Suzi Leather ist eine zierliche Frau mit kurzen Haaren und schmalen Lippen, die nicht oft lächeln. "Tough" sei sie, sagt man, widerstandsfähig, hart, stark. Gute Eigenschaften für ihren Job. Seit 2002 steht Leather an der Spitze der Human Fertility and Embryology Authority (HFEA), jenes Amts, das Lizenzen vergibt, Embryonen zu töten.

Aufregende Jahre hat die HFEA hinter sich, vielleicht die turbulentesten seit ihrer Gründung. Sie hat Forschern die Erlaubnis gegeben, mit embryonalen Stammzellen zu arbeiten, und den Einsatz des Gen-Checks bei Embryonen (PID) erweitert. Sie hat die Anonymität von Samenspendern aufgehoben und dem Parlament empfohlen, Paaren zu verbieten, über das Geschlecht ihres zukünftigen Kindes zu entscheiden.

Seit 1991 ist die HFEA in Großbritannien für die Grenzfälle zu Beginn des Lebens zuständig. Ende vorvergangener Woche hat das Gremium der Universität Newcastle die Erlaubnis erteilt, für therapeutische Zwecke menschliche Embryonen zu klonen. Die Konzession ist in Europa eine Premiere, manche – gerade in Deutschland – meinen, ein schlimmer Dammbruch. Suzi Leather mag solche dramatischen Worte nicht. Sie formuliert die Begründung des Beschlusses sehr nüchtern. Nur weil jemand die Technik missbrauchen und Menschen klonen könne, dürfe man sich nicht die ungeheuren medizinischen Chancen versagen. Man habe den Antrag der Newcastler Forscher unter allen wissenschaftlichen, ethischen, gesetzlichen und medizinischen Gesichtspunkten geprüft. Genau das sei schließlich die Aufgabe ihrer Organisation.

Was ist das für eine Institution, die weltweit eine Vorbildfunktion hat und doch so urbritisch ist? Um die Forscher aus dem Ausland die Kollegen auf der Insel beneiden und deren Beschlüsse bei anderen das Gruseln heraufbeschwören? Erstaunlich erscheint die HFEA gerade für deutsche Verhältnisse: Sie ist zwar eine staatliche Behörde, doch ihre Entschlüsse trifft sie unabhängig von den Weisungen eines Ministeriums. Sie versammelt hohen medizinischen wie wissenschaftlichen Sachverstand. Aber die meisten Mitglieder der HFEA sind Philosophen, Anwälte, Priester oder gar Journalisten wie der Times- Kolumnist Simon Jenkins. Ethische Aspekte spielen bei den Entscheidungen der obersten britischen Embryonenwächter eine große Rolle, die öffentliche Meinung aber ebenso.

Die Briten selbst erkennen darin keine Widersprüche. Dass ethische Positionen nicht zeitlos sind, sondern auch von den (mitunter wechselnden) Einstellungen der Mehrheit abhängen, finden sie normal. Und staatlich eingesetzte Laiengremien haben in England durchaus Tradition, wenn es heikle Streitfragen zu klären gilt.

Solche waren fast über Nacht entstanden, als 1979 in der englischen Kleinstadt Oldham Louise Brown geboren wurde, das erste künstlich gezeugte Kind der Welt. Ein neuer Bereich der Medizin, der "in die privatesten und sensibelsten Bereiche unserer Existenz eindringt", wie es in der Selbstbeschreibung der Authority heißt, verlangte nach Regeln und Grenzen. Noch mehr Kopfzerbrechen sollte ein Nebenprodukt der neuen Fortpflanzungstechnik bereiten: Embryonen, die erstmals außerhalb des Mutterleibes erforscht, ausgewählt und manipuliert werden können.

Der Embryo ist schützenswert, aber noch kein vollwertiger Mensch

Eine Kommission unter Vorsitz der Philosophin Mary Warnock formulierte mit ihrem Bericht die Prinzipien der britischen Biopolitik. Sie sind bis heute gültig und markieren die beiden fundamentalen Unterschiede zur deutschen Rechtslage. Danach ist der Embryo schützenswert, sein Schutz gilt jedoch nicht absolut, weil er noch kein vollwertiger Mensch ist. In bestimmten Fällen ist die Forschung mit Embryonen deshalb bis zum 14. Tag nach der Befruchtung erlaubt. Welche Fälle dies sind, darüber müsse eine vom Parlament eingerichtete Instanz wachen, in der Mediziner und Forscher keine Mehrheit haben dürfen. Die Zielrichtung gab bereits das Vorwort des Warnock Reports vor: "Moralische Empörung und kritisches Unbehagen verdrängen allzu oft nüchterne Argumente."