USA-Serie So viel Hass
Die Vereinigten Staaten sind ein gespaltenes Weltreich. Wer kämpft gegen wen? Eine Suche nach Antworten in Arizona und New Mexico, »Swing States«, in denen die Präsidentenwahl im November entschieden werden wird
Längengrad 112, Breitengrad 33,5; Interstate 10 North. Die psychosoziale Landvermessung der Unvereinigten Staaten beginnt auf der Fahrt von Tucson nach Phoenix bei 40 Grad heißem Nachtwind mit dem rostigen Blues des ungefähr riesigen, herrlich jungen uralten Big Pete Pearson: Trustworthy Woman, die wunderbare, unberechenbare Frau, eine Allegorie für das gegenwärtige Amerika. I can’t trust you baby, all you do is lie all time / I can’t trust you woman, all you do is lie all time. You trustworthy woman, I want you to get out of my mind.
Phoenix, Seamus McCaffrey’s Irish Pub and Restaurant. Das Seamus im Zentrum des seit je konservativen und seit kurzem mächtig ausufernden Phoenix ist ein Nest liberaler Freigeister. Ungehinderte Rede ist garantiert, Versammlungsfreiheit, Spottfreiheit. Angst ist nicht zu finden, obwohl Amerika unablässig im Code orange gehalten wird: subkutaner Terroralarm. Der Furcht-Faktor, der für Gehorsam und Geschlossenheit sorgen soll. Michael Ryan und Candice Kent sind Rechtsanwälte, gute, stadtbekannte jedenfalls, und wenn die Demokraten statt John Kerry einen Hund aufgestellt hätten, so würden Michael und Candice am 2. November einen Hund wählen. Ein Mann namens George W. Bush hat Michael Ryan und Candice Kent ihr Amerika geraubt.
Michael ist schwul und vor kurzem am christlichen Imperium gescheitert. Seine Klienten Tod und Don wollten heiraten, und der Alliance Defense Fund (ADF) hatte Michael jede juristische, schlimmer noch: moralische Opposition angekündigt, sollte der die Homoehe durchpeitschen wollen. Der ADF rekrutiert seit Jahren Freiwillige und Geldgeber, und seine 15 Anwälte vertreten die Interessen besorgter Amerikaner, die gegen den Verfall christlicher Werte und für die Überwachung der Heiligkeit des menschlichen Lebens zu Felde ziehen. Natürlich brachte Michael die Causa Tod und Don vors höchste Gericht Arizonas, das die Homoehe schließlich genauso verbot wie die höchsten Gerichte von Kalifornien, Massachusetts, Hawaii und Alaska.
Arizona, republikanische Nachschubbasis patriotischen Pathos’, wo 50000 Militärangehörige in Pension sind, ist in erster Linie konservativ und in zweiter ratlos, ein so genannter swing state aus der Mythenschmiede des amerikanischen Traums, von den Wahlstrategen umschmeichelt, weil hier nicht entschieden ist, ob sich im November der abgrundtiefe Hass auf oder die himmelhohe Verehrung für Bush durchsetzen wird. Arizonische Kultur ist dieser Tage so beschaffen, dass jeder ohne Waffenschein einen Revolver sichtbar an der Hüfte tragen darf; doch der Westen ist nicht mehr wild, er ist verwirrt. Die Einheimischen müssen täglich die illegale Einwanderung Hunderter mexikanischer Flüchtlinge verkraften, dazu die Unterwanderung durch kalifornische Liberale, die zur ewigen Sonne streben. Und auf dem Plateau überm Grand Canyon, an der Grenze zu Utah, haben fundamentalistische Abkömmlinge der Church of Jesus Christ of Latter-day Saints ein isoliertes Gehege mormonischer Polygamie geschaffen. »Das droht uns allen bei vier weiteren Jahren George W. Bush, der als erster Präsident religiösen Organisationen erlaubt hat, sich durch öffentliche Gelder zu finanzieren«, sagt Michael, ungehalten, unerschrocken, unerbittlich, und er trinkt den dritten Gin und dann den vierten, und dann wird man weitersehen, der Abend ist noch jung.
