Kino Amok im Alter

Ein Komiker bricht seinen Friedensvertrag mit der Welt: Woody Allens neue Komödie »Anything Else«

Die neueren Filme Woody Allens wirken wie Nachworte zu einem längst vollendeten Werk. Eigentlich hat Allen schon 1979, in mit dem Leben friedlich abgeschlossen. Damals spielte er den Schriftsteller Isaac; eigentlich aber spielte er sich selbst. In der Schlussszene von fragt sich Isaac, ob und warum sich das Dasein lohne. Er findet keinen großen Lebenssinn, dafür aber viele kleine Gründe, am Leben zu bleiben: Groucho Marx, Louis Armstrongs Aufnahme vom schwedische Filme, die Äpfel und Birnen von Cézanne. Ein Mann sammelte Verbündete gegen das Nichts, und dass er seinen größten Trost bei den Toten und in der Kunst fand, steigerte seine Heiterkeit; die Toten konnten ihn nicht verraten, und die Kunst würde ihm niemand stehlen.

Oft sind es Suizidkandidaten, die solche Listen der lebenswerten Dinge aufstellen. Und tatsächlich erscheint Allen in vielen seiner Rollen wie einer, der nicht nur über Pointen nachdenkt, die das Leben leichter machen, sondern auch über die eine Pointe, die das Leben aufhebt: den Freitod. Der Schluss von Manhattan wirkt in diesem Zusammenhang wie der Nichtangriffspakt eines Mannes mit sich selbst. Allen, dem der Schreck des Überlebenden ins Gesicht geschrieben steht, wird sich selbst nichts antun. Denn er lebt in einer Welt, in der es nicht nur Hitler, Goebbels, Mengele gegeben hat, sondern auch die Erleuchteten und ansteckend Begabten – Groucho, Louis und die anderen. Sie wiegen die Existenz der Schlächter und der Wahnsinnigen auf.

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Von diesem empfindlichen Frieden mit der Menschheit zehrte Allen lange. Im Lauf der Jahre nach Manhattan schuf er eine leichte, von Pointen fixierte Lebensherbstkomödie nach der anderen. In der Erinnerung gehen sie randlos ineinander über. Das störte nicht. Auch die Herbstmonate, die einer erlebt, verschmelzen am Ende zu einem großen Herbst. Allerdings: Mit seinem neuen Film, Anything Else, scheint in Allens Welt der Winter anzubrechen.

Marilyn Monroe und Sophia Loren – endlich vereint in Allens Geist

Seine Filme drehen sich um verhinderten oder aufgeschobenen Sex. Es war klar, dass Allen nicht länger ihr Protagonist bleiben konnte; das Komische am Aufschub wäre mit ihm nicht mehr zu zeigen, nur noch das Tragische. Das Problem des Alterns löst er, indem er seine Rolle an Jüngere abgibt. Im Zentrum des neuen Films wird neurotisch gebalzt, gepaart und genistet, man kennt das, und da wird sich wohl nichts Neues mehr tun. Das Interessante findet am Rand der Geschichte statt: Dort irrlichtert Allen allein als knochige Anekdotenfigur.

Anything Else ist voller Abschiedssignale. Wenn Woody Allen hier von Sex spricht, dann nur noch vom Sex mit sich selbst. Von ihm stammen einige der tiefsten Pointen über Autoerotik (»Selbstbefriedigung ist Sex mit jemandem, den ich liebe«; »Hank hatte sechs Monate lang eine Affäre mit der Frau des Bürgermeisters; das ging so lange gut, bis sie Wind von der Sache bekam«), und sein neuer Film fügt der Sammlung einen erhellenden Gedanken hinzu: Er habe im Geist eine wilde Affäre mit Marilyn Monroe und Sophia Loren gehabt, sagt Allen in seiner Rolle, es sei das erste Mal gewesen, dass diese beiden großen Schauspielerinnen zusammen gespielt hätten. Beiläufig fasst Allen hier die erotische Wurzel seiner Arbeit: Erzählen ist Selbstbefriedigung. Und Selbstbefriedigung ist die Rückholung versunkener Menschen und Momente, eine vor allem geistige Leistung, die Zeit und Tod aufhebt.

