nicht so recht zu. Moderne deutsche Männer auch nicht.

Lipa. Die Regenwolken sind verschwunden, die Sonne auch, durch die Dämmerung springt eine Kröte. José sagt: »Eigentlich ist das hier ein schönes Land.«

In Unterhemden und kurzen Hosen sitzen die Männer vor dem Haus in der verglimmenden Hitze. Sie sind müde vom Tag, sie sitzen hier oft am Abend. Sie trinken ein Bier und dann noch eins, und dann reden sie. Da sitzt José, Carlos’ Bruder, der studiert hat und jetzt an einer Tankstelle arbeitet, für ein paar hundert Pesos am Tag. Da sitzt Fernando, Carlos’ zweiter Bruder, der studiert hat und jetzt am Fließband steht, für ein paar 100 Pesos am Tag. Da sitzt Miguel, der Vater, dessen Augen träge sind nach Jahrzehnten der Fabrikarbeit und der jetzt mit ansehen muss, wie die Söhne das gleiche harte Leben führen wie er selbst.

Die Männer erzählen von Zahlen, die sie in der Zeitung lasen. Dass jeder dritte Filipino arbeitslos oder unterbeschäftigt ist, zum Beispiel. Und sie sprechen von Dingen, die sie nicht lesen müssen, sondern selbst erleben. Fast nirgendwo im Land sind noch langfristige Arbeitsverträge zu bekommen, überall wird der gesetzliche Mindestlohn unterschritten, kaum ein Unternehmen hält sich an die 290 Pesos am Tag, umgerechnet knapp fünf Euro. Dafür konnte jeder, der Geld brauchte, bei den Präsidentschaftswahlen im Mai einem der Kandidaten seine Stimme verkaufen, für einen Wochenlohn. Genau wie bei der Wahl zuvor.

Das Bier ist alle, der Abend vorbei. José sagt: »Drei Jahre gebe ich mir noch, wenn es dann keine besseren Jobs gibt, gehe ich auch.«

Frankfurt. Zwei Männer stehen am Hauptbahnhof vor einem Laden. Sie stehen nebeneinander und reden nicht. Schauen nur. Kauen Kaugummi und schauen sich die Leute an, die dort die Straße überqueren, zu den Zügen hetzen, eine Bratwurst essen.

Eine Frau steigt aus der Straßenbahn, schlank, hübsch, schwarze Haare. Sie muss am Bahnhof vorbei, eigentlich, aber daran denkt sie jetzt nicht. Sie lässt den Blick schweifen, sieht die beiden Männer stehen und Menschen beobachten. Sie dreht sich um und steigt wieder in die Straßenbahn.

So muss man sich das vorstellen, wenn Lydia Flores in Frankfurt unterwegs ist. Immer aufmerksam, immer konzentriert. Eine Ausweiskontrolle, und schon würde sie abgeschoben. Über die Jahre, sagt sie, habe sie einen Instinkt entwickelt für die Polizei, auch für Zivilbeamte.

Eigenartig schizophren ist es, dieses Leben in Deutschland. Einerseits ist Lydia ja hochwillkommen hier, die Leute reißen sich um sie. Immer wieder rufen Auftraggeber auf ihrem Handy an, mal neue, mal alte, wollen sie anheuern für eine Extraschicht, fragen, ob sie sich nicht künftig auch abends um die Kinder kümmern könne. Sagen ihr manchmal lächelnd, sie wären verloren ohne ihre Arbeit.

Andererseits wäre es theoretisch am besten, sie und Carlos gingen den ganzen Tag nicht aus der Wohnung, dann wären sie sicher. Allerdings nur, wenn es sich um die Wohnung eines Kunden handelte, bei der eigenen wissen sie ja nie. Wenn erst die Polizei kommt, hilft auch kein Instinkt mehr.

Einmal war es schon so weit. Von irgendwem hatten die Beamten einen Tipp bekommen, sie läuteten, klopften, und Lydia und Carlos standen im Flur, krampften die Muskeln zusammen und hofften, die Polizisten würden nicht die Tür aufbrechen. Kaum dass die Männer fort waren, sind sie aus der Wohnung gerannt, zu philippinischen Freunden zuerst, anderen Illegalen, und später dann umgezogen in eine andere Wohnung.

