Schweiz Die Erfindung des TessinSeite 4/4

Das war so einfach nicht. Der edle Kurort als Fluchtburg der Antifaschisten: Das missfiel vielen Schweizern. In einigen Zeitungen wurde offen antisemitisch gegen die Flüchtlinge in Ascona und Umgebung gehetzt – im Duett mit denen, die jenseits der Grenze, in Hitlers Reich, höhnten: »Wie leben die Juden im Exil von Ascona?«

Nach dem Zweiten Weltkrieg lief die Zeit der plüschverbrämten Grandhotels rasch ab. Schon Baron von der Heydt hatte in seinem Erinnerungsbuch über die stürmische Besiedlung der Berghänge um Ascona Anfang der dreißiger Jahre berichtet. Den eleganten Häusern im Bauhaus-Stil folgten nach dem Krieg die üblichen Betonkartons und pseudomediterraner Villenkitsch. Seit Mitte der sechziger Jahre rollten zudem Hunderttausende Urlauber im Reisebus, mit VW-Käfer und Opel-Rekord über die verbesserten Passstraßen. Am Lago Maggiore und in den Tälern entstanden große Campingplätze. Den 1980 eröffneten Gotthard-Straßentunnel durchfuhren im Folgejahr schon drei Millionen Fahrzeuge, doch die meisten davon durchquerten das Tessin nur: Die Schweiz war zum Transitland geworden.

Heute erscheint Ascona an manchen Tagen wie ein schemenhaftes Touristendorf von gestern. Die Karawane ist weitergezogen. Geblieben sind die Kulissen von einst, teure Boutiquen und Cafés; eine weiß-blau lackierte Touristenbahn fährt Reisegruppen bimmelnd durch den Ort. Mit dem alten Grand-Hotel in Locarno, wo Aristide Briand und Gustav Stresemann verhandelten, geht es ächzend zu Ende, und um das Lustbad auf Emdens hemdenfreien Brissago-Inseln wachsen inmitten exotischer Gehölze wilde Kartoffeln.

Lebendig ist das Tessin dagegen in den vor 30 Jahren noch entvölkerten Tälern. Die alten Dörfer sind wieder bewohnt, und selbst die einst verfallenen Sommeralmen dienen heute den Nachkommen der bitterarmen Bergbauern als Wochenendhäuser – der Hubschrauber als inzwischen alltägliches Transportmittel in den Tälern macht es möglich. Als Projektionsfläche für die Sehnsüchte nach einem freieren, »südlicheren« Leben, taugt das Tessin allerdings nicht mehr; das verhindert schon die etwas bizarre eidgenössische Preisgestaltung. Und dennoch und dennoch: »Ich weiß nicht, ob Du die Landschaft im Südtessin kennst«, schrieb Hermann Hesse 1916, »sie ist wunderbar reich und schön, und vom Alpinen bis ganz zum Südlichen ist alles da…«

Der Autor ist Historiker und Redakteur des »Südkuriers« in Konstanz

 
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