migration Das globalisierte DienstmädchenSeite 9/14
Eigenartig schizophren ist es, dieses Leben in Deutschland. Einerseits ist Lydia ja hochwillkommen hier, die Leute reißen sich um sie. Immer wieder rufen Auftraggeber auf ihrem Handy an, mal neue, mal alte, wollen sie anheuern für eine Extraschicht, fragen, ob sie sich nicht künftig auch abends um die Kinder kümmern könne. Sagen ihr manchmal lächelnd, sie wären verloren ohne ihre Arbeit.
Andererseits wäre es theoretisch am besten, sie und Carlos gingen den ganzen Tag nicht aus der Wohnung, dann wären sie sicher. Allerdings nur, wenn es sich um die Wohnung eines Kunden handelte, bei der eigenen wissen sie ja nie. Wenn erst die Polizei kommt, hilft auch kein Instinkt mehr.
Einmal war es schon so weit. Von irgendwem hatten die Beamten einen Tipp bekommen, sie läuteten, klopften, und Lydia und Carlos standen im Flur, krampften die Muskeln zusammen und hofften, die Polizisten würden nicht die Tür aufbrechen. Kaum dass die Männer fort waren, sind sie aus der Wohnung gerannt, zu philippinischen Freunden zuerst, anderen Illegalen, und später dann umgezogen in eine andere Wohnung.
Fünfmal haben sie in Frankfurt die Bleibe gewechselt in den vergangenen fünf Jahren. Jetzt leben sie zu zweit auf 34 Quadratmetern und zahlen 640 Euro. Alle paar Monate verlangt der Vermieter irgendwelche Nachzahlungen, Strom, Wasser, Gas, manchmal bis zu 1000 Euro, ohne Belege zu zeigen. Sie können wenig ausrichten dagegen, wo sollten sie sich beschweren? Er sieht es wohl als Risikoprämie. Schließlich kann er sich denken, was es mit zwei Ausländern auf sich hat, die sich nicht ausweisen wollen und ihre Miete stets bar bezahlen.
Aber all das sei auszuhalten, nicht weiter schlimm, sagt Lydia Flores. Wirklich schlimm war nur die Sache mit Rosanna, ihrer jüngsten Tochter. Die sie nach Hause schicken mussten.
Es beginnt im Sommer 2000. Nach knapp zwei Jahren in Frankfurt wird Lydia schwanger und das Leben erst richtig kompliziert. Sie muss jetzt öfter zum Arzt. Illegale haben aber keine Krankenversicherung. Das Einzige, was sie haben, sind Freunde, andere Filipinos, andere Illegale, in Frankfurt leben mehr als 1000, und die helfen sich aus mit Tipps und Hinweisen. Zum Beispiel mit der Telefonnummer der Organisation Frauenrecht ist Menschenrecht (FIM). Dort bekommen Illegale die Adressen von Ärzten, die gegen Bargeld behandeln und keine Fragen stellen.
25 bis 50 Euro zahlt die schwangere Lydia pro Untersuchung. Und 350 Euro allein dafür, dass der Arzt sie an ein Krankenhaus vermittelt. Dorthin bringt Carlos seine Frau, als die Wehen einsetzen. Um sieben Uhr morgens kommt Rosanna zur Welt, um vier Uhr nachmittags ist Lydia mit dem Baby zu Hause. In der Klinik haben sie nach ihrem Pass gefragt, da bekam sie es mit der Angst zu tun.
- Datum 19.08.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 19.08.2004 Nr.35
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