In einem Punkt waren sich Jacob Burckhardt und Sigmund Freud einig. Im Cicerone notierte der Basler Professor, dass der Moses des Michelangelo – im Untergeschoss des Julius-Grabmahls in der römischen Kirche San Pietro in Vincoli – in jenen Moment gebannt sei, da der jüdische Religionsstifter, vom Berg Sinai kommend, sein abtrünniges Volk um das Goldene Kalb tanzen sieht und sich anschickt, die Gesetzestafeln zu zerbrechen. Auch der Wiener Professor erkannte in Michelangelos monumentalem Kunstwerk genau diese Szene wieder, die in Exodus 32 überliefert ist – mit dem Unterschied, dass Freuds Moses seinen Zorn in letzter Sekunde bändigt und von der Zerstörung der Tafeln ablässt.

Letztere Deutung weicht signifikant von der biblischen Tradition ab, denn Moses kann seine Affekte eben nicht beherrschen, sondern "ergrimmte mit Zorn und warf die Tafeln aus seiner Hand und zerbrach sie unten am Berge". Es ist viel über Freuds Deutung gesagt und geschrieben worden, und man liegt sicherlich nicht falsch, wenn man feststellt, dass sie mehr über den Begründer der Psychoanalyse preisgibt als über die Statue des Michelangelo.

Heute weiß man, dass sich sowohl Burckhardt als auch Freud geirrt haben, was die richtige chronologische Zuordnung der Moses-Figur angeht. Die Frankfurter Freud-Forscherin Ilse Grubrich-Simitis hat sich 90 Jahre nach dem ersten Erscheinen von Freuds Moses-Essay der Schrift noch einmal gründlich angenommen und in einem collageartigen Verfahren kunsthistorische und psychoanalytische Befunde zusammengeführt, die einerseits eine neue Wahrnehmung des gewaltigen Werkes von Michelangelo ermöglichen, andererseits aber auch die subjektive Wahrheit der Freudschen Deutung eindrucksvoll unterstreichen.

Im Rückblick wirkt es verwunderlich, dass Freud an der Plastik ein Detail unbeachtet ließ, das eigentlich jedem Betrachter sofort ins Auge springt. Fast ist man geneigt, eine Parallele zu seinem Leonardo-Aufsatz zu ziehen, in dem ebenfalls ein Detail unter die Räder gerät – mit erheblichen Konsequenzen für die Deutung. Denn obwohl kunsthistorischer Laie – weshalb er seinen Versuch auch als "Wagstück" bezeichnete –, war Freud mit der nach dem Arzt Giovanni Morelli benannten Methode, wonach es gerade sprechende Einzelheiten, oft Marginalien sind, die ein Kunstwerk zu einem besonderen, einzigartigen Kunstwerk machen, durchaus vertraut.

Eher nebenbei nimmt Ilse Grubrich-Simitis das Methodenbewusstsein Freuds (das im Michelangelo-Essay freilich gerade nicht zu Buche schlägt) zum Anlass, die Unsitte vieler heutiger Psychoanalytiker anzuprangern, Kunstwerke psychopathografisch oder, schlimmer noch, auf der Basis von Gegenübertragungsreaktionen zu deuten, statt nach ihrer formalen Eigenart zu fragen. Dass es anders, vor allem besser geht, wenn man allein die der Kunst eigentümliche Formensprache interpretatorisch nutzt, haben – Ausnahmen bestätigen die Regel – Analytiker wie Katherine Stroczan und Reimut Reiche eindrucksvoll demonstriert.

Unübersehbar trägt der Moses des Michelangelo zwei Hörner auf seinem Kopf. In einem 1991 im Städel-Jahrbuch publizierten Aufsatz hat der Kunsthistoriker Franz-Joachim Verspohl dargelegt, dass Hörner das ikonografische Äquivalent eines strahlenartigen Nimbus sind. Wenn also in Exodus 34 berichtet wird, dass Moses "vierzig Tage und Nächte" bei Gott war und dass "die Haut seines Angesichts glänzte", dann kann das nur heißen, dass der "strahlende" Moses zugleich der gehörnte Moses ist. Tatsächlich tauchen in der Ikonografie der Renaissancekunst beide Varianten auf: So statten etwa Raffael und Rosselli Moses mit Strahlenbündeln aus, während Mantegna und Michelangelo Hörner bevorzugen. Der Irrtum Freuds (und Burckhardts) liegt darin, dass er den zweiten Abstieg des Moses vom Sinai mit den neuen Gesetzestafeln, den Michelangelo in seiner Skulptur fixiert hat, mit dem ersten verwechselt.

