Man merkt es kaum. Man soll es auch nicht merken. Der Fön ist doch sicher nur an die Wand montiert, damit ihn kein Lebensmüder mit in die Badewanne nimmt. Die Spezialschrauben im Bilderrahmen schützen vielleicht bloß das Bild vor dem Verrutschen. Doch spätestens bei den Kleiderbügeln ohne Haken gehen selbst dem treuherzigsten Hotelgast die Erklärungen aus, und er muss sich mit dem Gedanken vertraut machen, dass die Hotelleitung ihn nicht nur als Nutznießer ihrer Sicherheitsvorkehrungen sieht.

Das Problem hat einen Namen. Er lautet "Schwund" und umfasst die Millionen Dinge, die alljährlich aus deutschen Hotels verschwinden – und zwar in den Koffern der Gäste. Doch bei einer Straftat, die ob ihrer Häufigkeit mehr noch als Volkssport denn als Kavaliersdelikt gilt, mögen selbst die Geschädigten von Diebstahl nicht reden.

Nach den Erfahrungen von Richy Okorie, Director of Services im Marriott an der Frankfurter Messe, nehmen fünf bis sieben Prozent seiner Gäste etwas aus ihrem Zimmer mit. Allein 30 bis 40 Bademäntel verschwinden jeden Monat. In den sieben Kettenhotels, die die Hotel-Management und Service-Gesellschaft HMG betreibt, geht es ähnlich hoch her. Der Geschäftsführer der HMG, Hartmut Schröder, zählt längst keine Bademäntel mehr, er zählt bloß die Kosten: "Hohe fünfstellige Beträge im Jahr."

Die Hoteliers haben vor Jahren einmal Hitlisten der beliebtesten Souvenirs erstellt: Bademäntel standen da auf Platz drei hinter Handtüchern und Aschenbechern. Aber offenbar verschwindet früher oder später so ziemlich alles. Da werden Glühbirnen herausgeschraubt, Seifenspender abmontiert, Fernseher ausgeschlachtet, Türschilder heruntergerissen, Schuhputzautomaten hochgewuchtet und oft genug auch noch, neutral verpackt, vom nichtsahnenden Pagen zum Auto gebracht. "Es gibt nichts, was nicht interessant wäre", sagt Schröder. Er beklagt aus jüngerer Zeit den Verlust eines Zigarettenautomaten und mehrerer Toilettenbrillen.

Was treibt brave Bürger, unterwegs Dinge zu klauen, die sie daheim wohl geschenkt nicht annähmen? Bernd Kielmann, Institutsleiter der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie, hat sich auf das Seelenleben von Reisenden spezialisiert. Er unterscheidet fünf Typen. Erstens den Trophäenjäger, der es auf alles abgesehen hat, was ein Hotel-Logo trägt, um daheim damit zu prahlen – sei es mit der exklusiven Herberge, die er sich gegönnt hat, sei es mit der eigenen Unverfrorenheit. Zweitens den Geizhals: Er sieht nicht ein, warum er bei einem Zimmerpreis von 120 Euro noch einmal 8 Euro für ein Fläschchen Cognac berappen soll. Ihm verwandt ist, drittens, der Spießer, der bloß nichts verkommen lassen will. So viele Batterien, die in kaum genutzten Fernbedienungen vergammeln; so viele Biergläser, die die Hotels doch sicher geschenkt kriegen. Wer wird die schon vermissen? Viertens: der Rebell, der sich in der Kunstwelt der Hotels an all das erinnert fühlt, was er am bürgerlichen Leben verabscheut, und handgreiflich protestiert. In diese Gruppe gehören jene Kindsköpfe, die die Minibarfläschchen leer trinken und mit Wasser wieder auffüllen. Fünftens schließlich der Sammler, der gerade im Urlaub Zeit für sein Hobby findet. Das beginnt bei harmlosen Vorlieben wie jener für "Bitte nicht stören!"-Schildchen, von denen ein Liebhaber aus Moers bereits einige tausend beisammen hat, kann aber auch zwanghafte Formen annehmen. Der Rechtsanwalt Rolf Treutler erinnert sich an einen solchen Fall: "Einmal wurde ich von einem Hotelier aus der Nachbarschaft gerufen, weil der einen Gast beim Einstecken eines Salzstreuers beobachtet hatte. ›Sie sind wohl Sammler‹, sagte ich zu ihm. Da rief der: ›Das ist gut!‹, haute mir auf die Schulter und holte mindestens zehn Streuer aus der Tasche."

Treutler ist einer der Leute, an die Hotels sich wenden, wenn Gäste die Gastfreundschaft strapazieren. Aber bei Kleindiebstählen, meint er, ist juristisch nicht viel zu machen. Man erwischt die Handtuchmopser ja selten in flagranti. Das Hotel muss darum nachweisen, dass der vermisste Gegenstand beim Einzug des Gastes noch da war und dass niemand sonst als Dieb in Betracht kommt. Richy Okorie hat damit schlechte Erfahrungen gemacht: "Ein Gast hat uns mal das halbe Zimmer ausgeräumt und die Matratze verbrannt. Als wir seine Kreditkarte belastet haben, kam ein Brief von seinem Anwalt: Ob wir Zeugen hätten? Wir mussten das Geld zurückerstatten."

Mancher Hotelier hat sich darum zähneknirschend aufs Bitten verlegt. Hartmut Schröder sagt: "Wenn wir einen Bademantel vermissen, schreiben wir dem Gast einen höflichen Brief, ob er über den Verbleib etwas weiß." Und wenn er es nicht weiß? "Dann haben wir einen Bademantel weniger, und er hat einen mehr." Selbst wenn mal ein Übeltäter beim Auschecken gestellt werden kann, hat er wenig zu befürchten. Man sieht in ihm auch weiter vor allem den zahlenden Kunden. "Und wer", fragt Richy Okorie, "möchte schon einen VIP-Gast auf einen abmontierten Duschkopf ansprechen?"

Bleibt nur die Vorsorge. Dort allerdings wurde schon einiges ausprobiert: