Kino Amok im AlterSeite 2/2
In Allens Spiel ist nichts mehr übrig vom Genießer, der seine Erinnerungen abschreitet und findet, dass es gut war. Wir erleben ein gehetztes Opfer, das begriffen hat, dass man ihm nichts erlassen wird. Dobel ist Jude, und sein Freund Jerry ist es auch. Als die beiden hören, wie Gäste eines Clubs sich abfällig über Juden äußern, sagt Dobel: »Achte auf solche Dinge, sonst siehst du dich eines Tages in einer schwarz-weißen Wochenschau wieder, die mit einem Cello-Stück in Moll unterlegt ist.«
An anderer Stelle sagt er, Auschwitz sei ein so grauenhaftes Ereignis, dass eigentlich die ganze Menschheit die Auslöschung verdient hätte.
Als zwei muskulöse Rowdys ihm den Parkplatz wegnehmen und ihn in Grund und Boden brüllen (eine der finstersten Szenen, die je bei Allen zu sehen waren), flieht Dobel, den Tränen nah, in seinem roten deutschen Rennauto vom Ort der Vernichtung, kehrt dann aber um und zertrümmert die Limousine der Kraftprotze.
Woody Allen, das lebenslange Kind, erlangt im Alter etwas, was man Schlussstrich-Männlichkeit nennen könnte. »Mach dir keine Sorgen, ich bin ein sehr schneller Läufer«, hatte er in einer frühen Komödie seiner Begleiterin zugeflüstert, als böse Männer ihnen im Park entgegenkamen. In seiner jüngsten Rolle rennt Allen nicht mehr weg. Er läuft dem Bösen entgegen. Er erwägt keinen Bilanz-Selbstmord, sondern er bricht auf zum Bilanz-Amoklauf. Am Ende ermordet Dobel einen Polizisten, der ihn wegen seiner jüdischen Herkunft schikaniert hatte. In »satirischer Laune«, sagt Dobel, habe er dem Cop in den Hintern geschossen.
Der Mann, der nichts anderes gewollt hatte als einen warmen Daseinsausklang mit Jazz, Kunst und schönen Frauen, hält knurrend inne. Die Gebärde des dauernden »Ich bin entwaffnet« – Allen glaubt sie sich selbst nicht mehr. Der Friedensvertrag von Manhattan ist gebrochen. Völlig offen, was dieser Vertragsbruch bringen mag: Krieg gegen alle oder endgültiges Verstummen?
- Datum 02.09.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 02.09.2004 Nr.37
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