Nie werde ich meine Freudentränen über die friedliche Öffnung der Berliner Mauer vergessen. Sie war gefallen dank der Gesinnung der Demonstranten, dank der Vorarbeit der polnischen Solidarność, dank der friedlichen Vernunft Gorbatschows und auch der kommunistischen Führungen in Budapest, in Prag und in Ost-Berlin. Heute, anderthalb Jahrzehnte später, bin ich traurig über die unbefriedigenden wirtschaftlichen Zustände in Ostdeutschland – und besonders darüber, dass so viele Menschen dort sich dazu verleiten lassen, ihr heute selbstverständlich risikofreies Demonstrationsrecht zu benutzen, um gegen ein notwendiges Gesetz zu protestieren.

Allerdings kann ich ihre Ängste gut verstehen, auch den Zorn, der sich seit langen Jahren aufgestaut hat. Denn seit 1995 ist der wirtschaftliche Aufholprozess in den ostdeutschen Ländern zum Stillstand gekommen. Die Arbeitslosigkeit ist doppelt so hoch wie im Westen, die Wertschöpfung liegt bei weniger als zwei Dritteln. Zwar haben inzwischen viele ein Auto und fast alle ein Telefon. Aber viele der Jüngeren, die zu Hause keine Arbeit gefunden hatten, sind in den Westen abgewandert. Die Zurückgebliebenen leiden seelisch unter der anscheinend ausweglosen Arbeitslosigkeit.

Von den leichtfertigen Versprechungen des Jahres 1990 sind nicht allzu viele wahr geworden, nicht die wirtschaftlich "blühenden Landschaften", auch nicht die Westlöhne. Die tiefgreifende Enttäuschung war unvermeidlich; sie hat sich in den vergangenen acht Jahren immer mehr aufgestaut. Viele im Osten fühlen sich vom Westen getäuscht, bevormundet und herabgesetzt. Wenn jetzt die unvernünftige Ängstigung hinzukommt, so ist der Zorn vieler zwar sachlich nicht gerechtfertigt, wohl aber menschlich verständlich.

Man war seit Generationen gewöhnt, dass Regierung und Staatspartei für alles sorgen. Wenn jetzt der Staat seine Leistungen einschränken muss und dabei versäumt, verständlich zu erklären und zu begründen, was geschehen muss, welche Wirkungen eintreten, aber ebenso, welche Ängste unbegründet sind, dann sollte die Regierung über die propagandistischen Erfolge von ehrlich Empörten, von opportunistischen Demagogen und von ökonomischen Wunderheilern nicht erstaunt sein. Jürgen Peters, Frank Bsirske, Lothar Bisky und Oskar Lafontaine gehören allen drei Kategorien zugleich an. Dagegen fehlt es an verständlich dargebotener Aufklärung! Deshalb ist heute für die Abgeordneten des Bundestages und der sechs Landtage im Osten (einschließlich Berlins) nichts wichtiger, als in jeder Stadt Hartz-Sprechstunden, öffentliche Frage-und-Antwort-Veranstaltungen, Aussprachen mit den Landräten und Bürgermeistern zu veranstalten. Dazu sind dann allerdings Stehvermögen und Tapferkeit unerlässlich.

Ebenso wichtig ist die Ehrlichkeit, Fehler und Versäumnisse einzugestehen. Nicht "der Kapitalismus" hat die ostdeutsche Industrie brotlos gemacht, sondern der Kardinalfehler, 1990 die bislang staatlich festgesetzten Preise und Löhne von einer Mark Ost auf eine DM West umzustellen.

Die Privatisierung der alten Staatsunternehmen der DDR war prinzipiell richtig; falsch waren die Methode und das Tempo. Es war einem Bürger der DDR finanziell unmöglich, einen der "volkseigenen" Betriebe zu übernehmen, deshalb gerieten fast alle in die Hände kapitalkräftiger westdeutscher Firmen und Unternehmer – und damit weitgehend in die Hände westdeutscher Manager. Auch diese letztere Entwicklung ist nicht rückgängig zu machen, wohl aber kann sie im Laufe von ein bis zwei Jahrzehnten überwunden werden, soweit die westdeutschen Eigentümer jüngere Menschen im Osten zu Managern ausbilden und heranziehen. Dass die Privatisierung durch die Treuhand die Staatsschuld um rund 400 Milliarden vermehrt hat, ist freilich nicht mehr zu ändern.