Der Hüne aus Harvard ist 95 Jahre alt, und so manche Einsicht von John Kenneth Galbraith ist wieder jung geworden. Die unkontrollierten, angestellten Manager der großen Konzerne waren dem linken Ökonomen schon suspekt, lange bevor die Skandale bei Enron und Co. sie in ein schlechtes Licht rückten. Auch die Finanzindustrie betrachtete er kritisch, ehe die New Economy zusammenbrach.

Wenn dieser Kapitalismuskritiker, der den Glamour liebte und mit seinen Büchern viel Geld verdiente, nun noch einmal zur Feder gegriffen hat, ist das allemal einen Blick wert. "Dieses ist eine 65 Seiten lange Einlassung über die Mythen, Lügen und falschen Wahrnehmungen des heutigen Kapitalismus", heißt es zur Einführung. Und obwohl es seine alten Themen und Thesen sind, die er auf die heutigen USA münzt, wirken sie doch frischer als die Attacken vieler Antiglobalisierer, die seine Urenkel sein könnten.

Gemessen an anderen Ökonomen, war Galbraith immer ein Sprachkünstler. Als solcher weiß er, wie bedeutsam Wörter in der Auseinandersetzung sind. Nicht nur dass der Kapitalismus heute "Marktsystem" heißt, regt ihn auf – als ob es nur um einen Mechanismus zur Koordinierung von Angebot und Nachfrage ginge und nicht ebenso um Macht und Ohnmacht. Den Unternehmen sei es auch gelungen, ihre eigenen Bürokratien als hoch effizientes "Management" zu verkaufen, während die staatlichen Verwaltungsgebilde allgemein verhasst seien. Galbraith hält den Unterschied zwischen beiden für gering.

Heute lässt sich nach seiner Meinung der Staat immer öfter von der Privatwirtschaft dominieren. Die Lobbys der Industrie sind stark, und die Mächtigen schanzen sich gegenseitig exklusive Informationen zu. Besonders deutlich zeigt sich die Macht in der Militärindustrie. Die meisten neuen Waffensysteme entwickelt sie von sich aus – und drückt sie dann beim Gesetzgeber durch.

Nicht nur der Konsument werde durch Werbekampagnen von privatwirtschaftlichen Interessen extrem beeinflusst, sondern auch der Wähler, meint der Kritiker, dem sein großer Kollege Paul Samuelson einmal vorwarf, er sei gar kein richtiger Ökonom. "Nichts könnte mich weniger berühren", sagte Galbraith daraufhin. Er bezieht eben die Politik in seine Analysen ein und schaut auf die Institutionen, die den Bürger leiten. Zum Beispiel auf die Banken und ihre Berater. Diese Branche verkaufe Vorhersagen des Unvorhersagbaren, schreibt Galbraith. Es sei sehr schwer, sich ihr zu widersetzen, weil sie im Gewand von Professionalität und Macht daherkäme. Doch in Wirklichkeit seien all die Prognosen nichts wert, weil sich das Schicksal eines Marktes oder eines Unternehmens nun einmal nicht vorhersagen lasse. Deshalb schrieben die so genannten Experten einfach, was ihre Großkunden gern lesen. Selbst die Ökonomen an der Wall Street seien von diesem Verhalten nicht frei.

Weiter geht es im Takt der Mythen. Die Macht der amerikanischen Zentralbank und ihres Chefs Alan Greenspan ist für Galbraith ein Hirngespinst. Tatsächlich spielten Zinsraten in der Rezession so gut wie keine Rolle, weil kaum ein Unternehmen investiere. Im Boom investierten dafür alle, weil sie etwas verkaufen könnten. Das ist zwar wie vieles bei Galbraith arg vereinfacht. Aber die Vergötterung von Greenspan fordert eine solche Antwort heraus.

Immer wieder bekommen die Manager ihr Fett weg. Gesetze und Staatsanwälte allein könnten sie nicht bremsen, wenn sie ihre Pflicht vergessen. Nur eine wache Öffentlichkeit könne sie im Zaum halten. Genau da liegt das Problem: Im nächsten Boom ist vermutlich alle Skepsis vergessen.