Getúlio Vargas Für meine Freunde alles

Tod eines Populisten: Im August 1954 erschoss sich in Rio de Janeiro Präsident Getúlio Vargas, der Mann, der das moderne Brasilien schuf

Am Morgen des 25. August 1954 findet die Wache des Präsidentenpalastes in Rio de Janeiro einen Mann im Kabinett des Staatschefs. Seine Brust ist blutverschmiert, eine Pistole liegt am Boden. Der Mann ist tot. Vor ihm auf dem Schreibtisch steckt in der Mappe ein pathetischer Abschiedsbrief: »Wenn die Raubvögel nach Blut verlangen und das brasilianische Volk weiter ausbeuten wollen, dann bringe ich mein Leben zum Opfer…«

Die Nachricht vom Selbstmord des Präsidenten rast durch die erwachende Stadt; die Geschäftsleute, die eben ihre Läden geöffnet haben, lassen die Gitter gleich wieder herunterrasseln. Getúlio Vargas hat sich erschossen. Für einen Augenblick steht in Rio de Janeiro die Zeit still. Dann braust der Sturm los. Die Menschen laufen auf die Straße, viele weinen. Sie ziehen vor die Rathäuser, die Kirchen, vor die Zeitungsverlage und -redaktionen, die Kasernen – und vor die Botschaft der USA. Sie schlagen Scheiben zu Bruch und plündern Geschäfte; Priester werden verprügelt. Die Polizei schaut zu, die Soldaten bleiben in den Kasernen. Einige Honoratioren verstecken sich. Darunter Carlos Lacerda, der Senator und Zeitungszar in Rio de Janeiro; er ist erst wenige Tage zuvor knapp einem Attentat entkommen.

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Vargas’ Freitod ist eine letzte, düstere Inszenierung gewesen. In einer nächtlichen Kabinettsrunde hatten ihn die Generäle und Minister zum Rücktritt aufgefordert, sonst würde er abgesetzt. Der Präsident hatte um einige Stunden Bedenkzeit gebeten und dann seinen Abschiedsbrief geschrieben.

Die Revolte löst eine mittlere Hysterie aus. Die Rechnung der Männer aus dem Generalstab und der Grundbesitzerpartei UDN geht nicht auf. Sie werden gezwungen, Neuwahlen ausschreiben zu lassen. Und Getúlio Vargas gewinnt post mortem haushoch. Seine Erben, die Reformer Juscelino Kubitschek, Janio Quadros und João Goulart, übernehmen das Ruder. Bis 1964 ein zweiter Putsch die Demokratie beseitigt. Diesmal zwei Jahrzehnte lang – und mit offener Unterstützung aus Washington.

Dass ein lateinamerikanischer Präsident gestürzt wird, ist nicht weiter bemerkenswert. Dass einer lieber freiwillig in den Tod als ins Exil geht, schon eher. Wer war Getúlio Vargas, und warum fühlten sich die Brasilianer ohne ihn so verlassen?

Einen starken Staat: Das wollte Vargas; nicht unbedingt eine demokratische Gesellschaft. Ein patriarchalisches Regime schwebte ihm vor, wie so vielen lateinamerikanischen Populisten nach ihm, von Juan Domingo Perón bis Hugo Chávez. In den insgesamt 19 Jahren seiner Herrschaft stülpte Vargas die alte brasilianische Latifundien-Aristokratie um und schuf im Kern eine Industrienation mit – gegängelten – Gewerkschaften, Verbänden und Institutionen. Er nannte diese Entwicklungsdiktatur »Estado Novo«.

Die Vargas-Epoche wurde die Gründerzeit für das moderne Brasilien. In dieser Zeit entwuchs das Land seinen kolonialen und feudalen Strukturen. Das tropische Reich war nicht länger mehr ein Flickenteppich der Provinzfürsten und Advokaten, die Nation kein Phantom mehr. Der Staat sollte nun allen gehören, aber auch für alle sorgen.

Getúlio Dornelles Vargas kam 1883 in São Borja zur Welt, im äußersten Süden des Landes. Sein Vater war General, auch der Sohn schlug die militärische Laufbahn ein, die er aber abbrach, um sich als Anwalt niederzulassen. Damals herrschte unter Pedro II. noch Sklaverei, die der Kaiser abschaffen wollte. Als er es wagte, rebellierten die Plantagenherren zusammen mit unzufriedenen Generälen, die sich um ihre Beute aus dem Krieg der »Triple-Allianz« betrogen fühlten, den Brasilien von 1865 bis 1870 zusammen mit Argentinien und Uruguay gegen Paraguay geführt hatte. Pedro II. wurde 1889 zur Abdankung gezwungen und ging ins Exil nach Paris. Zwar gelang es den Putschisten nicht, ihr Hauptziel zu erreichen – die Erste Republik, die »Vereinigten Staaten von Brasilien«, konnte die Aufhebung der Sklaverei nicht mehr rückgängig machen. Doch der Staat blieb das Spielzeug der Großagrarier und der militärischen Kaste.