In Anything Else ist Allen ein eiserner Selbstversorger und Selbstverteidiger, der keine Frau mehr braucht und immer eine Waffe im Haus hat. Ein soziales Wesen ist er längst nicht mehr, diese Rolle hat er Jason Biggs übertragen. Und mit der Rolle sind auch Allens Sprache, sein Rhythmus und seine Neurosen auf den jüngeren Schauspieler übergegangen, ein Vermächtnis zu Lebzeiten. Der Wechsel ist beklemmend. Vergleicht man die Restaurantszenen früher Allen-Filme mit denen von Anything Else, dann sieht man: Pointen und Stimmungen sind dieselben, es wechselt nur das Personal. Aus den frischen Spielern spricht geisterhaft der alte Ton.

Worum geht es in Anything Else? Jerry, ein junger Comedy-Gagschreiber (Jason Biggs), der gern Schriftsteller wäre, liebt Amanda, ein Mädchen von saugendem Egoismus (Christina Ricci). Ausgenutzt wird er auch von seinem muränenhaften Psychoanalytiker und einem unfähigen Agenten (Danny de Vito). Beistand leistet ihm sein skurriler väterlicher Freund Dobel (Woody Allen), ein Lehrer, der sich ebenfalls als Gagschreiber versucht.

In Allens Spiel ist nichts mehr übrig vom Genießer, der seine Erinnerungen abschreitet und findet, dass es gut war. Wir erleben ein gehetztes Opfer, das begriffen hat, dass man ihm nichts erlassen wird. Dobel ist Jude, und sein Freund Jerry ist es auch. Als die beiden hören, wie Gäste eines Clubs sich abfällig über Juden äußern, sagt Dobel: »Achte auf solche Dinge, sonst siehst du dich eines Tages in einer schwarz-weißen Wochenschau wieder, die mit einem Cello-Stück in Moll unterlegt ist.«

An anderer Stelle sagt er, Auschwitz sei ein so grauenhaftes Ereignis, dass eigentlich die ganze Menschheit die Auslöschung verdient hätte.

Als zwei muskulöse Rowdys ihm den Parkplatz wegnehmen und ihn in Grund und Boden brüllen (eine der finstersten Szenen, die je bei Allen zu sehen waren), flieht Dobel, den Tränen nah, in seinem roten deutschen Rennauto vom Ort der Vernichtung, kehrt dann aber um und zertrümmert die Limousine der Kraftprotze.

Woody Allen, das lebenslange Kind, erlangt im Alter etwas, was man Schlussstrich-Männlichkeit nennen könnte. »Mach dir keine Sorgen, ich bin ein sehr schneller Läufer«, hatte er in einer frühen Komödie seiner Begleiterin zugeflüstert, als böse Männer ihnen im Park entgegenkamen. In seiner jüngsten Rolle rennt Allen nicht mehr weg. Er läuft dem Bösen entgegen. Er erwägt keinen Bilanz-Selbstmord, sondern er bricht auf zum Bilanz-Amoklauf. Am Ende ermordet Dobel einen Polizisten, der ihn wegen seiner jüdischen Herkunft schikaniert hatte. In »satirischer Laune«, sagt Dobel, habe er dem Cop in den Hintern geschossen.

Der Mann, der nichts anderes gewollt hatte als einen warmen Daseinsausklang mit Jazz, Kunst und schönen Frauen, hält knurrend inne. Die Gebärde des dauernden »Ich bin entwaffnet« – Allen glaubt sie sich selbst nicht mehr. Der Friedensvertrag von Manhattan ist gebrochen. Völlig offen, was dieser Vertragsbruch bringen mag: Krieg gegen alle oder endgültiges Verstummen?

 
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