Candice Kent, die große, ungeliftete und gerade deshalb attraktive Rechtsanwältin, raucht den ganzen Abend mit herrlicher Beflissenheit; im Seamus wird stets beflissen geraucht, obwohl man das auch hier selbstverständlich nicht darf. Candice schämt sich nicht für ihre kleine Renitenz, jedoch für ihren Mann, denn der wähle die Republikaner, der Steuersenkungen wegen. Die große Leistung der Bush-Administration, bekennen mehrere erregt mit ihrem Anti-Patriotismus kämpfende Seamus-Patrioten, bestehe darin, eine Atmosphäre der Angst geschaffen zu haben, in der jede Kritik am Präsidenten als anti-amerikanisch ausgelegt werde. Wer demonstriere, gelte als Vaterlandsverräter. Die Medien: rechts und unerträglich. Fox TV: Hofberichterstatter des Kriegsverbrechers. Im nach rechts gedrifteten Amerika, vernimmt man Candice Kent, sei »liberal« zum schmutzigen Wort mutiert, stehe synonym für unmoralisch und unpatriotisch. »Wenn Bush wiedergewählt wird«, röhren sie im Seamus, »gibt es eine Revolution.«
Im hedonistisch behauchten Reservat der liberalen Demokraten von Phoenix, Arizona, wird die inneramerikanische Metamorphose der letzten Jahre ungefähr wie folgt verstanden: Das Ende des Kalten Krieges habe den gemeinsamen Feind geraubt und den stets vorhandenen kulturellen Graben innerhalb des Landes sichtbar werden lassen. Rote gegen Blaue, Konservative gegen Liberale, fundamentalistische Rechte gegen radikale Linke, Puritaner gegen Europäer, Sozialstaatsverächter gegen Wohlfahrtsüberzeugte, fanatische Christen gegen gottlose Anarchisten, Michael-Moore-Hasser gegen Bush-Hasser; Passion Christi gegen Fahrenheit 9/11. Der Krieg gegen den Terror hat einen Kulturkampf entfacht und die Amerikaner so weit verunsichert, dass sie, im Zustand schlafender Vernunft, Politik nur noch auf das mosaische Vergeltungsprinzip und die dafür entscheidende Frage reduzieren: Welcher Mann ist so stark, dass er uns beschützen kann?
Erwachet! ist nun der Schlachtruf der, wenn man so will, europäischen Seite des großen amerikanischen Grabens, ein ganz und gar exoterisches Erwachen soll dies werden aus der Dämmerung einer alttestamentarischen Entropie, die mit Paranoia zu tun hat, mit Staatsbürgerpathos und der Liebe zum Ur-Mythos vom nie vergehenden Streben nach Glück, das Arizonas Blueslegende Big Pete Pearson beswingt wie kein anderer: » I don’t know why I love you, I don’t know why I feel this way/ I don’t know wahahahai I feel this way. I wanna love you baby, twenty-four hours a day…«
Phoenix, Monroe Ecke Central. Einen Block westwärts des Seamus, eine zerfledderte Bibel in der Hand, schreit, wie jeden Mittag seit zwei Jahren, für über drei Stunden der Wanderprediger Robert Joseph seinen Jesaja gegen den Lärm der Central Avenue, mit tiefer, rauchiger Stimme und imponierendem Nietzscheschnauzer. »Seht euch die Welt an: Der Teufel regiert! Eine Menge Terroristen bewegen sich auf den Straßen von Phoenix!« Eine kranke Stadt. Massenweise Verderbnis. Drogen, Pornografie, Prostitution, Korruption, Dummheit, Hass, Hybris, Hetze. Das Königreich Gottes sei nur für die Reinen. Deshalb kämpft der apostolische Prophet der First Assembly of God gleich noch eine Überstunde weiter gegen das Gomorrha der arizonischen Wüste. »George Bush«, verkündet er, »ist der wahre Christ. Er geht gegen das Böse vor, gegen Saddam und die Homosexuellen. Der Präsident ist ein starker Mann, ein Mann von Charakter.«
