Zweimal in den vergangenen sechs Jahren sahen deutsche Chefredakteure die Pressefreiheit in Gefahr. Das erste Mal im Frühjahr 1998, als es um die Einführung des Großen Lauschangriffs ging und damit auch um das heimliche Abhören von Gesprächen mit Journalisten. Damals protestierten sie zu Recht. Jetzt wehren sie sich gegen ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, das der Berichterstattung über das Privatleben Prominenter von C wie Caroline von Monaco-Hannover bis Sch wie Schröder engere Grenzen setzt. Dieses Mal begehren die Medienvertreter zu Unrecht auf.

"Herr Bundeskanzler, stoppen Sie die Zensur!", lautet der öffentliche Aufruf, den bis Dienstag dieser Woche schon mehr als 60 Chefredakteure unterschrieben hatten. Sie befürchten "dramatische Folgen" für die Demokratie, sollte die Bundesregierung keine Berufung gegen das Urteil Caroline von Hannover gegen Deutschland einlegen. Warnend heißt es: Artikel über die "private Adlon-Sause" des ehemaligen Bundesbankpräsidenten Welteke, über "Verbindungen" des Exverteidigungsministers Scharping zum PR-Berater Hunzinger oder über "das wenig adelige Verhalten" des Prinzen Ernst August von Hannover während der Expo 2000 könnten künftig "unzulässig" sein.

Zensur – ein schwerer Vorwurf, der nicht zutrifft. Die sieben Straßburger Richter haben dem Staat keine Schere in die Hand gegeben, damit er unliebsame Veröffentlichungen von vornherein verhindert. Sie haben sich lediglich bemüht, zwei Menschenrechte ins Gleichgewicht zu bringen: die Meinungs- und Pressefreiheit und das Recht auf Achtung des Privatlebens. Letzteres leidet heute oft Not, da aus purer Neugier oder blanker Profitgier fast alles Private mit Wort und Bild an die Öffentlichkeit gezerrt wird.

Hätten sich die Chefredakteure zum Beispiel gegen das ausufernde Recht auf Gegendarstellung zur Wehr gesetzt, das oft gerade kleine, finanzschwache Zeitungen knebelt – man hätte ihren Protest verstanden. Aber der Aufschrei gegen den Richterspruch aus Straßburg? Keiner der Unterzeichner dürfte das Urteil genau gelesen haben. Denn keine der von ihnen genannten Affären könnte in Zukunft unterdrückt werden. Wenn Prominente das Gesetz übertreten, wenn sie private Dinge mit ihren öffentlichen Aufgaben verquicken oder wie auf der Expo in Hannover gegen einen türkischen Pavillon urinieren und damit das Ansehen eines anderen Staates verletzen – in allen diesen Fällen tritt die Privatsphäre auch zukünftig hinter das Recht auf Information zurück. Die Richter haben, wenn auch in umständlichen Worten, lediglich gesagt: Wo das öffentliche Interesse nicht durchbricht, herrscht Privatheit.

Vor fünf Jahren hat das Bundesverfassungsgericht für die Paparazzi dieser Welt ein erstes, allerdings nur winzig kleines Stoppschild aufgestellt. Danach müssen "absolute Personen der Zeitgeschichte", zu denen auch die Royals gehören, selbst heimliche Fotos über ihr Privatleben grundsätzlich dulden, jedenfalls solange diese außerhalb der eigenen vier Wände aufgenommen wurden. Die Ausnahme: Kinder sind mit abgelichtet, oder die Promis haben sich erkennbar an einen "abgeschiedenen Ort" zurückgezogen, zum Beispiel in den hintersten Winkel eines Restaurants, um sich dort unbehelligt zu bewegen.

Dieser Käfig ist zu eng. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte dehnt deshalb das Recht, allein gelassen zu werden, ein wenig aus. Caroline von Monaco wird sich also künftig selbst in aller Öffentlichkeit privat bewegen dürfen – zumindest dann, wenn sie wie jedermann einkaufen geht oder Tennis spielt. Kehren die Reichen und die Schönen allerdings freiwillig ihr Innerstes nach außen oder steht ihr Auftritt in einem Zusammenhang mit einer öffentlichen Aufgabe, dann überwiegt weiterhin das Informationsinteresse. Politiker, aufgepasst!, rufen die Richter, euer Amt hat besondere Bedeutung; ihr müsst euch deshalb mehr Beobachtung als die Stars und Sternchen gefallen lassen.