Sie sind als erste Tessiner dem Ruf des Goldes gefolgt und haben sich nach Australien eingeschifft. Im Frühjahr 1854 kehren der Maurer Giovanni Antonio Palla aus Cevio und der junge Kaufmannsgehilfe Tommaso Pozzi aus Coglio im Maggiatal triumphierend aus den Goldminen von Victoria nach Hause zurück. Palla bringt ein Kapital von 10.000 Franken mit, das Zehnfache seines früheren Jahreseinkommens. Von Pozzi sagen die Dörfler anerkennend, er sei "con felice fortuna" heimgekehrt. Zwischen den beiden Abenteurern entspinnt sich ein Wettlauf um den ersten Platz: Jeder will der Goldjunge des Tales sein. Der mit ausgewanderte Alessandro Pozzi, ein Verwandter Tommasos, schreibt eilig nach Hause, Vetter Tommaso habe eigens ein früheres Schiff genommen, damit er daheim auf Palla warten und "diesem Angeber die Cica [den Kautabak] vor die Füße spucken" könne.

" I poveri rimangono poveri", die Armen kommen arm zurück, diese Erfahrung stimmt nicht mehr so ganz. 20.000 Tessiner wandern in jener Zeit aus, etwa die Hälfte von ihnen kehrt bis 1900 wieder. Diese Rückkehrer bringen Geld, bringen Ideen und die Dynamik der Neuen Welt in die idyllischen Bergdörfer und Städtchen. Sie bauen Straßen, finanzieren Lokalbahnen in die Täler, investieren in Hotels, gründen Banken und rufen Verkehrsvereine ins Leben. Innerhalb weniger Jahrzehnte wird die "Sonnenstube der Schweiz" zu einer der beliebtesten Ferienlandschaften Europas, ja der Welt.

Kaum ein Menschenalter vor diesem Entwicklungsschub an der Wende zum 19.Jahrhundert steckte das Tessin noch im tiefsten Mittelalter. Es ist ein ernüchterndes Bild, das der Berner Aufklärer Karl Viktor von Bonstetten im Auftrag seiner Regierung 1795 von den angeblich idyllischen "italienischen Landvogteien" zeichnet. Aus Coglio, dem Dorf des Goldsuchers Pozzi, berichtet er: "Da ging ich in ein Bauernhaus. Zwei Betten waren mit Laubsäcken in einer engen niedern Stube, mit einer einzigen, kleinen vergitterten Öffnung ohne Fenster; keine Stühle, nur 4 oder 5 Kisten auf denen man sitzen konnte; alles war unreinlich und stinkend." Die Nahrung der "bräunlich blassen" Menschen bestehe nur aus Polenta, Kastanien, Wein und Milch. Die Verwaltung, die in den Händen rasch wechselnder Landvögte aus der Innerschweiz lag, sei durch und durch korrupt. "In diesen italienischen Thälern stimmen Natur, Sitten und Gesetze zur Zerstörung des Menschengeschlechts oder wenigstens zu seinem Unglück zusammen. Im ganzen Amt ist nichts für die Armen gethan."

Erst auf Druck Napoleons wurden die Tessiner Landschaften 1798 aus der italienischen Abhängigkeit entlassen und der Helvetischen Republik eingegliedert; 1803 war das Land Vollkanton mit eigener Regierung. In den folgenden Jahrzehnten blieb er umkämpft, eine instabile Pufferregion zwischen den italienischen Freiheits- und Einigungsbestrebungen und der neutralen Schweiz. Als der österreichische Marschall Radetzky, Gouverneur in der besetzten Lombardei, 6.000 Tessiner mit der Begründung auswies, das Tessin fördere heimlich die italienische Freiheitsbewegung, verstärkte er damit die anschwellende Emigrationswoge.

Erotische Ferien auf dem Berg der Wahrheit

"Drei Mal täglich Pasta", komfortable Unterbringung, schnelle und moderne Dampf-Segelschiffe und erfahrene Kapitäne, die "größten Wert auf die Sicherheit und das Wohlergehen ihrer Passagiere" legen: Das versprachen die ganzseitigen Anzeigen, die von 1853 an monatlich in der Gazetta Ticinese erschienen und von den Auswandereragenturen zusätzlich in den Dörfern ausgehängt wurden. In Scharen umstanden arbeitslose junge Männer die Anschläge. Man ermutigte sich gegenseitig. Doch kaum einer hatte das Geld für die Reise. Die Societá di navigazione Amburgo-Americana bot Passagen von Hamburg nach Melbourne oder Sydney für 600 bis 1.000 Franken an, 100 Kilogramm Gepäck und Grundverpflegung an Bord eingerechnet. Das entsprach etwa dem Jahresgehalt eines Handwerkers.

Die Gemeinden waren in einer ausweglosen Situation: Die Bevölkerung wuchs, die Erbteilung nahm zu, viele Bergbauernfamilien fanden auf den kargen Almen der Täler kein Auskommen mehr. Schweren Herzens rodeten die Gemeinden ihre Wälder und verkauften das Holz, um den Auswanderungswilligen Reisekredite geben zu können.

Kredite, Pfandverschreibungen oder die Verpfändung der eigenen Arbeit auf ein Jahr, das boten auch die Auswanderungsagenturen zur Finanzierung der Überfahrt an. Hoch verschuldet traten die emigranti die Reise ins Ungewisse an. Sie waren auf ihrer naiven Suche nach Arbeit und Abenteuer in das Interessennetz skrupelloser Reeder, Bahngesellschafter, Lokalpolitiker und Notare im Tessin und Minenverkäufer in Australien geraten. Die Reedereien in Hamburg und die mit ihnen kooperierenden Auswanderungsagenturen in Basel benötigten Nachschub. Die fluchtartige Auswanderung der verfolgten Republikaner von 1848 vor allem aus Süddeutschland hatte nachgelassen, das Geschäft stagnierte. Da fand sich in den Bergdörfern der Tessiner Täler ein neuer Menschenmarkt.