bundeswehr Am Hindukusch in Stullenstadt

Selbstmordattentate, Granatfeuer, Geiselnahmen: Wie deutsche Soldaten auf dem modernsten Übungsplatz Europas für ihre heikle Mission im Ausland vorbereitet werden

Letzlingen

Jeden Morgen und jeden Abend wird für die Beschäftigten ein abgehalten, eine kleine Entprogrammierung: Niemand, der hier länger arbeitet, soll vergessen, was er ist, nämlich Soldat der deutschen Bundeswehr. Darum verteilen sich die Panzergrenadiere und Jäger der so genannten Leitungstruppe erst nach einem Appell in Uniform auf dem Gelände des Gefechtsübungszentrums Heer (GÜZ) und maskieren sich als mehr oder weniger erfreuliche Zivilisten: als UNHCR-Mitarbeiter, afghanische Warlords, serbische Geistliche oder albanische Bürgermeister; als Aufständische unterschiedlichster Provenienz. Es gibt kaum ein Szenario für den Einsatz des Heeres, das auf dem Truppenübungsplatz Altmark in der Colbitz-Letzlinger Heide bei Magdeburg nicht durchgespielt werden könnte.

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Seit 1990 waren 172000 deutsche Soldaten im Ausland eingesetzt; augenblicklich sind es rund 7300, die im Kosovo, in Bosnien-Herzegowina, in Makedonien, in Dschibuti, in Georgien, Usbekistan und Afghanistan Dienst tun. Innerhalb von 14 Jahren ist aus der Bundeswehr des Kalten Krieges, die um keinen Preis jemals zum Einsatz kommen sollte, de facto eine Interventionsarmee geworden. Welchen Wandel die Armee in dieser Zeit durchgemacht hat, lässt sich auf dem Gelände des Gefechtsübungszentrums beobachten.

Alle Verbände, die als deutsches Kontingent in Krisengebiete entsandt werden, kommen zuvor für eine konzentrierte 15-tägige Ausbildung nach Letzlingen. Der 23000 Hektar große Truppenübungsplatz wurde schon von Wehrmacht und Sowjetarmee genutzt. Seit 1997 übte das Heer hier das traditionelle »Gefecht der verbundenen Waffen«, also das Zusammenwirken von Panzern, Artillerie, Fliegern und Infanterie. In den letzten beiden Jahren ist das Curriculum drastisch erweitert worden: Heute steht die Ausbildung für friedenserhaltende Einsätze im Vordergrund. Seit den »Märzunruhen« im Kosovo, bei denen es den deutschen Soldaten nicht gelang, Pogrome radikaler Kosovo-Albaner gegen die serbische Minderheit zu verhindern – die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete von zum Teil haarsträubenden Versäumnissen bei der Einsatzleitung –, ahnte man im GÜZ, dass dem Thema riot control, der Beruhigung aufgebrachter Menschenmengen, mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden müsste. Die Konsequenzen für Ausrüstung und Schulung, die das Verteidigungsministerium nun für die Soldaten in Prizren angeordnet hat, wurden hier gleich nach dem Kosovo-Debakel gezogen.

Vom technischen Standard her gilt die Ausbildung in Letzlingen als die modernste Europas. Alle Panzer und Jeeps, alle Soldaten sind über ein elektronisches Signal mit der Computerzentrale verbunden. Jedes Wort, das jemand über Funk spricht, wird aufgezeichnet. Die Übenden schießen mit Laserstrahlen statt mit echter Munition; präzise lassen sich alle Treffer berechnen, ebenso die Schweregrade einzelner Verletzungen. Anweisungen für die Leitungsebene erfolgen, wie im richtigen Leben internationaler Verbände, in englischer Sprache. Der Ausbildungsdienst passt die Lehrsituationen permanent der Lage in den Einsatzländern an. Für die Ausbilder, die das Geschehen in der Zentrale verfolgen, ergibt sich eine fast unheimliche Dreidimensionalität. Sie können jederzeit überblicken, wer was wann wie getan hat. Ein gigantisches Computerspiel, bei dem die wirklichen Menschen im Gelände die Handlung auf dem Bildschirm bestimmen.

Der Körper reagiert selbstständig, und zwar mit Panik

Freitagvormittag. Seit zwei Wochen trainiert das Jägerbataillon 292 der deutsch-französischen Brigade aus Donaueschingen für den Isaf-Dienst in Kabul. Isaf ist die International Security Assistance Force der Nato: Mehr als 6500 Soldaten aus 36 Nationen sichern zurzeit unter Führung des Eurokorps den Frieden in Afghanistan; Anfang Oktober sollen die ersten freien Wahlen stattfinden.

