Literatur Die Araber in Frankfurt: Zirkus! Zirkus!Seite 3/3

Die arabische Literatur beschäftigt sich aus all diesen Gründen zumeist mit politischen Themen. Ein arabischer Autor kann sich den Luxus der Neutralität nicht leisten. Er ist notwendigerweise engagiert, interessiert an seiner Inspirationsquelle, der politischen und sozialen Umgebung. Auch wenn sie vergleichsweise wenig gelesen werden: Die arabischen Autoren haben eine treue Leserschaft. Die erwartet alles von ihnen – sie sollen zugleich Romanschreiber, Dichter, Sozialhelfer, Rechtsanwalt, Aktivist, Held, Märtyrer und noch vieles mehr sein.

Ein gewichtiges Problem hindert sie daran, von ihren Schriften zu leben, und zwingt sie, andere Berufe auszuüben oder für Zeitungen zu schreiben. Und der Raubdruck! So genannte Verleger (die diese Berufsbezeichnung wirklich nicht verdienen), vor allem aus Syrien, stehlen in Libanon, Ägypten oder Marokko veröffentlichte Bücher und publizieren sie, ohne auch nur irgendjemandem einen Pfennig zu bezahlen. Das gleiche Buch erscheint somit auf dem arabischen Markt zu einem Drittel des ursprünglichen Preises. Diese Praktiken, unter denen auch die frankofonen Autoren zu leiden haben, wird von den syrischen Behörden gedeckt unter dem Vorwand, dass Syrien die Genfer Verträge zum Autorenrecht nicht unterzeichnet habe. Somit unterstützen die syrischen Offiziellen jene falschen Verleger, die in Wahrheit Strauchdiebe und Raubdrucker sind.

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Als Nagib Mahfus 1988 den Literaturnobelpreis erhielt, schloss die arabische Presse daraus, die schwedische Akademie habe ein Unrecht wiedergutmachen wollen, denn vorher war niemals ein Autor aus der arabischen Welt geehrt worden. Zugleich kam der Preis der gesamten arabischen Literatur zugute. Heute hat sich die Situation nicht weiterentwickelt. Die Organisatoren der Frankfurter Buchmesse mussten feststellen, wie komplex die arabische Literaturwelt ist. Sie ist reich und arm zugleich, die Dichter sind zahlreich und die Romanschriftsteller selten, denn die arabische Gesellschaft erkennt das Individuum nicht an und zieht ihm den Clan und den Stamm vor.

Der Roman als Kunstform jedoch ist eng mit der Anerkennung des einzelnen Menschen verknüpft. Erst 1914 erschien der erste arabische Roman Zainab als Fortsetzungsroman in einer großen Kairoer Zeitung. Der Autor, Mohammed Hussein Haykal, stellte ihn seinen Lesern nicht als Roman, sondern als Chronik einer Familie vom Lande vor. Damals galt der Roman als unmoralische Gattung. Haykal hatte in Paris gelebt und gab zu, von Flaubert beeinflusst zu sein. Er wurde des Ketzertums und des Verrats beschuldigt.

Das erklärt, warum die Lyrik das wesentliche Genre der arabischen Literatur ist. Sie ist populär. Eine Lesung des Palästinensers Mahmoud Darwisch oder des Syro-Libanesen Adonis zieht Tausende von begeisterten Gedichtfans an. Die Frankfurter Buchmesse hätte sich auf die Lyriker beschränken oder ihnen zumindest einen bedeutenden Platz zugestehen sollen. Man wollte die arabische Welt einladen und hat doch nur die Konflikte zwischen Arabern geschürt. Die Verantwortlichen waren sich wohl der großen Komplexität und der Missverständnisse nicht bewusst, die das kulturelle Leben jener so unterschiedlichen Länder bestimmen. Alle stecken sie in Problemen, die von der Politik zulasten von Freiheit und Kreativität beherrscht werden. Und dennoch ist dies eine einmalige Chance für eine wenig bekannte, vielfältige Literatur. Vielleicht werden europäische Verleger nach der Buchmesse Romane, Theaterstücke, Gedichte aus einer Welt veröffentlichen, die man über ihre Kunstwerke besser verstehen lernen könnte als durch das Prisma der Tagespolitik.

Tahar Ben Jelloun ist der bekannteste marokkanische Schriftsteller. 1944 in Fez geobren, wanderte er Anfang der Siebziger nach Paris aus, wo er heute lebt und auf Französisch publiziert. Zuletzt erschien von ihm in Deutschland "Die Schule der Armen" (Rowohlt)

Aus dem Französischen von Christiane Kayser

 
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