Leipzig/Berlin

Z wischen den Untergängen, so lautet der Titel eines Buches, mit dem eine kleine Buchhandlung ganz in der Nähe der Leipziger Nikolaikirche wirbt. Es kommt in diesen Tagen auf den Markt : Zwischen den Untergängen – Gedichte 1989 bis 2004. Das passt. Um die Ecke sammeln sich die Montagsdemonstranten. Die meisten sehen nicht aus, als würden sie sich für Gedichte interessieren. Dafür wirken sie, als hätten sie schon einige Untergänge durchlitten.

Es ist keine imposante Menge, die sich jetzt wieder montags um 18 Uhr zur symbolischen Zeit am symbolischen Ort versammelt. Sie hat nichts Selbstbewusstes, nichts Zwingendes bei aller Parolenseligkeit. Viele, die kommen, wirken gezeichnet. Ein Regisseur, der einen Zug Deklassierter zu inszenieren hätte, montags vor der Nikolaikirche würde er fündig. Es scheint, als hätten sich hier all diejenigen versammelt, die mit ihrem Schicksal das Versprechen der Einheit widerlegen. "Vielen wird es besser, niemandem schlechter gehen" war damals verkündet worden, großherzig und fahrlässig. Jetzt melden sich die Verlierer zu Wort. "Wir sind das Volk", der Ur-Ruf der Wende, hallt wieder über den August-Platz. Es wirkt wie eine Parodie auf den Herbst 89, den einige nun plötzlich neu beleben wollen: ein unernster Bezug auf eine große Tradition, halb anmaßend, halb tragisch. "Wir sind ein Volk" hört man dagegen nicht in Leipzig, dieser Tage. Die Einheit hat ihren Ruf verspielt.

Nein, die neue Protestbewegung aus dem Osten mit ihrer Forderung nach Rücknahme der Sozialreformen wird nicht erfolgreich sein. Längst ist die Agenda 2010 für die Regierung zu einer Einbahnstraße geworden. Man kann nicht anders und stilisiert das Ganze nun zum historischen Kraftakt. Die kleineren Korrekturen aber bewirken nichts gegenüber dem Protest. Er schöpft aus größerer Erwartung und tieferer Frustration. Und auch wenn "Hartz" zur Chiffre geworden ist, gegen die man nun anrennt – es geht längst um mehr. Leipzig, der Ort des Aufbruchs, ist zum Forum der Enttäuschten geworden. Sie stellen 15 Jahre danach nicht einfach den Reformkurs des Kanzlers infrage. Es geht um eine Generalabrechnung mit dem Einigungsprozess. Vom "Gefühl der Zweitklassigkeit" hat Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck gesprochen. Kein Gesetz – oder seine Rücknahme – wird diesem Gefühl beikommen.

Einfach ignorieren aber lässt sich die neue Bewegung nicht. Ohnehin ist es ja merkwürdig, wie die neuen Länder von Zeit zu Zeit einfach von der politischen Landkarte verschwinden. Um dann aus einem zufälligen Anlass mit Macht wiederzukehren: Rechtsradikale randalieren auf Zeltplätzen, mitten in der Hochsaison; ein Schulversager wird zum Killer; ein skeptischer Bericht zum Stand der Einheit wird vorgelegt: Und plötzlich steht die deutsch-deutsche Dauermisere wieder dort, wo sie hingehört, im Zentrum des Interesses.

Dabei muss sich das Land nicht verstecken, der Westen nicht mit seinen gigantischen Transfers, der Osten nicht mit seiner Aufbauleistung. Die Infrastruktur hier ist moderner als im Westen, in Leipzig zieht die Demo durch eine boomende Innenstadt. Die Dörfer sind herausgeputzt bis in die tiefste Provinz. Es gibt einiges, worauf das Kohlsche Wort von den "blühenden Landschaften" zu passen scheint. Und sicher ist es kein Zufall, dass auf den Demos die Generation 50 plus dominiert. Die Jungen blicken wohl schon anders, fairer und unbefangener auf ihr "einig Vaterland".

Und dennoch bleibt die Einheit bis heute ein überwiegend freudloses Projekt, erfolgreich und doch zugleich auf zähe Weise erfolglos. Seit Jahren konzedieren die Bürger in den neuen Ländern mit großer Mehrheit, dass es ihnen persönlich gut geht, weit besser als früher. Aber der Blick auf die Zukunft fällt regelmäßig negativ aus. Die wirtschaftliche Lage, soziale Gerechtigkeit, der politische Einfluss des Einzelnen erscheinen einer klaren Mehrheit seit Jahren prekär. Stabil hält sich dagegen die Ansicht, der Sozialismus sei in puncto soziale Sicherheit eben doch Modell. Im Herbst 1989 hofften 45 Prozent auf eine bessere Zukunft, die Skeptiker rangierten bei fünf Prozent. Heute hat sich das Bild exakt verkehrt.

Wo schon die Erfolge der Vereinigung verschattet sind, geraten die Niederlagen desaströs: Annähernd 20 Prozent beträgt die Arbeitslosenquote in den neuen Ländern. Mehr als die Hälfte der heute 18- bis 59-Jährigen war seit 1990 schon ein- oder mehrmals arbeitslos. Die meisten glaubten, dass es noch schlimmer kommt.