Allerdings lösten sich die Generäle allmählich von ihren Bundesgenossen. Sie begannen von einer anderen Republik zu träumen. »Ordem e Progresso«, so stand es auf ihre Fahnen gestickt. »Ordnung und Fortschritt«, die Trennung von Kirche und Staat, die Herrschaft einer Leistungselite, die Förderung des technischen Fortschritts: So hatten sie es in den geheimen Zirkeln der Freimaurer gelernt und aus den Schriften des viel gelesenen französischen Philosophen Auguste Comte, des Verkünders der reinen positivistischen Lehre.

Die Militärs versuchten, der Ersten Republik einen modernen Mantel zu schneidern. Auf dem Lande indes, wo noch die große Mehrheit der damals 14 Millionen Brasilianer hauste, blieb alles beim Alten. Mehr als ein fauler Kompromiss mit den Großgrundbesitzern war den Generälen nicht gelungen. Dagegen regte sich in den Städten des Südens und in den Kasernen Widerstand. In Porto Alegre, in São Paulo und in Rio de Janeiro kam es in den zwanziger Jahren zu Aufständen und Revolten. Getúlio Vargas, der Jurist und Abgeordnete, inzwischen zum Oberst der Reserve avanciert und seit 1928 Gouverneur seiner Heimatprovinz Rio Grando do Sul, gehörte zu den Rebellen. Auch er hatte sich mit der Staatsphilosophie Comtes vollgesogen und träumte von einer neuen Ordnung, in der die Staatsvernunft und nicht der Stand entscheiden solle. Man müsse die Revolution machen, bevor das Volk sie macht, begründeten die Rebellen von 1930 ihren Furor.

Mal paktiert er mit den Faschisten, mal mit den Kommunisten

Die Gelegenheit war günstig, der Börsencrash am 24. Oktober 1929, dem Schwarzen Freitag, und die Weltwirtschaftskrise hatten die Kaffeearistokratie ins Mark getroffen. Ein paar Kanonenschüsse reichten aus – und das Kartenhaus der Ersten Republik fiel zusammen. Am 3. November 1930 ritt Getúlio Vargas hoch zu Pferd an der Spitze seiner »Gauchos« in Rio ein.

Die »Junta Pacificadora« der Offiziere erklärte den Präsidenten Washington Luis für abgesetzt und ernannte Vargas zum »Führer der siegreichen Revolution«. Doch nun fielen die Revolutionäre übereinander her. Einer von ihnen, Luís Carlos Prestes, geisterte noch jahrelang unter roten Fahnen durchs Hinterland, bis Vargas ihn 1935 festsetzen ließ. Er selbst, 1934 durch eine Wahl in seinem Amt bestätigt, ließ sich auf keine Abenteuer ein. Er wechselte die Fronten, wann immer es ihm passte, mal paktierte er mit den Kommunisten, mal mit den »Integralisten«, den brasilianischen Faschisten. Mal flirtete er mit den Achsenmächten, mal mit den USA. Er ließ sich von Washington eine US-Luftwaffenbasis im Nordosten Brasiliens mit einem kompletten Stahlwerk bezahlen. Er kommandierte per Dekret und regierte mit wechselnden Mehrheiten, mal gegen, mal mit, mal ohne Verfassung, seit 1937 mit diktatorischen Vollmachten ausgestattet. Anfangs trug er Uniform, später nur noch Zivil. Er hielt die Zügel in der Hand.

Er war klein gewachsen, wirkte fast unscheinbar, konnte auch, was schwer wog in einer Kultur, in der man die Rhetorik liebt, keine Reden halten. Er war seltsam verklemmt, ein wenig »druckert« würde man in Bayern sagen. Er lächelte viel, sprach wenig. Über die Familie, seine Frau Darci Sarmanho und die fünf Kinder, wusste man beinahe nichts.

