Bridgewater, New Jersey: Am Eingang zu seinem Forschungpark präsentiert der Pharmakonzern Aventis eines seiner wichtigsten Unternehmensziele. "Ein Sinn für Dringlichkeit" solle herrschen, steht in großen Lettern auf einer Tafel gleich in der Eingangshalle. Sam Kongsamut weiß, warum das so wichtig ist. Bei Aventis, das am vergangenen Freitag auch offiziell im französischen Pharmakonzern Sanofi aufging, wählt er als Leiter der biochemischen Pharmakologie viel versprechende Substanzen aus. Solche, die zur Medizin weiterentwickelt werden sollen. "Das ist ein ständiges Rennen gegen die Zeit", sagt er. Nur ganz wenige Stoffe überstehen die vielen Prüfungen und schaffen es bis in die Apothekenregale. Wenn die Konkurrenz langsamer war, ist es ein Milliardengeschäft – sonst sind es vergeudete Jahre.

Sam Kongsamut erzählt deshalb auch gerne die Geschichte, wie er vor zwei Jahren eine Menge Zeit gespart hat. Damals suchte er nach Informationen über den Tastsinn bei Diabetikern, ein sehr spezielles Forschungsfeld. In den hausinternen Datenbanken fand sich dazu nichts, und Kongsamut wollte sich schon durch einen Berg von Literatur wühlen. Bis er in den Weiten des eigenen Konzerns Su-fen Pu fand. Die Aventis-Forscherin kannte das Fachgebiet aus einem früheren Job. Su-fen Pu hatte ihr Büro im selben Gebäude, ein paar Türen weiter. Sie zu entdecken, war für Kongsamut allerdings schwieriger, als man vermuten könnte. Die Geschichte der zwei Kollegen ist die Geschichte einer so erstaunlichen wie umstrittenen Erfindung.

"Alle reden davon, dass das Wissen der Mitarbeiter das wertvollste Gut in einem Unternehmen ist", sagt David Gilmour, der Chef der Software-Firma Tacit aus Palo Alto in Kalifornien. "Doch Konzerne verpassen regelmäßig Chancen, solches Wissen auch auszutauschen." Anders gesagt: Wie kann ein Konzern wie Aventis wissen, was er alles weiß?

Dass in manchem Großunternehmen die linke Hand nicht weiß, was die rechte tut, ist ein altes Problem, an dem sich viele Manager die Zähne ausbeißen. Weil Unternehmen immer größer werden und sich immer weiter verzweigen, hat sich das so genannte "Wissensmanagement" zu einer der gefragtesten Forschungsrichtungen unter Betriebswirten entwickelt. Der Ingenieur und Betriebswirt Gilmour plagt sich seit den achtziger Jahren damit herum, als er bei der Lotus Development Corporation (Lotus Notes) Software für die Zusammenarbeit von Konzernangestellten mitentwickelte.

1997 gründete Gilmour seine eigene Firma und nannte sie Tacit – eine Anspielung auf das tacit knowledge, die impliziten, informellen, oft tief vergrabenen Kenntnisse der Mitarbeiter in einem Betrieb. Tacit entwickelte Programme mit Namen wie Knowledge Mail oder ActiveNet, die solches Wissen an die Oberfläche befördern sollen; inzwischen sind sie bei Kodak und Lockheed Martin installiert, bei der Investmentbank Morgan Stanley und sogar beim amerikanischen Geheimdienst CIA. Bloß manche Mitarbeiter fühlten sich mitunter vor den Kopf gestoßen. "Als wir das den Leuten erklärt haben, sind einige schon rausgegangen, bevor ich den ersten Satz abgeschlossen hatte", erzählt der EDV-Chef eines Tacit-Kunden. Der Grund? Weil Tacit-Chef Gilmour vielleicht der Mann ist, der George Orwells Big Brother endgültig in der Wirtschaft einführt.

Als Sam Kongsamut bei Aventis nach seinen Fachinformationen über Diabetiker suchte, hatte Tacit auf seinem Computer gerade erst das Programm Knowledge Mail installiert. Äußerlich ließ sich das daran erkennen, dass in der rechten unteren Ecke des Bildschirms ein gelber, stilisierter Kopf zu sehen war. Drinnen im Computer hatte sich mehr geändert. Seit jenem Tag liest jemand mit, was über Kongsamuts Bildschirm wandert. In seinem elektronischen Hirn wälzt der gelbe Kopf die gesamte tägliche Datenflut hin und her, von E-Mails bis zu Dokumenten. Welche Stichworte fallen besonders häufig? Über welches Fachwissen verfügt Kongsamut vermutlich? Mit welchen Kollegen, Kunden und Geschäftspartnern verkehrt er?

So unheimlich das klingt: Die Sache hat ihren Wert. Mitarbeiter können das gesammelte Wissen des gelben Kopfes abfragen. Kongsamut, der "diabetische Neuropathie" eintippte, "hoffte eigentlich, jemanden in Frankfurt zu finden". Dort vermutete er Experten, aber genau wusste er es nicht: Bei Aventis ging damals vieles drunter und drüber. Das Unternehmen war erst 1999 durch eine Elefantenhochzeit von Hoechst und Rhône-Poulenc entstanden; Beschäftigte waren entlassen und weite Teile des Konzern umgebaut worden. Allein die Forschungsabteilung des neuen Unternehmens zählt inzwischen mehr als 5000 Mitarbeiter, und wichtige Labors sind über Deutschland, Frankreich, die USA und Japan verteilt.