Interstate 17, Phoenix Black Canyon Freeway, Highway 179, Sedona. Über den regionalen Countrysender Arizona 90,9 FM kündet erstens der Autor Gerard Henry in der beliebten Sendung Focus on Family von der fortschreitenden moralischen Dekadenz Amerikas und zweitens von der Dringlichkeit sexueller Abstinenz. Wo traditionelle Familien unter dem Druck spätkapitalistischer Produktionsbedingungen zerfallen, springen professionelle Moralisten ein. Drittens bringt das Weekend Magazine, musikalisch behübscht mit gut gelauntem Banjo-Picking, berührende Interviews von Müttern, die, zu volkspädagogischen Zwecken, ihren Töchtern sexuelle Fehler beichten, ehe viertens die »Wiedergeborenen Christen« in einem Werbeblock über geistige Wahrheiten nachdenken und auch das Land Israel belobt wird.
Mit leiser Scham öffnet sich das Verde Valley, sein Inneres ist edel, es kommen die Mystic Hills von Sedona, die United Methodist Church, das Kirchenhaus der First Assembly of God, dann die Finger, Schluchten, Zinnen, Recken, Säulen und Schrauben aus oxidiertem Sandstein in Red Rock Country, und unbestritten bleibt, dass Amerikaner die Poesie des unverdorbenen Landes, des unbefleckten Seins, die kapitalistische Urbarmachung des Mythos der von keiner Institution gehinderten Selbstverwirklichung so lieben wie die Demut vor der Schöpfung. In der herrschaftlichen Weite der arizonischen Wüste scheint die einzige Grenze das metaphysische Obdach zu sein. Das kleine, steinreiche Sedona, auf dessen Hügelkette ein neonlichternes Kreuz an die Anwesenheit der Freimaurer erinnert, zählt mindestens zwölf verschiedene Freikirchen christlicher Denominationen – bei 3000 Einwohnern, von denen 30 Prozent Millionäre sind und 70 Prozent spirituelle Spintisierer auf der Suche nach esoterischer Selbsterhebung in diesem, wie sie sagen, geoenergetisch einzigartigen Gebiet des elektromagnetischen Erdgitternetzes. Eine Masse freischaffender kosmischer Concierges siedelt hier, die Energie-Balancing, Chakra-Reinigungen, Reiki-Heilungen und Jenseitsreisen anbieten.
Vor allem pilgern die Erwachten des Wassermann-Äons ins Center For The New Age, 341 Highway 179. Das Holzhaus am märchenhaften Oak Creek, entstanden vor elf Jahren durch »automatische Zeichnungen« der aus Kalifornien zugereisten Gründerin Anita Dalton, ist ein Schmelztiegel für 20 Heiler, Hellseher und Erleuchtete aus aller Welt, die die Herzen und Seelen der ständig überarbeiteten, überforderten amerikanischen Mittel- und Oberschicht bereichern und damit ein bisschen Geld verdienen wollen. »Wir brauchen«, sagt Miss Dalton, Immobilienmaklerin a.D., »Politiker mit einer höheren spirituellen Ausstattung als Herr Bush oder Herr Kerry sie haben.« Sie also hält es wie manche von den Wahlkampfstrategen Gefürchtete: Sie wählt nicht. Mancher hält die Wahl für die wichtigste seit Abraham Lincoln und der Abschaffung der Sklaverei. Unter dem Gesichtspunkt der Spiritualität ist sie, folgt man Anita Dalton, eine einzige Farce.
