Wer ist Die Kurzhosengang, und woher stammt der seltsame Name (im Original The Short Ones) dieser verschworenen Gemeinschaft von vier Jungen aus Kanada? Für eine Fernsehsendung versuchen Rudolpho, Island, Snickers und Zement zu erklären, wie all das anfing, was zum landesweiten Medienrummel wurde, jene ungewollten Heldentaten des immer im Chaos agierenden Quartetts: Die Schule wird vom Schneesturm weggetragen; eine Frau entbindet im schneeverwehten Auto; ein Grizzly stürmt das Wohnzimmer, und ein führerloser Fernzug kann im letzten Augenblick gestoppt werden.

"Papa sagt immer, wenn du was machst, dann mach es richtig" – Mit eigenwilligen Interpretationen dieses guten Rates begegnen die Elfjährigen diesen Situationen mit der Intuition und Kaltschnäuzigkeit von Unangepassten, die für sich eine eigene Weltordnung in Anspruch nehmen. Das gibt dem Buch eine widerborstige Grundhaltung und reichlich Gelegenheit zu Situationskomik, bizarrem Humor und heiterer Absurdität. Zum Schluss ist der Leser der Logik und dem Lebensgefühl der Kurzhosen-Gang rettungslos erlegen – die vier könnten ihm alles erzählen!

Doch wer immer diese Geschichten erlebt und erfunden haben mag, literarisch fixiert sind sie nach dem klassischen Muster der Novellentheorie von der "unerhörten Begebenheit" und einer Rahmenhandlung mit der Aufforderung, für ein begieriges Publikum zu berichten – ganz wie in Boccaccios Decamerone. Vier Geschichten aus der Sicht vier verschiedener Temperamente.

Wenn der letzte Erzähler, der immer etwas zögerliche Zement, vor den Kameras dann schweigt und nur im inneren Monolog dem Leser gesteht, dass er mit Schutzengeln und einem zweiten Gesicht lebt, kommt Transzendenz in das heitere Chaos – und eine unvermutete Ordnung. Oder doch nur eine weitere Lügengeschichte? Da kann man sich nicht so sicher sein – selbst die angeblich seriösen Angaben des Verlags haben da ihre Tücken. Ob Übersetzer (und Jugendbuchautor) Andreas Steinhöfel und Kompagnon Zoran Drvenkar nicht doch mehr mit den Autoren Victor Caspak und Yves Lanois zu tun haben, als die Kurzhosengang verrät? In Fußnoten dreht Steinhöfel weiter an der Komik des Originaltextes – und gleitet dabei leider manchmal ins Kalauern ab. Das passiert dem renommierten Illustrator Ole Könneke nicht. Er versteht die Jungen und verhilft den Geschichten zum Erfolg. Auch bei scheinbar unverbesserlichen – männlichen – Lesemuffeln. Birgit Dankert

Victor Caspak und Yves Lanois: Die Kurzhosengang

Aus dem Englischen von Andreas Steinhöfel; mit Illustrationen von Ole Könnecke; Carlsen Verlag, Hamburg 2004; 208 S., 12,– ¤ (ab 10 Jahren)