Früher wusste Papa erst hinterher, ob das Foto etwas geworden ist © Charles Hewitt/Picture Post/Getty Images

Seit 13 Jahren sind wir nun zusammen. Sie begleitet mich in jeden Urlaub und in jede Stadt, auf jeden Berg und jedes Familienfest. Seit sie bei mir ist, bin ich in Sorge, dass ihr etwas zustößt. Seit sie bei mir ist, trage ich sie vorsichtig auf Händen. Seit sie bei mir ist, habe ich Angst, sie zu verlieren. Zugegeben, manchmal ist sie etwas kompliziert. Sie ist empfindlich. Sie braucht sehr viel Aufmerksamkeit. Seit 13 Jahren passe ich deshalb auf sie auf. Dafür kann ich mich stets auf sie verlassen, zuverlässig dokumentiert sie mein Leben. Eigentlich ist sie mein Leben. Meine alte, analoge Spiegelreflexkamera.

Seit einiger Zeit aber wird unsere Beziehung infrage gestellt. Der Zeitgeist flüstert: »Was willst du noch mit der Alten? Such dir ’ne Neue!« Aber der Zeitgeist hat keine Ahnung.

Spiegelreflexkamera – flößt nicht das Wort allein Respekt ein? Väter haben Spiegelreflexkameras. Großväter haben Spiegelreflexkameras. Früher lagerten sie in abschließbaren Wohnzimmerschränken, die geöffnet wurden wie Altäre, bei Bedarf. An Geburtstagen, zu Weihnachten. Damals trugen die Männer ihre Spiegelreflexkameras, wie Frauen Babys tragen. Spie-gel-re-flex-ka-me-ra, das sind sieben Silben deutsches Wirtschaftswunder, sieben Silben Ernsthaftigkeit, sieben Silben Technik, sieben Silben Gewicht, sieben Silben »Vorsicht, mein Junge, nicht fallen lassen!«. Welche Ehre, wenn man mal durchgucken durfte.

Als ich 1991 meine eigene Spiegelreflexkamera kaufte – schwarz, schwer und gebraucht lag sie im Schaufenster eines Fotogeschäftes –, hatte ich gerade Abitur gemacht. Onkel und Tanten schrieben Karten, auf denen sie Glück wünschten »auf dem weiteren Lebensweg«, auch schrieben sie vom »Erwachsenwerden«. Doch erwachsen wurde ich nicht durchs Abitur; ich wurde es durch den Kauf dieser Kamera. Ich schloss zu meinem Vater auf. Wir legten unsere Spiegelreflexkameras auf den Couchtisch und verglichen. Seine Yashica, meine Nikon. Ich glaube, wir redeten damals zum ersten Mal von gleich zu gleich.

Es ist nicht lange her, da war der Kauf einer Spiegelreflexkamera solch ein Initiationsritus. Und wer sich zu seiner Spiegelreflexkamera auch noch Wechselobjektive kaufte oder gar ein Stativ, war endgültig erwachsen. Aber jetzt?

Jetzt laufen erwachsene Menschen plötzlich mit Kinderkameras herum. Ja, je größer die Leute werden, desto kleiner werden ihre Fotoapparate – ganz anders als früher. Sie sagen dann immer: »Ich hab mir jetzt auch eine Digitalkamera gekauft.«

Wie oft ist dieser Satz zurzeit in jedem durchschnittsdeutschen Freundeskreis zu hören? Ich hab mir jetzt auch,ich hab mir jetzt auch,ich hab mir jetzt auch. Ein seltsam defensiver Satz, der mehr nach schlechtem Gewissen als stolz klingt. In der Konsumgeschichte haben diese »Ich hab mir jetzt auch…«-Sätze stets eine Zeitenwende eingeleitet. Es gab die »Ich hab mir jetzt auch einen Farbfernseher gekauft«-Zeitenwende, die »Ich hab mir jetzt aucheinen Computer gekauft«-Zeitenwende, die »Ich hab mir jetzt auch ein Handy gekauft«-Zeitenwende und kürzlich die »Ich hab mir jetzt auch eine Espressomaschine gekauft«-Zeitenwende. Jetzt sind wir mitten in der »Ich hab mir jetzt auch eine Digitalkamera gekauft«-Zeitenwende.

Im vergangenen Jahr wurden erstmals mehr digitale als anologe Kameras verkauft, fünf von sieben Millionen neuen Fotoapparaten, doppelt so viele wie im Jahr zuvor. Nach diesem Urlaubssommer werden sich die Relationen noch weiter verschieben, befeuert von Ferienfachsimpeleien unter Freizeitfotografen am Hotelbuffet: »Boah, wie klein!«– »Da kannste die Bilder sofort angucken. Und sogar löschen!« – »Und so viel Speicherplatz!«