Man könnte sich die Augen reiben. Seit mehr als 30 Jahren lässt sich das deutsche Bildungssystem als Versager zertifizieren (Vermittlung von Sprache: ungenügend, das Lehren der Mathematik: so selten gelungen, Methodik des Unterrichts: oft veraltet, gefühlte Schülernähe: eine Katastrophe) – und es änderte sich nichts! Oder so gut wie nichts. Kein beherztes Durchgreifen der verantwortlichen Beamten, Floskeln von den Politikern, auf der Elternebene mal Seufzen, meistens aber Schweigen. Man könnte es Eliteversagen nennen, wie da so nichts vorankommt. Man möchte es als Tapferkeit vor dem Feind beschreiben, wie da jahrzehntelang den Forderungen der Bürger nach Ganztagsbildung standgehalten und die Häme des Auslands ertragen wird. Oder sollte man klar sagen, was vorliegt? Nämlich die Absicherung von Privilegien unserer Bildungsschichten, die Verteidigung einer versteckten Privatisierung von Bildung, die unter dem Dach eines maroden Schulsystems faulige Blüten treibt. Weil arrivierte Eltern so satt Gelegenheit bekommen, mit Kompetenz und Geld den eigenen Nachwuchs nach vorn zu bringen. Es geht um die Sicherung von Wettbewerbsvorteilen.

Mit Mimi zum Ballett, Jan-Oliver in den Malkurs; schnell Lukas beim Tennisleistungstraining abliefern, rechtzeitig zu Hause sein, bevor der Privatlehrer eintrifft, wg. Mathe. So emsig betreibt das deutsche Bürgertum seine kleine private Eliteförderung. Macht doch nichts, wenn der Geschichtsunterricht öde ist, im Gegenteil! Die kompetente Mutter arbeitet sich ein, kopiert die historischen Sendungen im ZDF, diskutiert sie – exklusiv mit ihren Kindern. Übt Geografie mittels Klassenarbeitssimualtionsmodellen, trainiert sogar selber eine Runde die verflixte continuous tense, um sie der Kleinen einzutrichtern, die vormittags mal wieder gar nichts verstanden hat. Klebt stundenlang am Bioreferat herum, übt die französischen unregelmäßigen Verben, Papa behält die gallischen Kriege im Blick. Es gibt nahezu nichts, was das Bürgertum nicht bereit wäre, in Sachen Schule vorzulegen. Außer dem einen: sich dafür einzusetzen, dass allen Schülern der bestmögliche Untericht zuteil wird. Schulisch betrachtet, liebe Bürger: eine Fünf in Solidarität!

Vornehmes Schweigen beim Thema Nachhilfe

Der unentschieden ins Auge gefasste und sparsame Ausbau unserer Schulen in Ganztagsinstitutionen (natürlich nur für halbe Wochen, gerade mal an zwei Tagen, möglichst mit Mittagstisch bei Mutti) hat es an den Tag gebracht. In Hamburg hat sich jüngst eine Elterninitiative aus dem goldenen Westen der Hansestadt in Sachen Bildung dringlich an den Bürgermeister gewandt – mit der Bitte, den Unterricht an den Schulen auf ein "Stundenminimum" zu reduzieren. Richtig gelesen, hier wurde eine Reduzierung des öffentlichen Unterrichtsangebots gefordert, damit des Nachmittags umso mehr Zeit bliebe, die Kinder "mit individuellen Sport-, Musik-, Konfirmandenstunden" privat in den Familien zu fördern. Vornehmes Schweigen zum Thema Nachhilfe. Versteht sich von selbst, dass die probaten Telefonnummern nur im kleinsten Kreis ausgetauscht werden.

