Washington

Wer Grover Norquist eine halbe Stunde lang zuhört, wähnt Amerika auf dem Weg in ein konservatives Utopia. In seinem Sessel sitzt er und malt sich gestikulierend ein Land aus, in dem Arme und Reiche denselben niedrigen Steuersatz zahlen. Niemand soll für die Wechselfälle des Lebens noch auf den chronisch unzuverlässigen Staat angewiesen sein. Keinem darf das Recht genommen werden, Waffen zu tragen oder seine Kinder zu Hause zu unterrichten. Das Kapital soll von den Fesseln des Staates weitgehend befreit werden und der Staat am Ende dieser Abmagerungskur "nur noch halb so groß wie heute" sein. Dieser Schrumpfstaat wird in Norquists Fantasie schließlich so klein sein, dass er "in eine Badewanne passt". Damit es so weit kommt, müssen in der wirklichen Welt noch ein paar Kleinigkeiten geschehen. Wichtigste Voraussetzung ist – laut Norquist – "die Wiederwahl von George Bush", weil der "in vier Jahren drei Steuersenkungen durchgeboxt hat".

Grover Norquist, 47 Jahre alt, befindet sich auf Kreuzzug gegen den Staat, und sein Hauptquartier ist die Zentrale der Americans for Tax Reform, denen er als Präsident vorsteht. Ihn zu treffen ist ein Glücksfall, denn unablässig reist er – seiner Mission wegen. Wenn er redet, ordnet er nebenbei Post und ruft Assistenten Stichworte zu. Vor ihm steht die Quelle seiner Inspiration, Ronald Reagan in Bronze. Einen "rechten Spinner" nennen ihn seine Gegner, was Norquist aber keinesfalls gerecht wird. Denn mit seinen Positionen bewegt er sich nicht am Rand der Rechten, sondern in deren bunter Mitte. 212 republikanische Abgeordnete und 42 Senatoren, mithin fast alle, haben das so genannte Steuerzahler-Schutzgelöbnis seiner Organisation unterschrieben. Darin versprechen die Parlamentarier, niemals einer Steuererhöhung zuzustimmen. Und wehe, sie täten es doch! Dann fährt der Fluch von Norquist und seinen Kampfgefährten auf sie nieder. Gegen deren millionenschwere Vernichtungskampagnen eine Wiederwahl anzustreben, will niemand riskieren. "Seit 1990 hat kein Republikaner im Kongress mehr für eine Steuererhöhung gestimmt", sagt Norquist stolz.

Im Wahlkampf 2000 sucht auch George W. Bush den Kontakt zu Norquist. Der Kandidat wollte den Steuerkrieger davon überzeugen, dass er anders sei als sein Vater. Der ältere Bush hatte nämlich sein Versprechen gebrochen und die Steuern erhöht (was ihn wahrscheinlich die Wiederwahl kostete). Mag Norquist anfangs auch misstrauisch gewesen sein, so hat ihn der jüngere Bush doch während des Irak-Krieges überzeugt. Denn während alle amerikanischen Präsidenten des 20. Jahrhunderts ihre Kriege durch Steuererhöhungen finanzierten, versuchte Bush eine Neuerung im Geiste der staatskritischen Revolutionäre: Steuern im Krieg senken und zugleich auf sprudelnde Einnahmen durch Wirtschaftsbelebung hoffen. Spätestens seit jenem Moment gehört Norquist zum Team. Der Kontakt zum Weißen Haus könnte enger kaum sein. Wer "wissen will, was Bush will, kann bei Norquist nachfragen", sagt Ralph Neas, Präsident der linksliberalen Vereinigung People for the American Way.

Umgekehrt ist Norquist für Bush jener Mann geworden, der in kritischen Situationen die Regenbogenkoalition der Rechten zusammenhält. Denn die Republikaner sind so viel Partei wie Bewegung. Ideologisch gespalten in Traditionalisten und Wirtschaftsliberale, Neokonservative und religiöse Moralisten, blühen übers ganze Land verteilt die unterschiedlichsten Grüppchen. Das Thema, das sie verbindet, ist die Steuersenkung und damit Grover Norquist. Er ist der "Gärtner der konservativen Graswurzeln", wie die Washington Post schreibt.

Diese Parteibasis gewinnt nun für George Bush Bedeutung wie seit Jahren nicht mehr. Kommende Woche nominiert ihn der Parteikonvent zum Präsidentschaftskandidaten. In seiner Rede wird er das Programm für die zweite Amtszeit vorstellen – und damit Gründe nennen, ihn wiederzuwählen. Eigentlich sollte ein glorreicher Irak-Krieg ihm den Sieg sichern, doch die Invasion überzeugt nur noch knapp die Hälfte der Nation. Nach Umfragen haben sich weniger als zehn Prozent der Bevölkerung noch nicht für einen Kandidaten entschieden; und die meisten Wechselwähler neigen traditionell dem Herausforderer zu. Deshalb muss Bush nicht nur den Rest der Unentschiedenen durch moderate Töne bezirzen, sondern zugleich die Parteibasis mobil machen. Es kann deshalb kein Zufall sein, dass Bush und seine Strategen plötzlich öffentlich über die Teilprivatisierung der Sozialversicherung und, ganz vorsichtig, über "interessante Ideen" für eine "Steuerreform" nachdenken.

Ob die Steuern zu hoch sind, ist Ansichtssache. Über steigende Lasten muss jedenfalls niemand klagen. Die Mittelschicht zahlt nicht mehr als vor 35 Jahren. Dank Bushs Steuerreformen schulden die reichsten Amerikaner dem Finanzamt so wenig wie zuletzt unter Herbert Hoover Ende der zwanziger Jahre. Trotzdem werde die amerikanische Politik "vom Kreuzzug der Steuersenker vollständig bestimmt", schreibt der Princeton-Ökonom Paul Krugman.

Die Bewegung entstand 1978 in Kalifornien, als sich ein Aufstand gegen automatisch wachsende Grundsteuern erhob. Kleine Hausbesitzer würden von ihrem Grund und Boden vertrieben, hieß es, weil sie die explodierenden Steuern nicht mehr zahlen konnten. Eine Volksabstimmung (Proposition 13) begrenzte die Steuer und wurde zum Ausgangspunkt für Reagans Feldzug gegen Steuern und Staat. Die Dynamik dieser Bewegung hat noch vergangenes Jahr Arnold Schwarzenegger zum Amt des Gouverneurs verholfen. Und ohne das Versprechen von Steuererleichterungen wäre auch George Bush nicht Präsident geworden.