Und doch wurde er zum Volkstribun; der Zeitgeist machte ihn dazu. Bevölkerungswachstum, Einwanderung, Industrialisierung und Verstädterung hatten das Land verändert. 1920 lebten bereits mehr als 30 Millionen Menschen in Brasilien, vierzig Jahre später waren es schon 75 Millionen, davon wohnte die Hälfte in den Städten. Brasilien wuchs und wuchs. Der Marktflecken São Paulo explodierte förmlich zur größten Industriemetropole der südlichen Hemisphäre. In seinem berühmten Buch über die Traurigen Tropen notierte der französische Anthropologe Claude Lévi-Strauss eine Beobachtung aus dem Jahr 1935: »Die Stadt entwickelt sich mit einer solchen Geschwindigkeit, daß es unmöglich ist, sich einen neuen Stadtplan zu besorgen: jede Woche müßte eine neue Ausgabe erscheinen […] São Paulo war damals ungezähmt.« Jeder Neubau, so kam es Lévi-Strauss vor, sei bereits eine Ruine, die Jugend der Metropole verblühe, ohne dass sie je gealtert sei.

Brasiliens Industrieproduktion hatte sich in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts beinahe verfünffacht, und in den dreißiger Jahren nochmals verdoppelt. Auch in den folgenden Jahren – im Grunde bis 1964 – steigerte sich die brasilianische Industrieproduktion um jährlich weit über fünf Prozent. Die staatlich gelenkte Industrialisierung und die Politik der Import-Substitution (also die Bevorzugung nationaler Produkte vor Importen) schien Früchte zu tragen.

Der Stern von Rio glänzte – weitab von den Kriegsschauplätzen der Welt. Aber die Schatten waren geblieben: krasse soziale Ungerechtigkeit, latenter Rassismus und die ewige Korruption. Getúlio Vargas schuf Hunderte neue Institutionen, aber eigentlich galt nur sein Wort. »Für meine Freunde alles, für meine Feinde das Gesetz«: das war seine Maxime.

Die Bilanzen des hypertrophisch wachsenden Staates, der Arbeitsplätze per Dekret schuf, rutschten immer tiefer in die roten Zahlen. Schulden hatte Brasilien schon zur Kaiserzeit gemacht, nun aber waren sie kaum mehr zu bezahlen. Die meisten Brasilianer hatten keinerlei Einblick in den Staatshaushalt. Sie glaubten nur, dass es ihnen von Tag zu Tag dank Getúlio Vargas besser ginge. Sie waren nun die Volksgenossen von »Brasil Grande«, der künftigen tropischen Großmacht.

Tatsächlich konnte niemand verkennen, dass die »aufgeklärte Diktatur« des korporatistischen »Neuen Staates« den viel beschworenen gesellschaftlichen Fortschritt vorantrieb. Es gab das Wahlrecht für Frauen, Gewerkschaften waren selbstverständlich zugelassen, Renten- und Krankenkassen wurden eingerichtet, von Unternehmern und Arbeitern zu gleichen Teilen bezahlt. Dazu garantierte der Staat einen Mindestlohn. Selbst die »Hemdlosen« hatten auf einmal Rechte. Allerdings auch die Pflicht, sich dem »Großen und Ganzen« unterzuordnen.

Die Kirche bekommt von ihm einen steinernen Christus für Rio

Den Honoratioren passte das nicht. Sie waren gewohnt, wie Fürsten zu regieren. Nun bekamen sie »Staatsinterventoren« vor die Nase gesetzt. Und die erdreisteten sich, die »Herren Rittmeister«, die »Herren Doktoren« und selbst die Kaplane wie gewöhnliche Sterbliche zu behandeln und ihnen sogar Steuern abzuverlangen. Das Vermögen der alten Aristokratie allerdings tastete Vargas nicht an. Von Landreform war nie die Rede; das hätte einen Bürgerkrieg ausgelöst. Trotz seiner zur Schau gestellten antiklerikalen Haltung gewann der schlaue Populist die Unterstützung der Kardinäle für den »Estado Novo« – um Schlimmeres, den Sieg der Kommunisten nämlich, zu verhüten. Schon gleich 1931 hatte die Kirche den steinernen Heiland geschenkt bekommen, der Rio seither vom Corcovado-Berg herab segnet und zum Wahrzeichen der Metropole geworden ist.