Am Mittwoch haben die Soldaten in Letzlingen ein Treffen afghanischer Bürgermeister geschützt, das von einem doppelten Granateneinschlag gestört wurde. Am Donnerstag hat die afghanische Geheimpolizei, verkörpert von Feldjägern, Informationen über die Attentäter zur Verfügung gestellt: Es sind zwei gesuchte Kriegsverbrecher, die sich in einem Haus am Rande des Dörfchens »Stullenstadt« verschanzt haben. Der Auftrag der Deutschen erlaubt es ihnen nicht, die Täter selbst zu verhaften; sie sichern den Zugriff der afghanischen Polizei.

Stullenstadt ist ein typisch fremdländisches Dorf. Im Kafe Berisha schmoren und zischen schwer identifizierbare Fleischstücke auf dem Holzkohlegrill. Gelangweilte männliche Jugendliche kicken einen Fußball über den staubigen Sportplatz; an der Tankstelle ist ständig Betrieb, der nicht allein mit Autopflege zu tun zu haben scheint. Man sieht kaum Frauen auf der Straße. Die Jägerkompanie steckt mit etwa 15 Fuchs-Transportpanzern im Wald. Scharfschützen haben sich im Dickicht, etwa 600 Meter vom Dorfrand entfernt, verborgen, die gesuchten Personen entdeckt und deren Position an den Kompaniechef gemeldet. In wenigen Minuten schließt sich ein innerer Panzerring um das verdächtige Gebäude, ein äußerer versperrt die Zufahrtswege.

Oberstleutnant Thomas Müller, der Leiter des Ausbildungsdienstes, und sein Stellvertreter, Oberstleutnant Uwe Fenger, zucken nur leicht, als ein Panzer die Umfriedung des Verbrecherhauses einreißt. Sie sind es gewohnt, dass ihre Gäste Manöverschäden anrichten. Aber dann wird ihr Blick kritisch. Die deutschen Soldaten haben nicht darauf geachtet, dass die Verhafteten möglichst unerkannt fortgebracht werden können. Die Bevölkerung, die Panzer und Postenkette bisher mit mittlerem Interesse betrachtet hat, beginnt zu murren. Einzelne Wortführer verlangen lautstark eine Erklärung für die Verhaftungen.

»Jetzt müsste der Kompaniechef mit ihnen sprechen«, sagt Oberstleutnant Fenger, »die wollen immer mit dem Ranghöchsten reden.« Doch der verantwortliche Hauptmann sitzt in seinem Panzer, weit weg von der Action; die Verhandlungen führt ein Oberleutnant, den die Unruhestifter nicht ernst nehmen. Am Ende ist es den Deutschen zwar gelungen, den Abtransport der Gefangenen zu ermöglichen, aber durch ihre ungeschickte Gesprächsführung haben sie sich eine Sitzblockade der empörten Dorfbewohner eingehandelt. Darüber wird in der Abschlussbesprechung zu reden sein; ebenso über die offenen Funkbefehle des Kompaniechefs an seine Scharfschützen.

Mit insgesamt zehn Übungssituationen müssen die Soldaten sich im GÜZ auseinander setzen: zunächst in der Patrouillenausbildung, in Lerngruppen von 20 bis 30 Mann; in der zweiten Woche auf Kompanieebene. Das Donaueschinger Jägerbataillon ist mit drei Kompanien, also etwa 500 Soldaten, in Letzlingen; circa 250 von ihnen werden nach Kabul gehen. Riot control steht aus aktuellem Anlass im Zentrum der Aufmerksamkeit. In der ersten Woche üben die Soldaten den Umgang mit Schild und Schlagstock wie Polizeischüler bei der Ausbildung für den Bereitschaftsdienst. Wann immer die Bundeswehrhundeschule Tiere entbehren kann, sind auch Hunde dabei, die sich effektvoll in ihre dick verpackten Hundeführer verbeißen. In der zweiten Woche müssen die Übenden das Gelernte korrekt anwenden, wenn ein Haufen von 200 brüllenden Vermummten auf sie zustürzt.

