Früher, als alles besser war, hätte sich Gerhard Schröder bestimmt nicht so aufgeregt. Früher hätte ihm ein Eier werfender Demonstrant wohl kaum mehr als ein Achselzucken abgerungen. Früher hätte er vielleicht den Eierwerfer vor Gericht verteidigt, rauflustiger Strafverteidiger, der er mal war. Heute, unter dem Eindruck der Proteste in Ostdeutschland, spricht der Kanzler Schröder von der "Zerstörung" politischer Kultur. Und man denkt: Für eine Hundertschaft Demonstranten, zwei Eier, die ihn nicht trafen, und einen Stein auf sein Auto ist das ein bisschen übertrieben.

Doch den Kanzler und fast jeden Beobachter, der den Volkszorn aus persönlicher Anschauung erfährt, dürfte eine böse Ahnung verschrecken: Wenn schon die erste einschneidende Reform in Deutschland derart viel Ablehnung und Verdruss hervorruft, was passiert eigentlich in diesem Land bis zum Ende der vielen angekündigten Neuerungen, zumal dann, wenn sich die erhofften Vorteile dieser Veränderungen nicht schnell einstellen werden? Gerhard Schröder hat soeben für sich und seine gequälte Partei eine Antwort gefunden. Er will zusätzliche Reformen, die für den Bürger mit neuen Widrigkeiten verbunden sein werden, in dieser Legislaturperiode nicht mehr anpacken, weder den weiteren Umbau des Gesundheitswesens noch die Pflegeversicherung. Es ist ein macht- und parteipolitischer Reflex: Nur in der Reduktion von Zumutungen sieht er für seine Regierung offenbar noch eine Überlebenschance.

Aber es ist ein allzu vertrauter Reflex, der nur in einem System greifen kann, in dem sich Reiz und Reaktion in etwa berechnen lassen. In dem eine Regierung für gute Leistungen belohnt und für schlechte abgestraft, dann aber von einer Opposition beerbt wird, die in mäßig abgewandelter Form die Arbeit der Vorgänger-Regierung fortsetzt. Was aber, wenn diese vertrauten Mechanismen nicht mehr greifen? Das Erschrecken in diesen Tagen folgt der Entdeckung, dass sich eine der besten und stabilsten Demokratien der Welt plötzlich zweifelnd und verunsichert zeigt, dass Menschen sich von der Demokratie abwenden und ihnen Demokraten unfähig erscheinen, größere Probleme zu lösen. Manchmal überfällt einen das Gefühl, als fehle dem Populismus in Deutschland zum Durchbruch nur noch eines: der rechte Mann, der gegebenenfalls auch ein linker sein kann, oder vor allem ein Anti-Parteien-Politiker.

Der Fokus von Politik und Medien liegt auf den protestierenden Ostdeutschen, und im Westen geben sich viele entsetzt. Doch der Blick allein auf den Osten verharmlost die Verhältnisse. Denn jetzt werden Fehlentwicklungen in ganz Deutschland sichtbar. Anspruchsdenken, Wehleidigkeit und mangelnde demokratische Reife bei den Bürgern. Gleichgültigkeit, Opportunismus und Hochmut bei den Eliten. In hoch industrialisierten und differenzierten Gesellschaften wurde bisweilen eine gewisse Wohlstandsverwahrlosung beklagt. Offenbar gibt es aber auch eine Verwahrlosung von Demokraten. Sie halten die Segnungen des Systems im harmloseren Fall für selbstverständlich; im schlimmeren sind für sie die demokratischen Institutionen längst jedes Sinnes entleert.

Zur Beruhigung halten wir uns an lieb gewordene Einsichten. Sie sind nicht ganz falsch, und doch machen sie blind für Gefahren: Seit über zwanzig Jahren, wird dann zum Beispiel abgewiegelt, spricht man über die Krise der Volksparteien und die Politikverdrossenheit der Bürger – aber die Parteien sind alle noch da, und die Bürger gehen (jedenfalls zu einem großen Teil) noch zur Wahl. Extremisten und Populisten haben sich bislang immer selbst gerichtet, kaum dass sie die Schwelle der Parlamente überschritten hatten. Und dann ist da noch das geflügelte Wort "Bonn ist nicht Weimar" oder "Berlin ist nicht Weimar", das auf ein Buch von 1956 zurückgeht. Aber es war der Urheber selber, der Schweizer Publizist René Allemann, der vor einigen Jahren in der Weltwoche warnte, ein sicherer Befund könne erst dann ausgestellt werden, wenn in einer Krise das "soziale Netz durch tiefe Einschnitte an seiner Tragfähigkeit behindert wird und wenn die Wirtschaft nur noch durch Rücknahme sozialer Konzessionen funktionieren kann".

Dieser Fall ist nun da: Zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte muss sich die wirtschaftlich so erfolgsverwöhnte deutsche Demokratie unter den Bedingungen der Knappheit bewähren. Diese Aufgabe geht einher mit einem beängstigenden Ansehens- und Vertrauensverlust des Systems und seiner Eliten. Wenige Tage alt sind die Ergebnisse des Datenreports 2004, an dem das Statistische Bundesamt mitwirkte. Demnach glauben nur 49Prozent der Ostdeutschen, dass die Demokratie in Deutschland die beste Staatsform sei.

Auch eine im Frühsommer vorgestellte und alles andere als alarmistisch gehaltene Studie der Bertelsmann Stiftung dokumentiert einen Negativrekord: 55 Prozent aller Deutschen sind mit der Demokratie zurzeit eher unzufrieden. Zugleich schneiden Politiker, aber auch Unternehmerverbände, Gewerkschaften und Kirchen miserabel ab. Zu der in Verruf geratenen politischen Klasse in Deutschland zählt zudem ein Teil der Medien – was nichts anderes bedeutet, als dass Kontrolleure und Kontrollierte in einen Topf geworfen werden. Gegen den Schulterschluss großer Verlage bei der Bekämpfung der Rechtschreibreform ist deshalb auch weniger der Vorwurf berechtigt, dass sich Unternehmen die Kompetenzen des Gesetzgebers anmaßten, als die Kritik, wichtige Medien steckten unter einer Decke. Glaubwürdigkeit hieße hier vor allem Unterscheidbarkeit.