Für die Deutung der Moses-Plastik hat das Folgen. Während Freud die gewaltsame Selbstbeherrschung eines kraftstrotzenden Heroen, dessen mühsam unterdrückten Zorn angesichts des Verrats Israels am Monotheismus ins Zentrum seiner Deutung stellt, erkennen Grubrich-Simitis und Verspohl einen anderen Moses: einen Mann, der nach der Begegnung mit Gott als Prophet und Visionär vor sein Volk tritt, zugleich aber auch vom Schrecken der Ankündigung seines nahenden Todes gezeichnet ist.

Letztlich haben wir es bei Michelangelos Statue mit einem Moses zu tun, der, ganz im Gegensatz zu Freuds Deutung, von einer tragischen Vorahnung beseelt ist. Die Tragik des biblischen Moses liegt bekanntlich darin, dass er das Gelobte Land zwar aus der Ferne schauen, aber nicht mehr betreten darf – dazwischen steht die Schranke des Todes.

Mit ihrem faszinierenden Buch, das sich auch eingehend mit den jüngst abgeschlossenen Restaurierungsarbeiten am Julius-Grabmahl beschäftigt, hat die Autorin ein Werk geschaffen, das eine ganz neue Sicht auf die Moses-Skulptur und ihren architekturalen und spirituellen Kontext erlaubt. Indem Grubrich-Simitis Text und Bild in ein gelungenes Dialogverhältnis setzt, vermag der Leser/Betrachter des Buches Züge und Eigenarten des Moses zu entdecken, die ihm bisher verborgen blieben.

Nicht zuletzt bricht Grubrich-Simitis eine Lanze für Freud, auch wenn er in einem zentralen Punkt irrte. Freuds Deutung der Moses-Figur, deren kaum verhüllten "projektiven Charakter" sie ausdrücklich betont, hat sowohl einen autobiografischen als auch einen politischen Hintergrund, der eine eigene Wahrheit und Schönheit für sich beanspruchen darf, jenseits aller manifesten Irrtümer.

Für Freud bildete Moses vielleicht die Identifikationsfigur, in der er nicht nur Anteile seiner selbst wiedererkannte, sondern die auch jene politischen Ideale verkörperte, denen er anhing. Dafür spricht auch die Tatsache, dass er noch als alter Mann einen "Roman" über Moses schrieb, den man als sein intellektuelles Vermächtnis an die Nachwelt betrachten darf. Im strengen Monotheismus des Moses sah Freud das Vorbild für seinen eigenen psychoanalytischen Monotheismus, den er gegen Renegaten wie C. G. Jung und Alfred Adler rücksichtslos behauptete. Was er an Michelangelos Moses bewunderte – die Rettung der Gesetzestafeln unter Absehung von den eigenen Affekten –, darf man auch Freud selbst attestieren: dass er sein Gesetz bewahrte.

Schließlich weist Grubrich-Simitis am Ende ihrer Studie, die durch ein Labyrinth von kunsthistorischen Haupt- und Nebenpfaden und gelehrten Verweisungen führt, darauf hin, dass die latente politische Botschaft, die Freuds Moses-Studie enthält, auch heute noch Gültigkeit für sich reklamieren dürfe. Denn inmitten der zunehmenden kulturellen Regression, die allenthalben zu beobachten ist, käme es gerade darauf an, fundamentale Normen unserer Kultur – Schriftlichkeit, Intellektualität, "Geistigkeit" (Freud) – gegen den Ansturm der neuen Barbaren zu verteidigen.

Manchmal wünscht man sich, dass im oberflächlichen Wirbel der Infotainment-Gesellschaft mehr solcher Bücher erscheinen würden – Bücher, die uns auf eine eher leise Art daran erinnern, dass Bildung und kulturelles Gedächtnis immer noch Voraussetzung dafür sind, dass wir unsere Gegenwart lesen können.