»Der Herr wird euch beschützen. Amen.« Exaltierte Ladys im Chanel-Nr.-5-Chic verlassen nach der Sonntagsmesse mit transzendental plätscherndem E-Piano das Unity Church genannte Holzhaus auf einem der Hügel in Sedona, und im politlüsternen Privatissimum am schaufelnden Ventilator gesteht Marylou Palmer, ordinierte Pastorin, Südstaatenkind und Energiepaket, mit George W. Bushs Credo des »mitfühlenden Konservatismus« rein gar nichts anfangen zu können. Sie diagnostiziert, auf den allmorgendlich betenden Präsidenten angespitzt, den Verfall der politischen und den Aufstieg der individuellen Moral, redet sodann lieber von lesbischen Fantasien und dem Recht jedes Homosexuellen auf einen glücklichen Zweierbund und schließt ihre Gesellschaftsexegese wie folgt: Amerika durchlebt derzeit einen Paradigmenwechsel vom linear-rigiden Denken in gefertigten Formen hin zum zirkulär-spirituellen, intuitiven Dasein.
Kolibris röhren, Käfer raunzen, Grillen schnalzen, und Big Pete peitscht den Ford Taurus nordwärts: Give me one more drink, won’t get drunk again / Give me one more drink babe / I won’t get drunk again / Give me one more drink, my girl don’t know when …
Längengrad 112, Breitengrad 35 – Highway 89A North, Flagstaff. 89 Grad Fahrenheit. Warten seit fünf am Nachmittag. Die Macht der Masse in Flagstaff. Expressionistische Studentenschaft. Plakate, Erregung, Parolen. Das Geschenk kühler Bergböen. Die legendäre Eisenbahnlinie der Pioniere. Lok-Rufe alle 15 Minuten. Der Himmel leuchtet lachsfarben. Es ist aussichtslos, an diesem Tag auch nur eine Stimme für George W. Bush und eine gegen Michael Moore zu finden. Jeder hat Fahrenheit 9/11 gesehen. Einige dreimal. Manche haben geweint vor Entsetzen. Was für Bush zutrifft, gilt auch für Moore: Man liebt oder hasst ihn. Zwischentöne gibt es nicht. In Flagstaff liebt man Moore.
»Bush ist ein Idiot«, sagt der Ozeanograf Perry Crampton, der früher Republikaner war. »Unser Schulsystem ist der Tod von Volksbildung und guter Erziehung«, sagt eine Lehrerin. »Es gibt keine Mittelschicht mehr, so viele Amerikaner brauchen zwei, drei Jobs mit sieben Dollar Minimumgehalt pro Stunde, um überleben zu können«, sagt ein Pensionär. Man hört in diesen Minuten auch, dass sich Amerikaner im Ausland aus Scham verleugneten und als Kanadier ausgäben.
20 Uhr. Der Verkehr wird gesperrt. Im violetten Himmel kreist ein Flugzeug. Die Highschool-Band spielt sich warm. 21.03 Uhr. Sicherheitsleute rennen. Polizeiwagen stoppen. 22.28 Uhr. Ein Händler von Buttons und T-Shirts zieht seine Runden. Ein Spruch: »Irgendwo in Texas vermisst ein Dorf seinen Idioten.« Flagstaff beginnt final zu jubeln. Der Wahlkampf-Zug! Die Believe in America- Tour! Amerikas Erlöser ist da!
John Kerry spaziert die San Francisco Street Richtung Heritage Square, im linken Arm seine Frau Teresa, den rechten zum Winken gehoben. Popkonzertjubel. Auch hier zählt allein die Inszenierung, die magische Dialektik aus Wartenlassen und Warten. Vollauf begeistert will keiner vom Herausforderer sein. Viele mögen ihn nicht. Er ist ihnen zu blass. Er gilt als das kleinere Übel. Vor allem Grüne sind verzweifelt. Sie müssen ihn wählen. Spät, sperrig, hölzern skandiert Kerry seinen A stronger America- Refrain: »Are you ready for a new future? Are you ready for a new leadership for this nation? Help is on the way!« An Flagstaffs Bahnhof zurück bleibt einsam eine vom unerwarteten Scheinwerferlicht verwirrte Fledermaus.