Vargas »Neuer Staat« forderte Gefolgschaft und belohnte mit Wohltaten. Die Unternehmer wurden durch hohe Schutzzölle und Mindestpreise vor Konkurrenz geschützt, dafür mussten sie den Arbeitern mehr Rechte einräumen. Der Klassenkampf wurde sozusagen für beendet erklärt – Unternehmer wie Gewerkschaften hatten sich in einer Art »Arbeitsfront« nach NS-Vorbild zusammenzuschließen. Im Übrigen blieb die Versammlungsfreiheit eingeschränkt, die freie Berufswahl ebenso wie das Recht auf freie Information. Es regierte die Zensur. Noch die kleinste politische oder ökonomische Aktivität bedurfte der behördlichen Erlaubnis. Doch was kümmerte das die Masse der Landarbeiter und Proletarier? Die meisten von ihnen konnten nicht lesen, von bürgerlichen Privilegien waren sie seit eh und je ausgeschlossen. Sie bewunderten diesen Führer, den »Vater der Armen«, der sich so leutselig gab.

Dagegen blieb Vargas Verhältnis zur Oberschicht gespalten. »Die Hornochsen bekämpfen mich, und sie wissen nicht einmal, dass ich für sie die Kastanien aus dem Feuer hole«, beschwerte er sich. Fatal für ihn allerdings wurde, dass er sich der militärischen Kaste zunehmend entfremdet hatte. Er war der ganzen Elite zu selbstständig geworden. Den einen galt er als zu populistisch, den anderen als zu autoritär, und die Anbiederung beim Volk ging ihnen allen zu weit.

Im Herbst 1945 putschten sie das erste Mal gegen ihn und ließen ihn verhaften. Da hatte Brasilien dank Vargas gerade über Großdeutschland gesiegt – im Tross der USA und mit der Absicht, sich der deutschen Vermögen im Lande zu bemächtigen. Aber der Präsident war seinen Militärkameraden bislang noch immer einen Schachzug voraus gewesen. Kaum aus dem Amt gejagt, ließ er sich zum Senator seiner Heimat Rio Grande do Sul wählen. Noch herrschte ja offiziell Demokratie, und der frei gewählte Nachfolger Gaspar Dutra stand ihm nahe. So konnte Vargas still und heimlich weiter die Zügel halten. Und schon 1951 saß er, zu Dutras Nachfolger gewählt, wieder im Palacio do Governo. Mit dem Segen aus Washington.

Doch Vargas fühlte sich niemandem verpflichtet. Er nationalisierte die Erdölindustrie und besaß, wie fünfzig Jahre später Chávez in Venezuela, die Chuzpe, sie an die Kandare zu nehmen. Er begann, die ausländischen, hauptsächlich amerikanischen Konzerne im Lande zu kontrollieren und überhaupt eine Politik zu betreiben, die nicht in das Kalte-Krieg-Schema von US-Präsident Dwight D. Eisenhower und seines Außenministers John Foster Dulles passte. Ein verkappter Kommunist im eigenen Hinterhof? Das durfte nicht sein.

Am Ende aber war es Vargas’ autokratischer Regierungsstil selbst, der ihm zum Verhängnis wurde. Der Senator und Presseverleger Carlos Lacerda war zu einem scharfen Kritiker des Präsidenten geworden, der pausenlos, soweit es die Zensur erlaubte, gegen ihn stänkern ließ. Man müsse ihm, befand Vargas, das Maul versiegeln. Ein Paladin fasste das als Befehl zum Meuchelmord auf. Das Attentat auf Lacerda am 5. August 1954 schlug fehl. Der Präsident wurde als Anstifter an den Pranger gestellt.

Jetzt kam alles zusammen: die enorme Staatsverschuldung, der Hass der Oligarchen, das Misstrauen in Washington. Wäre Vargas zurückgetreten, wäre sein Mythos vielleicht verblasst. Mit seinem Selbstmord in der Nacht des 24. August 1954 aber stilisierte er sich zum Märtyrer.

Gewiss war er kein Allende, kein Mann mit Visionen, sondern nur ein genialischer Populist, der sich sein Staatsverständnis oder besser seine Herrschaftstechnik aus den verschiedensten Elementen zusammengebastelt hatte. Von Frankreich und den USA hatte er dabei genommen, vom faschistischen Italien und dem nationalsozialistischen Deutschland genauso wie von der Sowjetunion.

In Europa hatte man nur wenig Notiz von Vargas genommen, er reiste ja kaum. Aber in Brasilien galt und gilt er als Vater der Nation. Wenn sie in diesen Tagen in Rio die Erde aufbaggern, um ihm ein Mausoleum zu errichten, so ist es, als wenn sie alte Wunden aufreißen. Getúlio Vargas – das war die Zeit, als Brasilien noch eine Zukunft hatte!

 
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