Fünfmal haben sie in Frankfurt die Bleibe gewechselt in den vergangenen fünf Jahren. Jetzt leben sie zu zweit auf 34 Quadratmetern und zahlen 640 Euro. Alle paar Monate verlangt der Vermieter irgendwelche Nachzahlungen, Strom, Wasser, Gas, manchmal bis zu 1000 Euro, ohne Belege zu zeigen. Sie können wenig ausrichten dagegen, wo sollten sie sich beschweren? Er sieht es wohl als Risikoprämie. Schließlich kann er sich denken, was es mit zwei Ausländern auf sich hat, die sich nicht ausweisen wollen und ihre Miete stets bar bezahlen.

Aber all das sei auszuhalten, nicht weiter schlimm, sagt Lydia Flores. Wirklich schlimm war nur die Sache mit Rosanna, ihrer jüngsten Tochter. Die sie nach Hause schicken mussten.

Es beginnt im Sommer 2000. Nach knapp zwei Jahren in Frankfurt wird Lydia schwanger – und das Leben erst richtig kompliziert. Sie muss jetzt öfter zum Arzt. Illegale haben aber keine Krankenversicherung. Das Einzige, was sie haben, sind Freunde, andere Filipinos, andere Illegale, in Frankfurt leben mehr als 1000, und die helfen sich aus mit Tipps und Hinweisen. Zum Beispiel mit der Telefonnummer der Organisation Frauenrecht ist Menschenrecht (FIM). Dort bekommen Illegale die Adressen von Ärzten, die gegen Bargeld behandeln und keine Fragen stellen.

25 bis 50 Euro zahlt die schwangere Lydia pro Untersuchung. Und 350 Euro allein dafür, dass der Arzt sie an ein Krankenhaus vermittelt. Dorthin bringt Carlos seine Frau, als die Wehen einsetzen. Um sieben Uhr morgens kommt Rosanna zur Welt, um vier Uhr nachmittags ist Lydia mit dem Baby zu Hause. In der Klinik haben sie nach ihrem Pass gefragt, da bekam sie es mit der Angst zu tun.

Nun sind sie zu dritt. Und geraten in Panik. Wenn sie beide weiterhin arbeiten gehen, ist das Kind allein. Aber wenn Carlos zu Hause bleibt, reicht Lydias Einkommen gerade mal, um das Leben der drei in Deutschland zu finanzieren. Was wird dann aus der Familie daheim?

Knapp ein Jahr lang schlagen sie sich durch. Sie engagieren philippinische Freunde als Babysitter, nehmen die Kleine mit zum Putzen, arbeiten schließlich doch weniger, bis sie irgendwann merken, es geht nicht, das Geld wird knapp.

Da bleibt nur eines. Einer Bekannten, die zurück nach Manila fliegt, geben sie die Tochter mit, schicken sie nach Hause, nach Lipa. Sie haben jetzt drei Kinder, die auf der anderen Seite der Erde heranwachsen, jeden Tag ein bisschen größer werden, und sie bekommen nichts davon mit.

»Wir können sie nicht einmal besuchen«, sagt Lydia. Sie kämen ja nicht mehr zurück. Sie kennen Landsleute, die haben es nicht mehr ausgehalten. Die sind nach Hause geflogen, um die Familie zu sehen, und wollten dann wieder zurück nach Frankfurt. Sie kamen nicht durch. Einen Freund von Carlos haben sie in Paris am Flughafen erwischt, von dort wollte er weiter nach Deutschland. Das Visum war gefälscht. Abschiebehaft.

Manila. Den Menschen in der 12-Millionen-Stadt rinnt der Schweiß von der Stirn, die Autos hupen, die Luft stinkt, im Saal des Shangri-La-Hotels kühlt die Klimaanlage 160 kluge Köpfe.

