bundeswehr Am Hindukusch in StullenstadtSeite 3/3

Freitag Mittag. Die Operationszentrale befindet sich in einem mit Wachtürmen, Nato-Draht und Panzerschleusen gesicherten Lager, das mit der Zeit dem Camp Warehouse in Kabul immer ähnlicher wird. Dort empfängt Oberstleutnant Horst Busch, 39, der Kommandeur des Jägerbataillons, einen Landtagsabgeordneten, der die Truppe im Einsatz besucht. »Jetzt kommt ein bisschen Bauerntheater«, knurrt Busch. Der Abgeordnete bedrängt den Kommandeur: Ob der es denn in Ordnung fände, dass seine Untergebenen hier die Versammlungen und die Freizügigkeit von Drogenbaronen schützen müssten, will er wissen. »Es ist insofern kein Problem, weil es der Auftrag ist«, sagt Busch gereizt, »im Moment ist er nachvollziehbar, weil wir die Lage nicht anders stabilisieren können. Langfristig mag diese Strategie nicht sinnvoll sein – aber dann brauchen die Leute wirtschaftliche Ersatzmöglichkeiten.« Mag Busch keine Politiker? Vermutlich ist es ihm eher etwas lästig, dass er hier quasi nach Schulbuch Politikerbetreuung simulieren soll – denn der Abgeordnete ist, trotz authentisch anmutender Dickfelligkeit, kein echter Volksvertreter, sondern ein Hauptfeldwebel in GÜZ-Diensten. Meist spielt er den Werkstattbesitzer und Haupträdelsführer in Hillersleben, einem weiteren erfundenen Ort im Gelände. Trotz allem hat es einen gewissen Sinn, sich mit dem Thema »Politikerbesuch« wenigsten kurz zu beschäftigen, denn auch Oberstleutnant Busch weiß aus seiner mehrmonatigen Balkan-Zeit, dass Abgeordnetentourismus inzwischen zu den normalen Begleitumständen eines Auslandseinsatzes gehört.

Außer Durchsuchungszugriff, Verwundetenversorgung, Geiselhaft und riot control üben die Mannschaften in Letzlingen den Schutz von Patrouillen und Objekten, sie entziehen UNHCR-Mitarbeiter dem Mob (»Entsatz von Schutzbefohlenen«), sie wehren sich gegen Hinterhalte und lernen in der »Gesprächsaufklärung«, dass schon ihre Körpersprache der Auseinandersetzung mit Einheimischen die eine oder die andere Richtung geben kann. Eine zentrale Übungssituation ist auch die mine awareness: »A uf dem Balkan wissen wirklich nur die Bewohner, wo die Minen liegen«, sagt Fenger, »für die Praxis müssen wir unseren Soldaten einbläuen, sich an befestigte Straßen und viel benutzte Hauptwege zu halten.« Oberste Maxime aller Lernstationen aber ist ein Satz, der im GÜZ an allen Ecken und Enden fällt: »Wir kommen als Gäste, nicht als Besatzer.«

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»Bevor der Verbrecher schießt, schießt der Scharfschütze«

Freitag Nachmittag. Für das Jägerbataillon ist die Übung fast zu Ende. Kommandeur, Kompaniechefs und Zugführer, alle noch im Flecktarn, versammeln sich im großen Hörsaal. Der Leiter des GÜZ, Oberst Wolfgang Lortz, moderiert die Abschlussbesprechung mit ebenso freundlichen wie deutlichen Worten. Die Ausbilder legen viel Wert darauf, dass von ihnen keine Noten für die Übungsleistung zu erwarten seien – die Beurteilung ist normalerweise dem übenden Kommandeur vorbehalten. »Und die wichtigste Frage, die sich der Kommandeur stellen muss«, sagt Oberst Lortz, »ist: Haben wir alles getan, damit wir alle Männer heil wieder zurückbringen? Es muss verhindert werden, dass auch nur ein deutscher Soldat ums Leben kommt.« Dann führt er noch einmal durch die Ereignisse der vergangenen zwei Wochen. Der Hauptmann, der am Morgen für die Verhaftung der Kriegsverbrecher zuständig war, wird ein wenig ausgeschimpft, weil er im Panzer sitzen geblieben ist. »Sie gehören zu Ihren Männern, Sie führen mit Ihrer Stimme. Das schafft Vertrauen und signalisiert den Ruhestörern: Da haben wir keine Chance.« Aus der leidigen Sitzblockade macht der Oberst keine große Sache. Dann allerdings lässt er den Funkverkehr einspielen. Die Stimmen des einen Scharfschützen und des zuvor gescholtenen Hauptmanns sind zu hören. Der eine meldet »zwei Personen auf Zaun«, der andere erwidert: »Bei verdächtiger Bewegung Feuer frei«. »Das«, sagt Oberst Lortz, »kann, wenn alles schief geht, heißen: Sie melden sich unverzüglich bei der Staatsanwaltschaft in Potsdam.«

Der Befehl ist zu unklar. Nach den rules of engagement , den verbindlichen Einsatzgrundsätzen, dürfen die deutschen Soldaten nur dann schießen, wenn das Leben von Kameraden oder Schutzbefohlenen unmittelbar bedroht ist, nicht wenn jemand winkt oder sich am Kopf kratzt. »Aber ich gehe davon aus, dass der Schütze die rules of engagement kennt«, protestiert der Hauptmann. »Das kann ich doch nicht noch mal über Funk erklären.« – »Ich habe das befohlen«, unterbricht Oberstleutnant Busch, »der Befehl war falsch formuliert, aber was der Hauptmann befehlen wollte, war richtig: Bevor der Verbrecher schießt, schießt der Scharfschütze.« Horst Busch spricht sehr leise jetzt, aber sehr bestimmt. »Wenn man sich hinterher fragt, ob so ein Befehl, auch korrekt formuliert, richtig ist, kriegt jeder Zweifel«, sagt er. »Man schießt auf einen Menschen. Wer da nicht zweifelt, macht mir Angst.« In 14 Tagen geht es nach Kabul. Dann muss sich erweisen, ob zwei Wochen Simulation in der Altmark ausreichen, um mit einer Wirklichkeit zurecht zu kommen, in der es Raketenangriffe gibt, Selbstmord- attentate und Aufstände.

 
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