Getúlio Vargas Für meine Freunde allesSeite 4/4

Dagegen blieb Vargas Verhältnis zur Oberschicht gespalten. »Die Hornochsen bekämpfen mich, und sie wissen nicht einmal, dass ich für sie die Kastanien aus dem Feuer hole«, beschwerte er sich. Fatal für ihn allerdings wurde, dass er sich der militärischen Kaste zunehmend entfremdet hatte. Er war der ganzen Elite zu selbstständig geworden. Den einen galt er als zu populistisch, den anderen als zu autoritär, und die Anbiederung beim Volk ging ihnen allen zu weit.

Im Herbst 1945 putschten sie das erste Mal gegen ihn und ließen ihn verhaften. Da hatte Brasilien dank Vargas gerade über Großdeutschland gesiegt – im Tross der USA und mit der Absicht, sich der deutschen Vermögen im Lande zu bemächtigen. Aber der Präsident war seinen Militärkameraden bislang noch immer einen Schachzug voraus gewesen. Kaum aus dem Amt gejagt, ließ er sich zum Senator seiner Heimat Rio Grande do Sul wählen. Noch herrschte ja offiziell Demokratie, und der frei gewählte Nachfolger Gaspar Dutra stand ihm nahe. So konnte Vargas still und heimlich weiter die Zügel halten. Und schon 1951 saß er, zu Dutras Nachfolger gewählt, wieder im Palacio do Governo. Mit dem Segen aus Washington.

Doch Vargas fühlte sich niemandem verpflichtet. Er nationalisierte die Erdölindustrie und besaß, wie fünfzig Jahre später Chávez in Venezuela, die Chuzpe, sie an die Kandare zu nehmen. Er begann, die ausländischen, hauptsächlich amerikanischen Konzerne im Lande zu kontrollieren und überhaupt eine Politik zu betreiben, die nicht in das Kalte-Krieg-Schema von US-Präsident Dwight D. Eisenhower und seines Außenministers John Foster Dulles passte. Ein verkappter Kommunist im eigenen Hinterhof? Das durfte nicht sein.

Am Ende aber war es Vargas’ autokratischer Regierungsstil selbst, der ihm zum Verhängnis wurde. Der Senator und Presseverleger Carlos Lacerda war zu einem scharfen Kritiker des Präsidenten geworden, der pausenlos, soweit es die Zensur erlaubte, gegen ihn stänkern ließ. Man müsse ihm, befand Vargas, das Maul versiegeln. Ein Paladin fasste das als Befehl zum Meuchelmord auf. Das Attentat auf Lacerda am 5. August 1954 schlug fehl. Der Präsident wurde als Anstifter an den Pranger gestellt.

Jetzt kam alles zusammen: die enorme Staatsverschuldung, der Hass der Oligarchen, das Misstrauen in Washington. Wäre Vargas zurückgetreten, wäre sein Mythos vielleicht verblasst. Mit seinem Selbstmord in der Nacht des 24. August 1954 aber stilisierte er sich zum Märtyrer.

Gewiss war er kein Allende, kein Mann mit Visionen, sondern nur ein genialischer Populist, der sich sein Staatsverständnis oder besser seine Herrschaftstechnik aus den verschiedensten Elementen zusammengebastelt hatte. Von Frankreich und den USA hatte er dabei genommen, vom faschistischen Italien und dem nationalsozialistischen Deutschland genauso wie von der Sowjetunion.

In Europa hatte man nur wenig Notiz von Vargas genommen, er reiste ja kaum. Aber in Brasilien galt und gilt er als Vater der Nation. Wenn sie in diesen Tagen in Rio die Erde aufbaggern, um ihm ein Mausoleum zu errichten, so ist es, als wenn sie alte Wunden aufreißen. Getúlio Vargas – das war die Zeit, als Brasilien noch eine Zukunft hatte!

 
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