Es ist der 17. Mai 2004, es tagt die Global Commission on International Migration. Wenige Monate zuvor hat UN-Generalsekretär Kofi Annan ihre 18 Mitglieder benannt, unter ihnen ehemalige Minister und Regierungschefs. Im Sommer 2005 sollen sie ihren Bericht vorlegen, jetzt sind sie nach Manila gekommen, um mit Experten aus der halben Welt über die Ursachen und Folgen der Migration zu diskutieren. Sie reden über die gigantische Ungleichheit zwischen Nord und Süd und die Illusion der Industrieländer, sich abschotten zu können. Sie sprechen davon, dass sich die Zahl der Migranten seit 1970 weltweit mehr als verdoppelt hat und dass nur eine kleine Minderheit der Auswanderer vor Kriegen oder Diktatoren flieht, die große Mehrheit aber schlicht nach Arbeit sucht. Wie immer, wenn jemand über diese Dinge debattiert, fällt schnell das Wort brain drain.

Abfluss von Wissen. Hinter diesem Begriff verbirgt sich der Gedanke, dass es einem Entwicklungsland nicht hilft, wenn es die wenigen Ingenieure, Programmierer oder Chirurgen, die es hervorbringt, ans Ausland verliert. Im Wissenszeitalter Wissen einzubüßen, das klingt gefährlich.

Aber womöglich gibt es da noch ein viel größeres Problem.

Plötzlich wirft im Shangri-La-Hotel jemand einen Begriff in die Runde, der weit weniger nach Mikroprozessoren und Feinmechanik klingt, sondern nach etwas viel Grundlegenderem. Care drain. Der Abfluss von Fürsorge.

Anders gesagt: Wenn die Frauen ins Ausland gehen, wer kümmert sich dann um die Kinder? Die Kranken? Die Alten? Denn eines gilt auch im Zeitalter des globalen Kapitalismus auf allen Kontinenten: Andere Menschen zu pflegen, zu erziehen, zu betreuen, das ist Sache der Frauen.

In Ghana, Kenia, Ecuador, Sri Lanka und Dutzenden anderen Entwicklungsländern suchen Klinikchefs verzweifelt nach Krankenschwestern. Ein Großteil ihres bisherigen Personals arbeitet in den Industrieländern.

In den Philippinen wächst jedes dritte Mädchen, jeder dritte Junge ohne Mutter, Vater oder ganz ohne Eltern auf.

Niemand weiß, was aus so einer Gesellschaft wird.

Als Carlos im Frühjahr 1999 seiner Frau nach Deutschland folgt, lässt er den damals dreijährigen Rene und die zweijährige Elisa bei Lydias Cousine Aurea zurück. Für Aurea geht das schon in Ordnung, sie hat gerade ihren Job verloren, wohnt wieder bei ihrer Mutter, weiß nicht so recht, wohin mit ihrer Zeit, und schließlich sind sie ja alle eine Familie.

Aber dann vergehen die Jahre. Aurea ist kaum jünger als Lydia, sie hat sich ihr Leben anders vorgestellt. Sie will weg, wieder arbeiten, heiraten, selbst eine Familie gründen. Stattdessen kommt die kleine Rosanna aus Deutschland hinzu.

Zuerst kümmern sich Carlos’ Großeltern um das Baby. Lydia gefällt das nicht, sie will, dass die Kinder zusammen aufwachsen. Seit ein paar Wochen wohnt jetzt auch die heute dreijährige Rosanna bei Aurea. Und will zurück zur geliebten Großmutter. Es gibt Ärger, es gibt Tränen, Aurea wird das alles zu viel. Sie spricht mit Lydia, dann stellt sie mit dem Geld aus Deutschland eine Kinderfrau ein, ein junges Mädchen aus einer bitterarmen Bauernfamilie, die mit ein paar tausend Pesos im Monat zufrieden ist.

Die US-Soziologin Russell Hochschild bezeichnet das als »die weltweite Fürsorgekette«: Eine Frau und ein Mann in Deutschland möchten des Kindes wegen nicht auf ihre Arbeit verzichten. Deshalb heuern sie eine Kinderfrau aus den Philippinen an, die daraufhin ihre Kinder nicht mehr sieht. Also engagiert sie ihrerseits Tausende Kilometer entfernt eine Kinderfrau. Eine, die noch ärmer ist als sie.

Einmal die Woche, meistens sonntags, ruft Lydia mit dem Handy bei den Kindern an. Der heute achtjährige Rene erzählt ihr dann zum Beispiel, dass er neulich auf dem Zeichentrickkanal Nickelodeon wieder Blues Clues gesehen hat, eine Sendung, in der eine großohrige Hundedame mit einem Jungen namens Steve ulkige Abenteuer erlebt. Rene kann davon sehr aufgeregt berichten, aber Lydia weiß nichts anderes zu antworten als »Aha« oder »Hm«, und dann verliert Rene die Lust, und plötzlich ist ein schmerzhaftes Stocken im Gespräch. Lydia kennt die Sendung ja nicht, die lief erst an, als sie längst in Deutschland war.