In Deutschland braucht jeder dritte Schüler Nachhilfe, besonders viele Gymnasiasten. Kosten: schnell mal einige hundert Euro im Monat. Tja, die muss man natürlich haben. In den Genuss von zusätzlichem privaten Unterricht kommen selbstverständlich gerne die teuren Einzelkinder; wer zwei Geschwister hat, dessen Chancen auf Extraportionen Unterricht sinken schon auf die Hälfte. Bei noch mehr Kindern? Kinder von Alleinerziehenden? Chancenlos! Aber mit solchen Privatangelegenheiten mag sich nun wirklich niemand beschäftigen. Ja, auch so kann Bildung als kapitales Privileg definiert werden – das so gut wie verschwinden würde, o Horror Vacui!, wenn alle Kinder in guten Ganztagsschulen aufgehoben wären, wo erfahrungsgemäß der Nachhilfebedarf gegen null geht, wie jüngst eine Dissertation erforschte – weil dort Raum ist für Unterrichtsformen, die eine individuelle Förderung für jedes Kind erlauben. Da spielen doch womöglich alle Hockey, igitt.

Privatlehrer sind hoch motivert: Die Fünf in Mathe wird ihnen angekreidet

Also werden bei uns im guten alten Schulsystem so beharrlich wie heimlich die Startblöcke für die privilegierten Kleinen nach vorn gerückt. Vier Stunden mehr Mathe in der Woche, wollen wir doch mal sehen! Wäre ja gelacht, wenn der Banknachbar da mithalten könnte, wo das eigene Kind die doppelte Stundenzahl in Französisch antritt. Selber Schuld, wer sich keinen Privatlehrer leisten kann, Eigenverantwortung, hört man doch immer. Und Privatlehrer sind so praktisch. Meist hoch motiviert. Weil sie wissen, dass die Fünf in der nächsten Klassenarbeit auch ihnen angekreidet wird. Arbeiten passgenau mit jedem Schüler, lassen sich sogar in Position bringen, wenn das nächste Krisengespräch mit dem offiziellen Lehrer anberaumt wird: Wer kennt denn den Schüler besser als er? Weshalb auch der staatlich beschäftigte Lehrer profitiert – weil die private Definition von Lernerfolg ihn vom Anspruch entlastet, die Förderung jedes Schülers als seine ureigenste Aufgabe zu begreifen. "Ich gehe doch davon aus, dass Sie den Stoff zu Hause nachgearbeitet haben", bekundet die Lehrerin kühl der Familie des Kindes, das eine Woche krank war. Will sagen: Ihre Sache, ob das Kind mitkommt, meine jedenfalls nicht…

Solche Art der Privatisierung kostet keineswegs nur privates Geld. Mancher möchte sagen: Das ist doch das Schöne daran! Muttis Ausbildung, womöglich ein ganzes Studium, 200000 investierte Euro, öffentliches Geld übrigens, Steuermittel – kommen ganz und völlig dem eigenen Kind zugute, auch dies eine Privatisierung öffentlichen Bildungsvermögens. Die gehobene Nachhilfemutti lässt man sich hierzulande zusätzlich bis zu 800 Euro im Monat kosten – an nachgelassener Steuerlast, über das Ehegattensplitting-Privileg, zweieinhalbfacher Hartz-IV-Satz also jeden Monat für jene Frauen, die der Staat so behutsam wie sonst nie zur Aufnahme einer Tätigkeit ermutigt, zum Schuldienst am eigenen Kind. Nicht gerechnet jene Steuern und Abgaben, die solche Mütter der Extra-Klasse, wären sie denn berufstätig gemäß ihrer Klasse-Ausbildung, erwirtschaften könnten, Abertausende von Euro in jedem Jahr, zum Ausbau beispielsweise von Ganztagsbildungswelten für Kinder jeden Alters und aller Schichten. Aber wen wollte es wundern, dass unsere Entscheidungsträger, nicht selten ganz privat mit solchen öffentlich geförderten Ehegattinnen gesegnet, die Entscheidungen für Ganztagsschulen nicht so dringlich finden, ehrlicher (unter ihresgleichen) gesagt: zu teuer. Privat ist doch so geil!