Längengrad 106, Breitengrad 35,5 – Interstate 40 East, Navajo-Reservation, Santa Fe. Ostwärts, durch die metaphysische Öde rostroter Tafelberge, über den ausgetrockneten Dead River, am Dorf Two Guns vorbei Richtung lineare Endlosigkeit, öffnet sich nach einer Canyon-Enge auf einmal New Mexico, das Land der Hispanics, Navajo- und Hopi-Indianer, der multikulturellen Gelassenheit des melting pot. Auch ein swing state, schwankend, kippbar wie der Nachbar Arizona. Im schmucken, linkslastigen Santa Fe empfängt den alteuropäischen Landvermesser der schulterlanghaarige Jude David Pfeffer, Vietnamveteran, Architekt und demokratischer Stadtrat, der für die Republikaner New Mexicos heftig Wahlkampf macht. »Ich unterstütze den Präsidenten, und nun bin ich in einigen Ausschüssen nicht mehr wiedergewählt worden.« Damit die Marschroute hier gleich klar ist: Fahrenheit 9/11 sei übelste Propaganda; Demoralisierung in Kriegszeiten; höchste Form von Defätismus, ja Perversion. Michael Moore, der Held von Flagstaffs Bürgern: ein übler Verräter! Kerry: ein substanzloser Opportunist. »Flippyfloppy«, Wischiwaschi. Pfeffer plädiert für Selbstverantwortung, Steuersenkung, Privatwirtschaft und Prinzipienfestigkeit, und er sagt, die meisten hassten den Präsidenten, weil ungeheurer Hass in ihren Herzen wohne und der Präsident eben die höchste Autorität verkörpere, gegen die Hass sich immer richte. »In Amerika ist so unglaublich viel aufgestauter Hass.«
Das schmerzt den um Redlichkeit ringenden Mann natürlich, und er drückt den Autopiloten rein und rauscht die I 25 South gen Albuquerque und tritt im Hauptquartier der Republikaner New Mexicos auf wie ein Hippie im Oberklassenbürgertum. Hier macht auch Marjorie »Marj« Corcoran Gallún Wahlkampf, Händlerin arabischer Pferde und Präsidentin der Vereinigung republikanischer Frauen im linken Santa Fe, bezaubernd blondiert, faltenfrei mit 65 bei botoxbetäubter Oberlippe, rote Bluse und rote Cowboystiefel, dazwischen ein blauer Jeansrock. Den milieuresistenten Zweifler lächelt sie in Grund und Boden, nimmt ihn herzerfüllt an der Hand, fährt zum Flughafen, wo letzte Vorbereitungen für ein bedeutendes Fest stattfinden, und reicht ihn, mit großem Aplomb, durch die lokale Parteielite: John Sanchez, Parteivorsitzender der Republikaner New Mexico (»ein starker Führer der USA ist eminent wichtig für die Welt«), Vicki Perea, Albuquerques hispanische Oberbürgermeisterin (»Die Demokraten verletzen die fundamentalen amerikanischen Prinzipien von Gott und Familie«), schließlich Bill Redmond, republikanischer Kongressabgeordneter a.D. »Republikanische Präsidenten«, sagt der, »haben die Menschheit befreit: Lincoln von der Sklaverei, Reagan vom Kommunismus, George W. Bush vom internationalen Terrorismus.«
»Viva Bush«-Plakate, elf Kameras samt Aufsagern, weiße Cowboyhüte, ein Glatzkopf mit T-Shirt-Parole »Gays for Bush«. 800 Menschen beten mit dem schwarzen Pastor für den Präsidenten, für seine Frau Laura und Amerika, intonieren den Eid aufs Vaterland und singen, den erhobenen Kopf auf die Flagge gerichtet, die Nationalhymne. Polit-Cheerleading. Dann schwillt der Jubel, »Ladies and Gentlemen«, Fähnchenfröhlichkeit, »the President of the United States!«, und hemdsärmelig, braun gebrannt schreitet, im heldenpathetisch gewürzten Massenjubel, George W. Bush den Steg entlang, Hände schüttelnd, lachend, winkend, und unterschwellig sind schon in den ersten Minuten seiner freien Rede die entscheidenden Leitmotive da: Stärke, Führung, Kompromisslosigkeit. Das Wertgefüge der Gründerväter. »Die Welt braucht ein starkes Amerika«, sagt er, »Amerika braucht einen starken Präsidenten. Hier steht ein starker Präsident!« Jubel, Parolen, Fähnchen. Marjorie greift die Hände des geliebten Präsidenten wie ein Fan einst die von Elvis. Sie schießt 43 Fotos mit der Digicam. Es ist der glücklichste Tag in ihrem Leben.