Sie schicken Geld, sie rufen an, sie bleiben unsichtbar. Inzwischen kursiert in den Philippinen ein neuer Ausdruck für diese Art von Müttern und Vätern: cellphone parents. Handy-Eltern.

Lipa. Ein paar Kilometer außerhalb der Stadt, zwischen Feldern und Kokospalmen, liegt das Dorf Talisay. Es ist ein Dorf wie Tausende andere in den Philippinen. Die Leute wohnen in Hütten aus Bambus und trockenen Brettern, gleich daneben wohnen die Nachbarn und dazwischen ist immer noch Platz für die Wäsche, den Müll und die Hühner. Jedenfalls war das früher so.

Heute wächst in Talisay gewissenhaft gestutzter Rasen, und fast alle Leute leben in einem hübschen Haus aus poliertem Stein, mit Säulen vor der Tür und Ziegeln auf dem Dach. Auf der Veranda sitzen die Männer im Schatten, mit Uhren am Arm, Kettchen auf der Brust und einem Bier in der Hand. Die Frauen, die Töchter, Mütter, Schwestern oder Cousinen kochen und putzen derweil. In Hongkong, in Singapur, die meisten in Italien.

Es gibt inzwischen viele solche Dörfer, solche Häuser im Land. Wo immer in der Provinz plötzlich eine Villa aus dem Boden wächst, kann man sicher sein, dass das Geld nicht aus den Philippinen stammt. Inzwischen schätzen Ökonomen, dass jeder vierte Filipino Überweisungen aus dem Ausland bezieht. Nicht nur in den Philippinen ist dieser Finanzstrom längst mächtiger als die Entwicklungshilfe aus dem Norden. 1970 sandten die Migranten dieser Welt zwei Milliarden Dollar in ihre Heimatländer, vergangenes Jahr waren es fast 180 Milliarden. Immer öfter kommt das Geld von Frauen.

Irgendwann kehren sie zurück nach Hause, diese Frauen, die Handy-Mütter, so wie Lydia Flores eines Tages nach Lipa zurückkehren wird. Manche führen dann ein glückliches Leben, gestützt auf den in der Ferne geschaffenen Wohlstand.

Anderen ergeht es wie Helen Seals.

Sie war Anfang 40, als ihr Mann viel zu jung starb. Helen, bis dahin eine gewöhnliche philippinische Hausfrau, brauchte dringend Geld für sich und die sechs Kinder, also ging sie nach Hongkong. 15 Jahre lang ist sie geblieben. Sie hat für Amerikaner, Chinesen, Koreaner, Japaner, Deutsche und Italiener gearbeitet. Was sie verdiente, sandte sie nach Hause.

Dann kehrte Helen zurück in die Philippinen. Nach der scheinbar begeisterten Begrüßung musste sie erkennen, dass ihre Kinder nichts mehr von ihr wissen wollten. Nie hatten sie verziehen, dass sie bei den verhassten Großeltern aufwuchsen.

Jetzt lebt Helen Seals allein in ihrem Häuschen. Eine alte Frau ist sie, mit kaum mehr als 60 Jahren, die hin und wieder im Garten arbeitet, keine Geldprobleme hat, aber sich vor Schmerzen krümmt, wenn sie von ihrer Einsamkeit erzählt. Keines der inzwischen erwachsenen Kinder kümmert sich um sie, nur eine Tochter schaut sporadisch vorbei, was unvorstellbar ist in einem Land, in dem die Familie als Kern privaten Glückes gilt.

Helen Seals aber hat ihre Kinder verloren. Die teure Privatschule haben sie früh verlassen, ein paar hatten mit Drogen zu tun, zu vernünftigen Jobs haben sie es nicht gebracht. Insofern verwundert nicht, was sie da neulich gehört hat, über einige ihrer Kinder: dass sie weggehen wollen aus den Philippinen, ins Ausland. Zum Arbeiten.

* Name von der Redaktion geändert

 
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