Es muss krachenSeite 4/4

Für seine Hörer ist der Unterschied zwischen Peelmusik und Nicht-Peelmusik so klar wie der zwischen Tag und Nacht, wenn nicht gar Leben und Tod. Aber lässt er sich auch in Worte fassen? Die meisten der von Peel geschätzten Eigenschaften würde heute so ziemlich jeder Popmusiker für sich reklamieren, auch und gerade diejenigen, die definitiv Nicht-Peelmusik machen. Gesangsschauspieler wie Tom Waits geben sich unentwegt schwer authentisch, Chartmusiker wie Sting finden sich innovativ, wenn sie gepflegten Jazzpop produzieren. Niemals, bei aller Aufgeschlossenheit, würde John Peel deren Platten auch nur in die Hand nehmen. Ähnlich verhält es sich mit dem Großteil der Musik, die in der so genannten Alternativ- oder Independent-Szene propagiert wird, oft erstaunlich konservativen Varianten des Altbekannten.

Tatsächlich finden sich Parallelen zum Wahlverfahren dieses DJs noch am ehesten auf dem Kunstmarkt. Die dort organisierte Suche nach dem jeweils Neuen, dem »Authentischen«, gern auch Irritierenden ist für eine bestimmte Sorte Mensch von existenzieller Bedeutung und wird vom Rest unserer Gesellschaft zwar nicht immer verstanden, aber mindestens achselzuckend toleriert – Kunst halt –, wenn nicht gar ehrfürchtig subventioniert. Auf weniger Verständnis hoffen darf die sehr ähnlich gelagerte Beschäftigung – dieselben Kriterien, dieselbe existenzielle Bedeutung – mit einer Musik, die weder Klassik noch Jazz ist und deswegen immer noch unter dem irreführenden Begriff »Pop« firmiert, dessen äußerstes Gegenteil sie doch in vieler Hinsicht ist. »Ich werde jetzt immerhin 65. Manche Leute wundern sich, dass ich mich in diesem Alter noch so für diese Musik interessiere. Aber die haben sich auch schon vor 20 Jahren darüber gewundert. Seltsam, in der Literatur oder im Theater sagt nie jemand: Sorry, du bist jetzt über 40, du darfst leider nur noch die Bücher lesen und die Stücke sehen, die du schon kennst.«

Wenn es nach John Peel ginge, könnten mit dem Niedergang der globalisierten Musikindustrie gleich zwei komplementäre Übel dahinschwinden: mit der industriell gefertigten Musik die dazugehörigen Stars. »Ich finde diese Prominenzbesessenheit in unserer Kultur sehr beunruhigend. Man sieht überall, wie das Berühmtsein die Leute beschädigt. Meine Frau Sheila und ich haben eine ganze Menge Freunde an das Showbiz verloren. Nicht wegen der Drogen oder so, sondern weil sie, aus meiner Sicht, einfach verrückt geworden sind. David Bowie ist ein gutes Beispiel. In seiner Anfangszeit waren wir richtig gute Freunde. Nachdem er ein paar Jahre in Berlin gelebt und einige wirklich tolle Platten gemacht hatte, lud mich seine Plattenfirma zur Feier seiner neuen Veröffentlichung ein. Ich ging hin, nahm ein paar Drinks und dachte, jetzt rede ich mal kurz mit David. Als ich auf ihn zuging, stellte sich mir ein riesiges Karatemonster in den Weg und sagte: ›Hey, Arschloch, wo willst du denn hin?‹ Ich sagte, ich wollte mal kurz mit David reden. Und er sagte: ›Du wirst verdammt noch mal nicht mit David reden.‹ Ich hab ihn seitdem nie wiedergesehen. Ähnliches ist mir auch mit anderen passiert, mit Leuten, die in Fernsehinterviews erzählen, dass sie mit mir befreundet sind. Und ich denke mir: Nein, bist du nicht, ich darf mich nicht mal in deine Nähe trauen. Mir kommen diese Leute vor wie lebende Tote.«

Die Tatsache, dass John Peel im Alter von knapp 65 Jahren immer noch radikaler mit so genannter Popmusik umspringt als irgendeiner seiner jüngeren Kollegen, ist weniger ein biologisches als ein ästhetisches Mirakel. Dem Modell der kulturellen Frühvergreisung hält er eine immer neue Mischung aus Chaos und Schönheit und Lärm und Leidenschaft entgegen, die unsere Synapsen und Transmitter immer wieder aufs Neue testet.

*Von Deutschland aus führt der Weg zu John Peels wichtigster Sendung übers Internet: Auf der Website von BBC Radio 1 können seine zweistündigen Programme jeweils eine Woche lang gehört werden

 
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