Kunst Exzess der Duldsamkeit
Das größte Kunstwerk der MoMA-Ausstellung ist die Schlange davor. Sie hat schon eine Million Menschen angelockt
Wahrlich, eine Schlange der Versuchung. Je länger sie wird, desto mehr Menschen lockt sie, und je mehr Menschen sie lockt, desto länger wird sie. Eine Schlange nicht im, sondern vor dem Paradies. Oder gar das Paradies selbst?
In tiefer Nacht, die Uhr zeigt drei, kommen die Ersten, legen ihre Schlafsäcke vor die Drehtür der Neuen Nationalgalerie und dösen noch ein wenig. Bis so gegen fünf der Auftrieb beginnt, der große Zulauf all jener, die sich vor dem Warten fürchten. Denn wer erst um acht kommt oder gar um neun oder noch später, ist zum schier endlosen Ausharren verdammt. Die Schlange ringelt sich zwei-, dreimal um das mächtige Haus, und manche warten sieben, manche acht Stunden, manche elf. Elf Stunden der Erwartung.
Wann hat es so etwas je gegeben? Die Kunstwelt kennt Verrücktheiten sonder Zahl und Orgien jeder Güte, einen solchen Exzess der Duldsamkeit jedoch hat sie noch nie gesehen. In den Pop- und Opernschlangen, da warten die Eingeweihten. Hier hingegen, vor den 200 Bildern aus dem MoMA, aus dem Museum of Modern Art New York, wartet alle Welt, und das seit Februar schon. Selbst die von der Kunst ganz Unbeleckten lassen sich ein aufs große Stillestehen. Bald schon wird sich der 1000000. Besucher anstellen.
Ein Erfolg, der Staunen auslöst. Und die Frage, was die Menschen treibt. Weshalb nehmen sie die Strapazen auf sich? Was nur suchen sie?
Die meisten reizt vermutlich das Schöne und Erhabene, sie sehnen sich nach großen Meisterwerken, nach ihrer Einzigartigkeit. Gleichwohl fragt man sich, ob das Wichtigste dieser Ausstellung tatsächlich die Kunst ist. Nach den Warte-Exerzitien fehlen den meisten Besuchern die nötige Kraft und Konzentration, um den Bildern noch begegnen zu können. Ihr Auge ist flüchtig, der Geist überfordert, die Beine sind’s auch. So wird mangels Bänken die Auslege- rasch zur Hinlegeware, völlig ungeniert lassen sich Jung und Alt auf den Teppichboden sinken. Nach spätestens ein bis zwei Stunden ist dann endgültig Schluss. Nach nicht einmal 30 Sekunden pro Kunstwerk.
So ist für viele Besucher die eigentliche Erfahrung von Dauer die Erfahrung der Dauer, der gedehnten Stunden, des Ruhiggestelltseins. Mögen die gezeigten Bilder und Skulpturen auch erhebend wirken – eindrücklich ist mehr noch die Mühsal des Wegs, der zu ihnen führt.
Auf diesem Weg kann man sich wie auf einem Marathon der Verlangsamung fühlen, wie auf einer Wallfahrt unterwegs zum Nullpunkt der Erlebnisgesellschaft. Spätestens nach zwei, drei Stunden setzt sie ein, die Entleerung. Alle Zeitungen gelesen, alle Schwätzchen gehalten, liegen die Leute auf ihren Isomatten, kauern auf den Billighockern, dämmern vor sich hin. Nichts passiert, und dieses Nichts scheint vielen das Eigentliche zu sein. Umgeben von Eiswagen, Coffee-Containern, Brezelbäckern, lässt sich doch so etwas wie Entbehrung spüren, eine moderne Form von Askese, von Demut womöglich.
Man kann den Organisatoren der Ausstellung nicht unterstellen, sie hätten all das gewollt. Allerdings haben sie auch nichts getan, den Kunststau zu verhindern. Für gewöhnlich werden ja bei Großunternehmungen wie diesem Zeitkarten ausgegeben, sodass jeder Besucher weiß, wann er Einlass findet. Das MoMA hingegen entschied sich fürs Unberechenbare: Es gab ein (ausverkauftes) Kontingent an »VIP-Karten« mit Sofortzugang aus. Für alle anderen sollte das freie Spiel der Besucherkräfte gelten. Dass es Schlangen geben würde, war von Anfang an klar.