Marjs Liebeserklärung an die Republikaner ist eine Liebeserklärung an den Mythos: Amerika gleich Härte gleich Strenge gleich Authentizität gleich George W. Bush. Marj sagt Sätze wie: Schwäche macht angreifbar. Oder: Abtreibende Frauen kriegen eher Brustkrebs. Oder: Alle Medien sind linksradikal, nur Fox TV geht es um die Wahrheit. Oder: Das Herz Amerikas sind die zehn Gebote. »Dieses Land wurde gegründet auf der Basis des christlichen Glaubens. Und die Liberalen und Demokraten zerstören diese Basis.« Marjorie Gallún leidetan der spätmodernen Welt. Sie leidet an der Libertinage.
Interstate 40 West, Interstate 17 South. Auf der Fahrt durch den lichtlosen Samt einer melancholisch veranlagten Nacht mahnt Arizonas knorrige Stimme ein letztes Mal aus dem Radio: I can’t trust you baby, all you do is lie all time. Vielleicht hat das Alte Europa nicht wirklich begriffen, dass militärische und moralische Virilität in Amerika eher Tugend denn Schwäche ist, dass »Kampf«, »Krieger« und »Stärke« nicht Eigenheiten restaurativer Männlichkeit, vielmehr Weltmachtstugenden sind, ohne deren Beschwörung ein amerikanischer Präsident niemals auskommen wird.
Längengrad 112, Breitengrad 33,5; Arizona, Scottsdale, Ost-Phoenix. 110 Grad Fahrenheit. Phoenix ist ein Treibhaus. Die Blumen des Irrsinns sprießen. Schwüle drückt. Am Abend hat Big Pete Pearson ins Sugar Daddy’s nach Scottsdale geladen. Von neun bis zwölf steht der 67-Jährige wie eine Eins und shuffelt, groovt, treibt den Blues, den konservativen Kanon von Lust, Liebe, Lüge, Leid und Gottgläubigkeit, kraftvoll durch den Schuppen. Irgendwann dann, als die College-Girls der Upperclass betrunken weitergezogen sind, nuschelt Big Pete in die lärmende Stille von Sugar Daddy’s, dass der Blues, der Sound der traditionellen Verwurzelung, die Hymne des amerikanischen Mythos, nichts weiter will als die Wahrheit. Und dass er, Big Pete Pearson, wie so viele Country- und Rockmusiker dieser Tage, anschwellenden Groll gegen diesen unausstehlichen Präsidenten empfinde. Es klingt verschämt, als wäre es eine Beleidigung der geliebten Trustworthy Woman, der Defätismus eines aufrechten Patrioten. Dann, in der Morgendämmerung des Sonntags, endlich, kommt auf Phoenix reinigender Regen nieder.
- Datum 02.09.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 02.09.2004 Nr.37
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