Das avantgardistische Theater findet bereits seit vielen Jahren nicht mehr im Theater statt. Was auf der Bühne geschieht, liefert bloß den Anlass für Debattierstücke, die draußen auf der Straße spielen. In verteilten Rollen treten auf: Dramaturgen, Festspieldirektoren, Kulturdezernenten, zuweilen auch Regisseure, massenhaft Journalisten und manchmal sogar die Polizei. Kürzlich, nach der Deutschlandpremiere des neuen Stückes von La Fura dels Baus, den prominentesten europäischen Repräsentanten des Untheatralischen, beschlagnahmte die Hamburger Staatsanwaltschaft ein sodomitisches Video. Die Bild- Zeitung selbst hatte Anzeige erstattet, um hinterher groß über den Skandal berichten zu können. Etwas Besseres hätte den Veranstaltern der Kampnagel-Fabrik nicht passieren können. Die Polizei sorgte gratis für eine kleine Peripetie – und solche Höhepunkte sind ja das geheime Ziel jenes an Kopulationsszenen reichen, aber an Reizen armen Theaters, das nicht mehr von Akteuren gemacht wird, sondern von Meinungshabern. Deshalb heißt es auch nicht Theater, sondern Performance oder Event.

Dieses Theater hat längst das Interesse am Mimetischen verloren, es will bloß eins: das Publikum in Erregung versetzen. Deshalb ist es mit dem Begriff Pornografie recht zutreffend beschrieben. Seltsamerweise hat aber niemand außer der Bild- Zeitung den Begriff Porno gegen die spanische "Schocktruppe" La Fura dels Baus ins Feld geführt. Offenbar geht die Unverschämtheit des pornografischen Theaters einher mit einer großen Schamhaftigkeit seiner Interpreten, Vergewaltigungsfantasien als solche zu bezeichnen und ein spießiges Snuff-Movie spießig zu nennen. Hier zeigt sich die unausrottbare Demut vor allem, was im so genannten Kulturbetrieb stattfindet. Und es zeigt sich das Ressentiment des Theatergehers gegen die Bild- Zeitung; er glaubt, das Gegenteil von Bild sei automatisch richtig oder zumindest klug. Am meisten fürchtet er sich aber davor, als prüde zu gelten. Deshalb muckt er nicht auf gegen die Propagandisten des Dumpfen, Körperlichen.

Der Unterschied zwischen echtem Porno und Theaterporno besteht mitunter nur in der allseits beliebten Performance-Lecture, einer Legitimationsvorlesung, die der Zuschauer, das treue Schaf, hinterher noch über sich ergehen lässt. Erst wenn er mit Strukturalistenkauderwelsch gequält und von Nackedeis gedemütigt wurde, sind die Bedürfnisse des Kulturspießers befriedigt. Pornotheater ist kein Einfühlungstheater und kein Aufrüttelungstheater, es hat weder Sinn für die höhere Komik noch für die besondere Drastik der menschlichen Begierden. Eigentlich bezeugt es bloß die Unüberbietbarkeit des echten Schauspiels, das sich seines Spielcharakters stets bewusst war, egal ob Kleists Penthesilea, Hebbels Judith oder eine Komödie von Woody Allen auf dem Plan stand. Das Event-Theater, weil es die Schauspielkunst verachtet, verlegt sich auf die konventionelle Schauspielerei des Alltags, von der uns das Theater ursprünglich befreien sollte, auf stereotypes Grinsen und schlecht vorgetäuschte Lust.

Evelyn Finger