Analoge Fotografie War das schönSeite 4/4
Natürlich gebe es die auch digital, schreit mich die Saturnmediamarkt-Propaganda an. Nur kauft die keiner. Zu kompliziert. Kein »easy share«. Und vor allem zu teuer. Eine digitale Spiegelreflex, deren Leistung mit der einer analogen vergleichbar wäre (»fotografieren wie mit Ihrer Alten«, säuselt’s im Prospekt), kostet um die 1500, gern auch 5000 Euro. Da ist sie dann wieder, die Kamera für die oberen Zehntausend, und darunter blitzt und zoomt die Masse der Kleinkameras. Ist das klassenlose Fotografie? Digitale Demokratie?
Man ahnt: Es ist Diktatur. Der Markt macht mich zur Minderheit. Ich ändere mich nicht und werde doch zum Außenseiter. Nur noch rund 140 Millionen Negativfilme wurden im vorigen Jahr in Deutschland verkauft. Klingt viel? Das sind nicht mal mehr zwei für jeden Deutschen. Die traditionsreiche Firma Agfa-Gevaert hat in der vergangenen Woche verkündet, sich vom Fotogeschäft zu trennen – obwohl sie doch eine Fotofirma ist. Das ist ungefähr so, als würde Mercedes aufhören, Autos zu bauen. Aber das Filmgeschäft, in dem Agfa in Deutschland 30 Prozent Marktanteil hatte, wird immer schwieriger, im ersten Halbjahr 2004 brach der Absatz um mehr als zehn Prozent ein. »Vormarsch der digitalen Technik bremst Filmabsatz«, melden die Zeitungen.
Noch prügeln sich die anderen Firmen in einem ruinösen Preiswettbewerb, doch irgendwann wird auch die letzte aufgeben, und ihre »Restbestände« werden in Kühlhäusern lagern. Wenig später wird ein einziger Film an die 10Euro kosten, dann 15, dann 20, und irgendwann wird es ihn gar nicht mehr geben. Verzweifelt werde ich nach Farbnegativfilmen fragen, doch junge Verkäufer werden nicht mehr wissen, wovon ich rede – und stolz darauf sein. Aber ich werde weitersuchen. In längst vergessenen Fotogeschäften tief in der Peripherie. Auf Flohmärkten. In Selbsthilfegruppen. Ich werde graue Pullunder tragen, zu kurze Hosen und eine Brille mit furchtbar dicken Gläsern. Meine Spiegelreflexkamera und ich, wir werden einsam alt werden, und die Zeitungen werden hämische Artikel drucken über schrullige Typen wie mich.
Wenn ich dann nicht schon in die Beschaffungskriminalität abgerutscht bin.
- Datum 20.05.2010 - 17:37 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 26.08.2004 Nr.36
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