An einer alten sowjetischen Panzerwippe, an der früher Richtschützen trainierten, stoßen die Soldaten auf einen »Massenanfall von Verwundeten« – ein Selbstmordattentäter ist mit einem Auto voller Sprengstoff in das Gebäude gerast. Die Luft ist voll Qualm; überall liegen Schwerverletzte. An dieser Station geht es darum, sich einen Überblick zu verschaffen, die Verletzten richtig zu versorgen und den Abtransport zu organisieren. Damit die übenden Offiziere der Anblick von Kameras und Mikrofonen nicht irritiert, kann es passieren, dass Ausbilder des GÜZ sie mitten im Getümmel um ein Statement für die Tagesschau bitten.

Psychologisch am heikelsten ist wohl der Abschnitt »Geiselhaft und Gefangennahme«. Gegen Ende einer Übung werden Soldaten, die sich nach Drehbuch bereits auf dem Rücktransport zum Flughafen befinden, von Bewaffneten aus ihrem Bus getrieben. Man verbindet ihnen die Augen, sie sollen laufen. Sie stolpern. Die Geiselnehmer schreien ihre Gefangenen an, lassen sie dann minutenlang irgendwo stehen. Die Geiseln müssen sich in einem Keller auf den Boden legen, Schreie und Schüsse sind zu hören, dann werden einzelne Gefangene herausgeholt und verhört. »Ich habe das auch mitgemacht«, sagt Oberstleutnant Fenger, »und es hilft absolut nichts, sich zu sagen, es sei alles nur ein Spiel. Der Körper reagiert auf solche Situationen völlig selbstständig, und zwar mit Panik.« Was ist das Lernziel? »Um Gottes Willen nicht den Helden zu spielen«, sagt Fenger. »Alles sagen, was die hören wollen, alles zugeben, alles unterschreiben. Nichts, was die verlangen könnten, ist es wert, dafür zu sterben.«

Psychologen betreuen die Soldaten in dieser Phase; Abbruchsignale sind vereinbart, falls jemand nicht weitermachen kann. Natürlich gibt es Menschen, die in solchen Extremsituationen nicht wie vorgesehen funktionieren. Ein Soldat etwa, dem seine Peiniger gesagt hatten, sie würden seine Kameraden einen nach dem anderen erschießen, ließ seine gesamte Patrouille »sterben«, bis die Ausbilder die schreckliche Szene beendeten. An diesem Punkt wird vielleicht am deutlichsten, dass es sich beim GÜZ nicht um eine Art technisch hochgerüsteten Freizeitpark für Abenteuerspiele handelt. Sondern um die Vorbereitung auf einen Ernstfall, der trotz aller Demokratisierungs-, Wiederaufbau- und Entwicklungshilfeorientierung der Bundeswehr eben doch mit Krieg zu tun haben kann, mit Sterben und Überleben.

Freitag Mittag. Die Operationszentrale befindet sich in einem mit Wachtürmen, Nato-Draht und Panzerschleusen gesicherten Lager, das mit der Zeit dem Camp Warehouse in Kabul immer ähnlicher wird. Dort empfängt Oberstleutnant Horst Busch, 39, der Kommandeur des Jägerbataillons, einen Landtagsabgeordneten, der die Truppe im Einsatz besucht. »Jetzt kommt ein bisschen Bauerntheater«, knurrt Busch. Der Abgeordnete bedrängt den Kommandeur: Ob der es denn in Ordnung fände, dass seine Untergebenen hier die Versammlungen und die Freizügigkeit von Drogenbaronen schützen müssten, will er wissen. »Es ist insofern kein Problem, weil es der Auftrag ist«, sagt Busch gereizt, »im Moment ist er nachvollziehbar, weil wir die Lage nicht anders stabilisieren können. Langfristig mag diese Strategie nicht sinnvoll sein – aber dann brauchen die Leute wirtschaftliche Ersatzmöglichkeiten.« Mag Busch keine Politiker? Vermutlich ist es ihm eher etwas lästig, dass er hier quasi nach Schulbuch Politikerbetreuung simulieren soll – denn der Abgeordnete ist, trotz authentisch anmutender Dickfelligkeit, kein echter Volksvertreter, sondern ein Hauptfeldwebel in GÜZ-Diensten. Meist spielt er den Werkstattbesitzer und Haupträdelsführer in Hillersleben, einem weiteren erfundenen Ort im Gelände. Trotz allem hat es einen gewissen Sinn, sich mit dem Thema »Politikerbesuch« wenigsten kurz zu beschäftigen, denn auch Oberstleutnant Busch weiß aus seiner mehrmonatigen Balkan-Zeit, dass Abgeordnetentourismus inzwischen zu den normalen Begleitumständen eines Auslandseinsatzes gehört.

