Fünf Länder haben die Beteiligung an der dies-jährigen Messe abgelehnt: Algerien, Marokko, der Irak, Kuwait und Libyen. Die Gründe sind unterschiedlich. Der Fall Irak ist der offensichtlichste, dieses zerstörte Land hat andere, dringlichere Sorgen. Kuwait und Libyen haben finanzielle Gründe für ihre Absage angegeben. Marokko und Algerien möchten lieber unabhängig auftreten. Ihnen sollen die einseitigen Entscheidungen des ägyptischen Kommissars gar nicht gepasst haben. Die marokkanische Tageszeitung Al Alam vom 24.7.2004 schrieb zur Nichtbeteiligung Marokkos an der Messe: "Die Organisatoren haben es versäumt, ›emblematische‹ marokkanische Vertreter wie den Philosophen Mohammed Abed Jabri, den Historiker Abdallah Laroui oder den Stückeschreiber Taïeb Saddiki einzuladen."

Jenseits dieser formalen Fragen gibt es ein grundlegendes Problem: Gibt es eine arabische Literatur, oder gibt es im arabischen Raum so viele Literaturen wie Länder? Literatur ist Sprache. Doch was ist mit den arabischen Autoren, die sich zum Beispiel in Französisch oder Niederländisch ausdrücken? Wo werden sie eingeordnet, wenn man zudem bedenkt, dass die westliche Öffentlichkeit sie eher kennt als die arabisch schreibenden Schriftsteller? Was ist mit Amin Maalouf, Assia Djebbar, Fouad Laroui oder Driss Chraïbi? Die Werke dieser Autoren sind intensiver Ausdruck der Realität Libanons, Algeriens oder Marokkos. Welchen Platz haben sie bei dieser Messe, wenn man berücksichtigt, dass die arabischsprachigen Autoren sich als einzige legitime Vertreter der arabischen Kultur ansehen und in anderen Sprachen Schreibende nicht anerkennen?

Lange Zeit drehte sich die Debatte in der arabischen Welt um ebendiese Frage von Identität und Status. Es kam zu keiner Entscheidung. Doch bei den arabisch schreibenden Autoren macht sich großer Überdruss breit: Einige ihrer französisch schreibenden Kollegen werden mehr gelesen und genießen große internationale Bekanntheit. Für die westliche Öffentlichkeit spielen sie die Rolle des Mittlers, der Brücke zwischen den Welten. Die Arabofonen werfen ihnen diese Rolle vor, beschimpfen sie schlimmstenfalls als "Agenten des Westens" und bestenfalls als "exotische Literaten, die sich dem europäischen Publikum an den Hals werfen".

Im September 2003 organisierte die Union des Ecrivains du Maroc, der marokkanische Schriftstellerverband, in Rabat ein Kolloquium zur Situation des arabischen Romans. Bloß weil der marokkanische Außenminister sich in London mit einem israelischen Minister getroffen hatte, boykottierten ägyptische Autoren die Veranstaltung. Sie wollten vor allem nicht in die Schusslinie eines Teils der Medien ihres Landes geraten, die jeden Kontakt mit dem "zionistischen Feind" verurteilen. Andere, die zumeist außerhalb ihrer Heimatländer leben, kamen und taten ihre Not kund: In der arabischen Welt wird immer weniger gelesen. Ein Bestseller bringt es selten auf eine Auflage von über 3000. Doch man streitet sich anscheinend lieber darüber, ob man an einem Schriftstellertreffen teilnehmen soll oder nicht…

Die arabische Welt steckt in der Krise; manche reden sogar von Niedergang, andere sind noch pessimistischer und beschwören einen Fluch, eine Katastrophe. Israel gegenüber werde das arabische Wort nicht ernst genommen, palästinensische Zivilisten würden weiterhin von israelischen Kugeln niedergemäht, und kein einziges arabisches Land vermöge etwas daran zu ändern. Die Araber haben keinen Platz in der Geschichte. Fanatismus und Terrorismus sind auf den Plan getreten und löschten das bisschen Hoffnung aus, das manche sich entwickelnde Staaten wie Jordanien und Marokko repräsentierten.

Die Messe sollte den Exilierten einen Platz einräumen

Der israelisch-palästinensische Konflikt, der Golfkrieg und jetzt der Irak-Krieg haben das Image und das Gesicht der arabischen Welt zerstört. Das Erdöl der Golfmonarchien ist eigentlich ein Unheil, das die Entwicklung von Kultur und kritischem Denken gebremst hat. Die politischen Probleme infizierten immer schon den kulturellen Bereich. Eine alte Tradition ordnet der politischen Macht Hofdichter zu. Die Machthabenden finanzieren sie, damit sie ihr Loblied singen. Niemand erinnert sich an jene Dichter, doch ihre Litaneien füllen die Seiten der offiziellen Presseorgane. Davon wird es in Frankfurt jede Menge geben, fürchte ich. Die anderen, die kompromisslos schreiben, haben es schwer. Sie gehen ins Exil, sobald sie können. Die Messe sollte den zahlreichen Exilierten einen Platz einräumen.