management Zufahrt zum GehirnSeite 3/3
Doch solche Programme haben viele Nachteile: Sie machen allen Mitarbeitern Zusatzarbeit, erzeugen eine schwer navigierbare Datenflut und sind auf mitteilungsbedürftige Individuen im Betrieb angewiesen. Systeme wie Knowledge Mail hingegen brauchen nur den elektronischen Späher am Bildschirmrand. Und statt einen Berg von Dokumenten auszuspucken, funktionieren sie wie eine Partnerschaftsvermittlung. Tacit-Chef Gilmour glaubt, dass dieser Ansatz »die natürliche Bereitschaft der Mitarbeiter ausnutzt, ihre Informationen teilen zu wollen.«
Immerhin heißt es bei Aventis, dass sich Gilmours Partnerschaftsvermittlung mittlerweile »locker« bezahlt gemacht habe. Die Analysefirma Gartner bestätigte das in einem Report über das Projekt: »Allein in der Pilotphase wurden mindestens acht Monate Laborarbeit gespart.« Gilmour selbst behauptet, dass inzwischen »alle großen Pharmakonzerne« auf seiner Warteliste für Pilotprojekte stehen. Auch die Konkurrenz hat nicht geschlafen: Vergleichbare Produkte wie der Lotus Discovery Server und Verity Tier 3, so genannte »soziale Netzwerkprogramme« wie Ryze oder Spoke und sogar Suchmaschinen wie Google buhlen inzwischen um den Markt der innerbetrieblichen Expertenvermittlung.
Bedeutet die Überwachung der Bildschirme auch das Ende der Privatsphäre im Unternehmen? Gilmour verteidigt sich eifrig gegen solche Vorwürfe: »Das System speichert keine Dokumente, es wertet sie nur aus«, sagt er. Benutzer könnten nach Bedarf ihre Kontakte auch anonym knüpfen. Die langen Listen von Kontakten und Expertisebereichen, die der Computer im Lauf der Zeit für jeden Mitarbeiter erstelle, könne ein Mitarbeiter zudem von Hand bearbeiten.
Die Hersteller von Wissensmanagement-Programmen sehen ein ganz anderes Problem: dass Big Brother an der falschen Stelle sucht. Manche Konzerne haben nämlich einen Teil ihres »Wissens« gar nicht mehr firmenintern verfügbar – stattdessen liegt es bei einer Beraterfirma, bei einem Partner oder einem freiberuflichen Mitarbeiter daheim. Kann man Systeme wie Knowledge Mail auch über Firmengrenzen hinweg ausdehnen? Wie verhindert man dann, dass Industriespione und Headhunter wertvollen Wissensträgern die Tür einlaufen? »Ich kann mir das für diese Anwendung nicht vorstellen«, sagt Projektleiter Oldigs-Kerber von Aventis zur Möglichkeit einer Ausweitung. »Das System enthält zu viele personenbezogene Daten.«
Doch wer weiß. Autofirmen zum Beispiel geben schon länger ihren Zulieferern technisches Know-how und sogar Management-Expertise weiter. »In einigen Situationen müssen Unternehmen vielleicht akzeptieren, dass Informationen heraussickern«, sagt Carla O’Dell, Präsidentin des Management-Fachverbandes American Productivity & Quality Center. »Doch am Ende wird dann für alle Beteiligten der Kuchen größer.«
- Datum 26.08.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 26.08.2004 Nr.36
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