Außer Durchsuchungszugriff, Verwundetenversorgung, Geiselhaft und riot control üben die Mannschaften in Letzlingen den Schutz von Patrouillen und Objekten, sie entziehen UNHCR-Mitarbeiter dem Mob (»Entsatz von Schutzbefohlenen«), sie wehren sich gegen Hinterhalte und lernen in der »Gesprächsaufklärung«, dass schon ihre Körpersprache der Auseinandersetzung mit Einheimischen die eine oder die andere Richtung geben kann. Eine zentrale Übungssituation ist auch die mine awareness: »A uf dem Balkan wissen wirklich nur die Bewohner, wo die Minen liegen«, sagt Fenger, »für die Praxis müssen wir unseren Soldaten einbläuen, sich an befestigte Straßen und viel benutzte Hauptwege zu halten.« Oberste Maxime aller Lernstationen aber ist ein Satz, der im GÜZ an allen Ecken und Enden fällt: »Wir kommen als Gäste, nicht als Besatzer.«

»Bevor der Verbrecher schießt, schießt der Scharfschütze«

Freitag Nachmittag. Für das Jägerbataillon ist die Übung fast zu Ende. Kommandeur, Kompaniechefs und Zugführer, alle noch im Flecktarn, versammeln sich im großen Hörsaal. Der Leiter des GÜZ, Oberst Wolfgang Lortz, moderiert die Abschlussbesprechung mit ebenso freundlichen wie deutlichen Worten. Die Ausbilder legen viel Wert darauf, dass von ihnen keine Noten für die Übungsleistung zu erwarten seien – die Beurteilung ist normalerweise dem übenden Kommandeur vorbehalten. »Und die wichtigste Frage, die sich der Kommandeur stellen muss«, sagt Oberst Lortz, »ist: Haben wir alles getan, damit wir alle Männer heil wieder zurückbringen? Es muss verhindert werden, dass auch nur ein deutscher Soldat ums Leben kommt.« Dann führt er noch einmal durch die Ereignisse der vergangenen zwei Wochen. Der Hauptmann, der am Morgen für die Verhaftung der Kriegsverbrecher zuständig war, wird ein wenig ausgeschimpft, weil er im Panzer sitzen geblieben ist. »Sie gehören zu Ihren Männern, Sie führen mit Ihrer Stimme. Das schafft Vertrauen und signalisiert den Ruhestörern: Da haben wir keine Chance.« Aus der leidigen Sitzblockade macht der Oberst keine große Sache. Dann allerdings lässt er den Funkverkehr einspielen. Die Stimmen des einen Scharfschützen und des zuvor gescholtenen Hauptmanns sind zu hören. Der eine meldet »zwei Personen auf Zaun«, der andere erwidert: »Bei verdächtiger Bewegung Feuer frei«. »Das«, sagt Oberst Lortz, »kann, wenn alles schief geht, heißen: Sie melden sich unverzüglich bei der Staatsanwaltschaft in Potsdam.«

Der Befehl ist zu unklar. Nach den rules of engagement , den verbindlichen Einsatzgrundsätzen, dürfen die deutschen Soldaten nur dann schießen, wenn das Leben von Kameraden oder Schutzbefohlenen unmittelbar bedroht ist, nicht wenn jemand winkt oder sich am Kopf kratzt. »Aber ich gehe davon aus, dass der Schütze die rules of engagement kennt«, protestiert der Hauptmann. »Das kann ich doch nicht noch mal über Funk erklären.« – »Ich habe das befohlen«, unterbricht Oberstleutnant Busch, »der Befehl war falsch formuliert, aber was der Hauptmann befehlen wollte, war richtig: Bevor der Verbrecher schießt, schießt der Scharfschütze.« Horst Busch spricht sehr leise jetzt, aber sehr bestimmt. »Wenn man sich hinterher fragt, ob so ein Befehl, auch korrekt formuliert, richtig ist, kriegt jeder Zweifel«, sagt er. »Man schießt auf einen Menschen. Wer da nicht zweifelt, macht mir Angst.« In 14 Tagen geht es nach Kabul. Dann muss sich erweisen, ob zwei Wochen Simulation in der Altmark ausreichen, um mit einer Wirklichkeit zurecht zu kommen, in der es Raketenangriffe gibt, Selbstmord- attentate und Aufstände.

 
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