Von Geschichten hört Max* am liebsten den Anfang. "Noch mal von vorn", ruft er, auch wenn die Handlung noch gar nicht zu Ende ist. Der Weg ist das Ziel: Mit starrem Blick reißt Max seine kunstvoll aufgeschichteten Bauklötze ein, ordnet sie von Neuem und zerstört sie wieder. Aber wehe, wenn seine kleine Schwester Anna* die scheinbare Unordnung durcheinander bringt. Dann kreischt er in schrillen Tönen, und sein Gesicht verzerrt sich. Noch schlimmer ist es, wenn die Eltern seinen Rhythmus stören: wenn sie morgens die Haustür aufschließen, obwohl das seine Aufgabe ist; wenn sie ihm den Pullover überziehen, obwohl erst die Hose dran wäre; wenn sie ihm Margarine aufs Brot schmieren, obwohl er "Marmelade ohne" haben wollte. Dann weint Max, zittert am ganzen Körper, lässt sich kaum trösten.

Lange Zeit dachten die Eltern, ihr Sohn sei "hypersensibel". Doch dann äußerte der Kinderarzt einen Verdacht, den jetzt ein Spezialist bestätigte: "Er lebt ein bisschen in seiner eigenen Welt." Max leidet am Asperger-Syndrom, einer besonderen Form des Autismus (siehe Kasten). Typisch für die betroffenen Menschen ist, dass sie nahezu unfähig sind, Freundschaften zu schließen; Gestik und Mimik sind eingeschränkt, ihre Bewegungen ungelenk; sie reagieren mit Wutanfällen auf kleinste Veränderungen in der täglichen Routine. So wie Legastheniker wegen ihrer Leseschwäche mit dem Alphabet kämpfen, sind Menschen mit dem Asperger-Syndrom nicht in der Lage, soziale Zeichen für Ablehnung oder Sympathie zu verstehen.

Der englische Psychologe Tony Attwood nennt das "Gedankenblindheit" und erklärt, warum die Betroffenen lieber Sachbücher als Romane lesen: Sachbücher setzen weitaus weniger "Verständnis für Menschen und ihre Gedanken, Gefühle und Erfahrungen" voraus. Dabei fallen Asperger schon im Kindesalter mit ungemein korrekter, fast pedantischer Sprache und mit einem außergewöhnlichen Wortschatz auf, den sie aber nicht zum Dialog und zur Kommunikation nutzen. Hinzu kommen bisweilen motorische Unruhe und Probleme mit der Reizverarbeitung: Sie sind überempfindlich bei Berührungen. Geruchssinn und Hörvermögen sind so gesteigert, dass es zu Panikanfällen kommen kann.

"Du gehst nicht mehr an meine Sachen", weist Max seine zweijährige Schwester an, "das musst du akzeptieren." Solche Kommentare hat er auch für seine Eltern parat: "Du bist mir ein schlechtes Vorbild!" Dabei vollzieht Max für sich stets dieselben Rituale, spielt dieselben stereotypen Spiele: "Landschaften" bauen, Autos und Züge steuern oder "parken". "Ich kann euch etwas über Bahnhofshallen erzählen", ruft er aufgeregt hüpfend, als er Kindern von Bekannten sein neues Eisenbahnbuch zeigt. Doch seine Begeisterung stößt auf wenig Gegenliebe. Minuten später hockt der Vierjährige wieder allein neben dem Sandkasten. Bei großer Aufregung wedelt er mit den Händen. Dazu macht er unentwegt Geräusche. Doch zwischen irrwitzigen Wortschöpfungen verbirgt sich manchmal überraschend eine ungewöhnliche Erkenntnis: "Mama, manchmal ist das Leben so schwierig für mich."

Es ist unklar, wo "normales" Verhalten aufhört und Autismus beginnt. "Rainman", im Film verkörpert durch Dustin Hoffman, erscheint als Querschnitt all dessen, was sich die Öffentlichkeit unter einem Autisten vorstellt: ein tapsig-rührender Mensch zwischen Abkapselung und Hochbegabung.

In der Familie wird geübt, den Blickkontakt zu halten

Doch was ist mit den "anderen" Autisten, die nicht ins Auge fallen? Helmut Remschmidt ist Direktor der Marburger Universitäts-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters. Auf dem Weltkongress für Kinder- und Jugendpsychiatrie (IACAPAP), der in dieser Woche unter seiner Leitung in Berlin stattgefunden hat, hat er diese Spielart des Autismus zum Gegenstand eines Symposiums gemacht. In der Wissenschaft sorge das Syndrom derzeit für viel Gesprächsstoff, sagt der Mediziner und bestätigt aus eigener Anschauung, dass es sich dabei keineswegs um eine neue Modeerkrankung handelt. "Einer meiner ersten Patienten war ein Asperger", erinnert er sich. "Das war 1968." Schon damals sei dieses Phänomen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie bekannt gewesen, nur nicht unter dem heutigen Namen. Benannt wurde es nach dem österreichischen Kinderarzt Hans Asperger, der 1944 für diese leichtere Ausprägung des Autismus mit durchschnittlicher oder überdurchschnittlicher Intelligenz den Begriff "autistische Psychopathie" prägte. Patienten, die später nach Asperger benannt wurden, sind vergleichsweise unauffällig: Sie können sprechen und gelten nicht als zurückgeblieben. Vor sechs Jahren sei das Syndrom in Deutschland offiziell "zum Thema" geworden, heißt es beim Bundesverband "Hilfe für das autistische Kind".

Zu spät für Ben Weber*. Der 42-Jährige wurde erst 1998 als Asperger diagnostiziert. Hinter ihm und seiner heute 76-jährigen Mutter liegt ein langer Leidensweg. Als Sonderling fiel Ben zuerst im Kindergarten auf. Er galt als Perfektionist, der immer zu lange brauchte. Bei einem Begabungstest, den er als 7-Jähriger absolvierte, zeigte sich – rückblickend betrachtet – ein für Asperger typisches Bild: überdurchschnittliche Intelligenz und das auffallend starke Gefälle zwischen über- und unterdurchschnittlich ausgeprägten Fähigkeiten. Als Kind identifizierte er Moose im Wald. In der Hauptschule beeindruckte er mit seinem prähistorischen Wissen. "Das war über fossile Hominiden", erzählt Ben und hält dabei leidlich Blickkontakt. Häufig scheinen seine Augen abzuschweifen. Obwohl seine Mutter betont, dass die Familie mit ihm trainiert habe: "Du musst die Leute ansehen, wenn du mit ihnen sprichst!"