In der Öffentlichkeit gelten Asperger-Patienten oft als seltsame Käuze

Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass das Asperger-Syndrom auf genetischen Faktoren beruht – nicht auf Traumata, wie man lange Zeit annahm. Trotzdem ist noch vieles unklar. In Betracht gezogen werden auch Hirnschädigungen vor oder während der Geburt: Eine Entwicklungsstörung neuronaler Netze behindert möglicherweise die Verarbeitung komplexer Informationen. Als Ursachen gelten auch neuropsychologische Defekte. Sie betreffen neben Defiziten in Motorik und visueller Raumwahrnehmung etwa die Fähigkeit, anderen bestimmte Gefühle zuzuschreiben, Einzelheiten als zusammengehörig aufzufassen, gespeicherte Fakten abzurufen. Das Dilemma der Asperger: Sie können ihr bisweilen lexikalisches Wissen kaum nutzen oder einordnen, da bei ihnen die Wissensspeicherung überwiegt.

Charakteristisch ist die spleenhaft wirkende Fixierung auf absonderliche Fachgebiete. In der Literatur liest man von Aspergern, die leidenschaftlich gern Elektromotoren auseinander nehmen, sich für Uhren begeistern, Süßigkeiten sammeln, ohne sie zu essen, Telefonbücher oder lateinische Namen von Medikamenten studieren. Uferlos könne dieses Interessenspektrum sein, sagt Helmut Remschmidt. Er kann sich an einen Patienten erinnern, "der Kirchtürme sammeln und klassifizieren wollte" – mit Zeichnungen und Fotografien. Gleichwohl warnt der Wissenschaftler vor Klischees: "Nicht alle Asperger sind hyperintelligent." Intellektuell stark eingeschränkte Patienten gäbe es allerdings kaum. Für Ursula Franke sagt das nichts aus über die Alltagstauglichkeit. Was nutze ein IQ von 136, wenn jemand ständig zu spät zur Schule komme? Die stellvertretende Leiterin des Kölner Autismustherapie-Zentrums (ATZ) beschäftigt sich seit Jahren mit den Folgen des Asperger-Syndroms. Das ATZ ist eines von 39 Therapiezentren dieser Art in Deutschland. 14 Mitarbeiter betreuen hier derzeit rund 100 autistische Patienten. Knapp 40 davon haben die Diagnose Asperger. Das Geschlechterverhältnis männlich/weiblich liegt bei etwa vier zu eins. Beim Asperger-Syndrom sind männliche Patienten in der Regel noch häufiger als beim frühkindlichen Autismus: Hier kommen gleich acht von ihnen auf eine Frau.

Einer der "Klienten", wie sie im ATZ heißen, ist 16 Jahre alt. Seine Therapie gilt vorläufig als abgeschlossen. Franke hat unter anderem dabei geholfen, ihn aufs Abitur vorzubereiten. "Dabei wird die Strukturierung des Tagesablaufs groß geschrieben", erklärt die Therapeutin. Strukturieren bedeutet Regeln lernen: Wie schaffe ich es, pünktlich aufzustehen? Wie erledige ich meine Hausaufgaben? Wie oft muss ich meine Wäsche wechseln? Ein Schlüsselproblem vieler Asperger ist der Umgang mit der Zeit. An Pünktlichkeit können sie sich oft nur schwer gewöhnen. Die Argumentationskette, mit der die Diplompädagogin arbeitet, geht so: "Ich lebe in einer Gemeinschaft, nicht auf einer Insel. Man muss nach Regeln leben, damit man klarkommt. Wenn man Abitur machen will und nie pünktlich kommt, hat man Schwierigkeiten." Die Geheimwaffe der Therapeutin: schriftliche Verträge abschließen.

Disziplin ist nur ein Teil der Therapie. Es gibt Videoaufnahmen und Rollenspiele, mit denen die Patienten den Blickkontakt üben oder lernen können, wie man Gefühle von Gesichtern abliest. Auch das wird trainiert: Wie nimmt man mit anderen Kontakt auf? Wie verhält man sich im Treppenhaus oder an Eingängen? Dass hoch intelligente Menschen an simplen Anforderungen scheitern können, ist nach Frankes Erfahrung ein Problem, auf das Eltern und Lehrer fassungslos reagieren. Schon deshalb legt sie viel Wert auf die "Beratung des Umfeldes". 50 bis 70 Prozent ihrer Arbeit widmet Franke der Familie ihrer Klienten, dem Kindergarten, der Schule. Betroffene und Kontaktpersonen müssen lernen, mit dem Syndrom umzugehen.

Seine vielfältigen Erscheinungsformen machen es schwierig, seine Verbreitung hochzurechnen. Es wird häufiger diagnostiziert als noch vor wenigen Jahren. Und wohl auch früher: Im ATZ stehen immer öfter Vier- und Fünfjährige auf der Warteliste. Remschmidt vertritt den Standpunkt, dass ein erfahrener Psychiater Asperger schon bei Dreijährigen diagnostizieren kann. Doch mit Schätzungen zum Vorkommen hält er sich zurück – und verweist auf die spärlichen Forschungsergebnisse der Kollegen. Eine Hochrechnung aufgrund von klinischen Stichproben hat ergeben, dass zwei Prozent der Bevölkerung an Asperger leiden sollen. Remschmidt sieht die Entwicklung der Diagnostik nüchtern: "Ich glaube nicht, dass es heute mehr Fälle gibt als früher." Das Syndrom sei einfach bekannter geworden, die Aufmerksamkeit größer, die Auswertung besser. Wird es tatsächlich vererbt, könnte dies auf eine vergleichsweise hohe Dunkelziffer deuten – bezogen auf all jene Einzelgänger und Sonderlinge, die unerkannt autistische Merkmale in sich tragen. "Es gibt die, die sich durchwurschteln", sagt Ursula Franke. "Das sind dann die seltsamen Käuze."

Bei all den unterschiedlich gelagerten Fällen erscheint auch eine Prognose des Syndromverlaufs schwierig, zumal es bei Aspergern kaum Langzeituntersuchungen gibt. Für Helmut Remschmidt ist klar: Je massiver die Kontaktstörung, umso schlechter die Prognose. Bei schweren Ausprägungen erscheint betreutes Wohnen und Arbeiten bisweilen als der einzige Ausweg. Ursula Franke kennt aber auch positive Beispiele: Dolmetscher, Reiseverkehrskaufmann, Beschäftigte im IT-Bereich. Ein 35-jähriger Klient hat erfolgreich Jura studiert und ist Beamter geworden. "Ohne Publikumsverkehr", erzählt Franke, "der muss sich mit Akten herumschlagen."