Film "Kino ist meine Teufelsaustreibung"Seite 9/12
ZEIT: Wie war die Rollenverteilung? Waren Sie der Schüler und er das väterliche Genie?
Spielberg: Natürlich blickte ich zu ihm auf. Am Anfang war ich sehr eingeschüchtert und bekam kaum ein Wort heraus. Aber Stanleys Erscheinung entspannte mich. Er trug einen sehr, sehr schlampigen Mantel. Sein Hemd war nur zur Hälfte zugeknöpft. Auf seinem Jackett hingen irgendwelche undefinierbaren Krümel. Er trug unförmige Pennerschuhe, in denen er fast wie Charlie Chaplin aussah. Eigentlich sah er wie ein Obdachloser aus. Hätte er ein Schild um den Hals getragen mit der Aufschrift »Arbeit für Essen«, es hätte zu ihm gepasst. Sein Bart war strubbelig, seine Brille war schief. Und ich hatte das Gefühl, endlich meinen großen Bruder getroffen zu haben. Den Bruder, von dem ich alles gelernt habe. Nur keinen eigenen Stil. (lacht)
ZEIT: Aber es gibt doch einen bestimmten Action-Stil. Den Spielberg-Touch.
Spielberg: Ich weiß nicht, was Sie meinen.
ZEIT: Die Lust an der ungewöhnlichen Auflösung einer klassischen Action-Szene. Man spürt sie schon in Ihrem ersten Kinofilm The Sugarland Express, wenn Goldie Hawn und ihr Mann von hundert Polizeiwagen verfolgt werden. Wie schafften Sie es, eine Schlange aus eigentlich banalen Autos so bedrohlich aussehen zu lassen?
Spielberg: Ich erinnere mich noch genau an die Arbeit an Sugarland Express. Ich wollte, dass die Leute im Rückspiegel ein lebendiges Wesen sehen, nicht einfach nur ein doofes Polizeiauto. Nicht einfach ein Fahrzeug, das irgendwann vom Band einer Fabrik gelaufen ist. Sondern ein Wesen mit einem Kopf, einem Schwanz und Zähnen. Wenn Sie so wollen, waren diese Polizeiautos mein erster Versuch, einen Hai zu zeichnen. Es war der Beginn meiner großen Leidenschaft für die Anthropomorphisierung der Mechanik. Man muss die tote Technik zum Leben erwecken. Im Grunde funktioniert so unsere Fantasie. Wir projizieren ja unablässig menschliche oder tierische Eigenschaften auf Gegenstände. Zum Beispiel hatte ich immer Angst vor diesen verschnörkelten Louis-Quinze-Möbeln, weil sie aussehen, als hätten sie Füße und Schwänze. Wenn ich allein in einem Hotelzimmer mit solchen Möbeln lag, ängstigte ich mich zu Tode. Ich stellte mir vor, wie diese Möbelstücke nachts zum Leben erwachen. Wie sie ihren Platz verändern, sich auf mich zubewegen. Wie ich morgens aufwache und der Schreibtisch die Tür versperrt. Oder dass der Fernseher im Bad liegt. Bis heute ist es mir unangenehm, mich in einem Raum mit Louis-Quinze-Möbeln aufzuhalten. Wie gut, dass das hier gute amerikanische Handarbeit ist. (Er haut auf den Stuhl neben sich .) Die bleibt nachts schön brav an Ort und Stelle!
ZEIT: Waren Sie ein ängstliches Kind?
- Datum 26.08.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 26.08.2004 Nr.36
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