Als in Brandenburg die letzte Ferienwoche anbrach, lud Kultusminister Steffen Reiche zu einem denkwürdigen Treffen. Er bat die fast tausend Schulleiter seines Bundeslandes nach Berlin, um sie dort auf das neue Schuljahr einzuschwören. "90 Prozent des Erfolgs Ihrer Schulen", feuerte der Minister seine Gäste an, "hängen von Ihnen ab." Nun wäre es zwar fatal, wenn Lehrer und Schüler nur zu zehn Prozent am Lernerfolg beteiligt wären, dennoch enthält die ministerielle Übertreibung einen wahren Kern. Allmählich sehen die Bildungspolitiker ein, dass es beim notwendigen Veränderungsprozess in deutschen Schulen nicht auf ministerielle Blaupausen ankommt, sondern vor allem auf das Personal vor Ort – und dabei fällt den Direktoren der wichtigste Part zu.

"Man kann die Rolle der Schulleiter kaum überschätzen", sagt Jürgen Baumert vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Er hat die Wirkung der Männer und Frauen an der Schulspitze schon untersucht, lange bevor er die Federführung der ersten Pisa-Studie übernahm. Nun beginnt sich seine Erkenntnis allmählich in allen Kultusministerien durchzusetzen.

So hat Margret Ruep, Präsidentin des Oberschulamtes in Tübingen und Vertraute der baden-württembergischen Kultusministerin Annette Schavan, ein Buch über die Lernende Organisation Schulverwaltung verfasst. Darin bezeichnet sie Schulleiter als "die wichtigsten Gelingensfaktoren" für den Reformprozess. Sie müssten in ihrer Schule "Dialoge in Gang bringen", Hierarchien schleifen und Orientierung bieten. Die Leiter seien für die Schule nach außen verantwortlich und müssten im Inneren die Lehrer für die Leistungen ihrer Schüler verantwortlich machen. Damit fordert Margret Ruep nichts anderes als die Einführung des Prinzips der Rechenschaftspflicht – etwas, das in jedem Wirtschaftsunternehmen selbstverständlich ist.

Bislang war es allerdings mit dem Gestaltungsspielraum deutscher Schulvorsteher nicht weit her. Sie durften weder neues Personal einstellen noch altes entlassen, ja sie konnten noch nicht einmal gute Lehrer mit einer Gehaltserhöhung oder Beförderung belohnen und schlechte abmahnen. In kaum einem anderen Industrieland, das zeigt eine Erhebung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), haben Schulleiter so wenig Einfluss auf Belegschaft, Gehälter und Budget wie in Deutschland. Bildungsbehörden versorgten die Schulen mit neuen Lehrern wie mit Tafeln oder Radiergummis. Dass ein Schulleiter sich einen neuen Kollegen vorher anschauen durfte, war nicht vorgesehen. Warum auch? Nach der Verwaltungslogik tragen ja alle Kandidaten das Gütesiegel des staatlich geprüften Beamten und sind gleich geeignet.

Das führte zu einer "Lebenslüge" in deutschen Lehrerzimmern, wie die Hamburger Schulleiterin Nele Degenhardt klagt. Schwächen bei Lehrern zu benennen galt als Tabu. Über tatsächliche Probleme werde im Lehrerzimmer nur getuschelt wie über Familiengeheimnisse, sagt Degenhardt. Das belegt auch die Grundschulstudie Iglu. Als in deren Rahmen die deutschen Lehrer nach den Gründen für schlechte Ergebnisse ihrer Schüler befragt wurden, fiel ihnen alles Mögliche ein – vom schlechten Einfluss der Eltern bis zum Fernsehprogramm –, nur nicht eventuelle eigene Versäumnisse. Mögliche Mängel in der Lehrerarbeit rangierten in der Befragung an letzter Stelle. Ein Klima konstruktiver Kritik entsteht so nicht.

Um dies zu ändern, sind nun fast alle Bundesländer dabei, die Rolle der Schulleiter aufzuwerten. "Es gibt eine Tendenz, die Verantwortung dorthin zu geben, wo sie hingehört: in die Hände der Schulleitungen", sagt Peter Zimmermann, stellvertretender Vorsitzender der Bundes-Direktoren-Vereinigung und Leiter des Gymnasiums am Kaiserdom in Speyer. Noch ist der Kompetenz-Zuwachs bescheiden. Doch zumindest dürfen die Schulleiter in Rheinland-Pfalz inzwischen bei so genannten schulscharfen Einstellungen, in denen für eine freie Stelle ein ganz bestimmter Lehrer gesucht wird, über die Bewerber entscheiden. Und in den Gymnasien hat bei den meisten Beförderungen zum Oberstudienrat der Schulleiter das letzte Wort. Ist jedoch eine so genannte Funktionsstelle zu besetzen, etwa die Koordination der Oberstufe, hat der Direktor nur eine beratende Stimme – obwohl es sich um eine zentrale Position an seiner Schule handelt.

In Berlin sind die Schulleiter seit kurzem offiziell "Dienstvorgesetzte" für alle Lehrer ihrer Schule. Bisher war dies die Behörde. Nun trägt der Schulleiter die volle pädagogische Gesamtverantwortung und schreibt regelmäßig Beurteilungen seiner Mitarbeiter. "Jetzt kann ich einen Kollegen auch einmal ganz offiziell loben", freut sich der Leiter des Berliner Beethoven-Gymnasiums, Wolfgang Harnischfeger.

Freilich ist diese offensive Rolle des Schulleiters gewöhnungsbedürftig. "Wer hat schon gern einen Chef?", fragt skeptisch der Erdkundelehrer York Zebuhr vom Beethoven-Gymnasium. Bisher sei die Arbeit zwischen Lehrern und Direktor von Kollegialität geprägt gewesen. Niemand musste Angst haben, Kritik zu üben. Das, so fürchtet Zebuhr, könne sich nun ändern. Schulleiter Harnischfeger sieht die neue Regelung dagegen positiv: "Mit den Lehrern ist es wie mit Delfinen – wenn man sie bestrafen will, dann tauchen sie ab. Aber sie können ungeheure Kunststücke vollbringen, wenn man sie streichelt."