Nicht klar war, dass am Ende das Museum sich von der Kunst emanzipieren würde. Ja, dass es zu einer Art Mega- und Metakunstwerk aufsteigen sollte, zu einer lebendigen Skulptur, in der sich viele Wünsche des Publikums erfüllen. Da ist zum Beispiel der Wunsch nach Aura oder das Bedürfnis nach dem Eindrücklichen und Unvergesslichen. All dies bietet die MoMA-Inszenierung aufs schönste: Sie erschwert den Zugang, hebt die Schwelle, die sonst immer weiter abgesenkt wird – und lässt so die Bilder und Skulpturen umso begehrenswerter und einmaliger erscheinen.
Längst ist ja die Kunst alltäglich geworden, sie begegnet uns in der Werbung, auf der Straße, beim Aldi; sie kommt auf uns zu. Hier aber weicht sie zurück, macht sich rar, ist nicht länger etwas für den kleinen Bilderhunger zwischendurch, nichts, was sich völlig unverbindlich konsumieren ließe. Nein, sie verlangt Entschiedenheit und Ausdauer. Sie will Opfer, will unser Kostbarstes, unsere Zeit. Viele erleben dies Opfer als Glück. Wie Sieger reißen manche die Arme hoch, wenn sie endlich die Drehtür passieren.
Das Museum wird zur Insel in der Zeit, fernab des Gewöhnlichen
Es ist wohl diese seltene Erfahrung des Unbedingten, die viele Besucher in den Bann der MoMA-Ausstellung zieht. Das Sehen allein genügt ihnen nicht; sie wollen eine Kunst, die sich schlangenhaft ihrer bemächtigt, sich leibhaftig erfahren lässt, zu spüren in allen Gliedern. Eine Gegenwelt eben, in der das Museum kein Ort des süßen Lebens, der langen Nächte und aufgepeppten Shops ist, sondern eine Insel in der Zeit, fernab des Gewöhnlichen. Hier darf man sich aufgehoben fühlen, geborgen in der großen Wartegemeinschaft. Hier stellt man sich nicht einfach an, hier reiht man sich ein. Und manche geheime Sehnsucht nach Dazugehörigkeit wird gestillt.
All diese Erwartungen zieht die MoMA-Performance auf sich, und erstaunlicherweise gelingt es ihr, eigentlich Unvereinbares zu vereinen. Sie wird zum Spektakel für die Massen und lässt sich doch als etwas ganz Exklusives erleben. Sie schürt die Kommerzialisierung der Kunst und weckt zugleich den Sinn fürs Unverfügbare. Sie scheut nicht den Rummel und verhilft dennoch der Kontemplation wieder zu ihrem Recht. Das Wunderlichste aber ist der Rollentausch: Wer Einkehr und Einreihung will, Überhöhung und Spiritualität, der mag sie in der Kunst suchen. Fündig aber wird er vor dem Museum.
Bei dieser Rollenverteilung bleibt es auch drinnen, dort, wo die Aufstellung zur Ausstellung wird. Natürlich kann man sich ganz den Bildern hingeben, dem tiefgründigen Monet, dem schwebenden Matisse. Wer aber mehr will als Schwelgen, wer nach der Ordnung hinter den Bildern fragt, nach den Kriterien der Auswahl, wer historische Zusammenhänge kennen lernen möchte, der wird erfahren, wie hermetisch die Ausstellung ist. Außen wie innen verordnet sie Askese.
Es gibt keine Erklärungen, keine Texttafeln, nichts, was einem die Hängung der Bilder erläutern würde. Selbst der Audioführer weiß nur über Einzelwerke zu berichten und scheucht uns kreuz und quer durch die Säle. Da kann es einem so vorkommen, als wäre das Museum der wahre Oberkünstler dieser Ausstellung. Es behandelt die Bilder und Skulpturen, als seien es Readymades. So wie einst Marcel Duchamp ein Pissoir nahm und es qua Setzung zur Kunst machte, nimmt hier das Museum Kunstwerke und macht es qua Setzung zur Ausstellung, ohne Begründung, einfach so.
Die MoMA-Schau will nichts herleiten, will keine Geschichte und keine Geschichten erzählen. In ihrer Konzeption ist sie abstrakt wie das schwarze Kreuz auf schwarzem Grund von Ad Reinhard, so abweisend und schweigend. Sie wirkt erhaben, bar des Streits und der Widersprüche, die das 20.Jahrhundert durchzogen. Nicht Diskussion will sie, sondern Wohlgefallen. Keinen Baum der Erkenntnis lässt sie wachsen. In ihrem Paradies bleibt die Schlange draußen.
Bis zum 19. September; weitere Informationen unter 0180-5221034 oder www.momainberlin.de
- Datum 26.08.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 26.08.2004 Nr.36
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