Sein Mangel an Schnelligkeit, Intuition und Reizverarbeitung hat Ben zum Außenseiter gemacht. Ben selbst hat nie so recht durchschaut, warum ihn seine Mitschüler hänselten. Asperger, so heißt es, nähmen ihre eigene Persönlichkeit als "gesund" wahr. Auch sein berufliches Scheitern schien programmiert, obwohl er, dreisprachig aufgewachsen, das Abitur nachholte. Seine Laufbahn als Präparator am Geologisch-Paläontologischen Institut endete, als dort Stellen gestrichen wurden. Das Studium der Biotechnologie brach er aus ethischen Gründen ab. Die Umschulung zum Kommunikationselektroniker war vergeblich, weil er beim Vorstellungsgespräch durchfiel. "Ich wurde gefragt, ob ich irgendwelche Mannschaftssportarten mitmachen würde", erzählt er. "Ich habe gesagt, dass ich keinen derartigen Sport treibe."

"Er würde nicht lügen", sagt seine Mutter. Wer ungeschriebene soziale Regeln nicht versteht, Metaphern und Ironie wörtlich nimmt, hat eben keine Chance. Wenn sie Ben androht, sie müsse ein Hühnchen mit ihm rupfen, entgegnet er nur erstaunt: "Kein Hühnchen in Sicht!"

Ben lebt heute in einer eigenen Wohnung – allein, wie viele Asperger. Helmut Remschmidt stellt fest: "Einen Partner zu finden ist für sie ein großes Problem." Ben sagt: "Es ist schwer für mich abzuschätzen: Wie viel von mir kann der andere vertragen?" Er hat einen gesetzlichen Betreuer in amtlichen und geschäftlichen Dingen. Arbeit hat er im Ladengeschäft einer Behindertenwerkstatt gefunden. "Früher wurden solche Leute Professor", hadert seine Mutter.

Was sie bis heute nicht vergessen kann: Bürokratismus, Arroganz und Verständnislosigkeit, mit denen ihr die Fachleute begegnet sind. "Die Schuld gibt man immer den Müttern", sagt sie mit Blick auf Pädagogen, Ärzte, Beratungsstellen, Versorgungsamt, die die Sorge um ihr Kind als "Hirngespinst" abgetan hätten. Vom Asperger-Syndrom hatten die zuständigen Stellen noch nie gehört – wenigstens bis Mitte der 1990er Jahre. Häufig führten sie Bens Verhalten auf schwere Erziehungsfehler zurück. Auf die richtige Spur führte bei Ben erst ein Zeitungsartikel aus den Niederlanden, der von einem ähnlichen Fall handelte. Da war er bereits 36.

Wie wäre sein Leben wohl verlaufen, wenn seine Persönlichkeitsstörung früher erkannt worden wäre und er schon im Grundschulalter eine Therapie durchlaufen hätte? Helmut Remschmidt warnt vor übertriebenen Erwartungen: "Für Asperger gibt es keine Heilung." Bei der Therapie müsse man "mit dem Kapital des Betroffenen arbeiten"; es gehe um Übungen zur Alltagsbewältigung, nicht um Tiefenpsychologie.

Der vierjährige Max hat Glück: Seine Therapie soll demnächst beginnen – sobald die Kostenübernahme geklärt ist. Die erste Hürde auf diesem Weg hat die Familie genommen: Die Krankenkasse hat den Fall Max abgelehnt, die formale Voraussetzung dafür, dass nun endlich das Jugendamt tätig werden kann.