Roman Sophie Dannenberg

entführt uns in den brodelnden Wahnsinn von 1968

Satiren kann’s nicht genug geben (obschon sie niemals die Lächerlichkeit der Realität einzuholen vermögen). Freilich sollten sie ihren Elan aus einer vorder- oder untergründigen Aktualität beziehen. Aber brennt uns 1968 auf den Fingern? Kräht noch ein Hahn nach den heldenmütigen Barrikadenstürmern von einst, die (im Dreiteiler oder Chanel-Kostümchen) der Pensionierung entgegenstreben – oder, sofern sie den Durchmarsch durch die Institutionen (und umgekehrt) versäumten, mit ausgedünntem Langhaar und halb erloschenem Blick an ihrer Stammtheke der kargen Rente harren?

Doch halt! Während die Täter gemächlich vergreisen, meldet sich die Opfergeneration zu Wort: die verzogenen, doktrinär verbildeten, progressiv deformierten, ja geschändeten Kindlein von dazumal, die halb öffentlich gezeugte Brut der öffentlich stillenden Mütter, die Sprösslinge der Kinderläden, Zöglinge jener zu duzenden Lehrkörper, deren ganzer Stolz es war, ihre Schüler in den Klassen- und Friedenskampf zu entlassen, ohne sie jemals mit auch nur einer Zeile Goethe genervt zu haben.

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Mit merkwürdiger Verspätung meldet sich nun ein Opferkind von damals zu Wort: Sophie Dannenberg, die auch Tinchen von Lüchow heißen könnte, laut Verlagsangaben 1971 geboren, Literaturwissenschaftlerin und Philosophin, nach »Studienaufenthalten in Dublin, New Albany und auf Capri« in Berlin lebend (Kreuzberg, Prenzelberg oder Ludwig-Kirch-Platz?). Kurzweilig geht es zu in dem Erstlingsroman der 33-Jährigen, die nicht ohne Talent ist, weiß Gott nicht: Sie versteht sich darauf, in ihren besten Momenten, eine Lage, eine Landschaft, ein Gesicht mit präzisen Sätzen sichtbar und hörbar werden zu lassen, sie scheut sich vor Lyrismen nicht, erst recht nicht vor einer salzigen Art von Komik, nicht vor patzigen Sarkasmen, nicht vor nassforschen, zuweilen auch allzu dümmlichen Kalauern (»Lehrstuhl für weibliches Sexualerleben nach der Meno- und Theaterpause«), nicht vor herzschmerzender Melodramatik und am Ende nicht vor einem deprimierenden Gemenge von Pathos und Kitsch.

Für die Momente der Komik verzeihen wir der Autorin viel. Aber weiß denn eine Schreiberin dieser Generation (mit Studienaufenthalt auf Capri), dass die progressiven Westberliner Studentenbuden »Drecklöcher« waren, in denen es »nach Schweiß und Sperma und … Jesuslatschen stank« (»Der Kommunismus braucht kein Deodorant, hast du gesagt…«)? Generalsekretär Breschnew, der stets auf einer Kölnisch-Wasser-Wolke schwebte, war anderer Meinung.

Vielleicht überkamen die Autorin auf Capri die Bilder des brodelnden Wahnsinns in den Hörsälen und Seminaren der deutschen Universitäten jener Jahre, als käsgesichtige Studentchen und ihre aufgeregten Kommilitoninnen Kulturrevolution spielten, teils indem sie mit dem roten Mao-Büchlein durch die Gassen hopsten, teils indem sie ihre Büstenhalter öffentlich verbrannten, das Leben nächtens in Grund und Boden diskutierten, den Antifaschismus erfanden und Professoren jüdischer Herkunft als zionistische Menschheitsfeinde, wenn nicht als »Pentagonjuden« schmähten, kurz, es mit ihnen nicht viel anders trieben als ihre Väter in den SA-Uniformen mit den jüdischen Professoren in der Agonie der Republik von Weimar.

Den teutonischen Veitstanz zwischen 1968 und dem Jahre ihrer Erzeugung beschwört Sophie Dannenberg (oder Tinchen von Lüchow) auf den universitären Klassenkriegsschauplätzen (und hernach im ländlichen Protestparadies Lüchow-Dannenberg) eindrucksvoll herauf, obschon sie das traurige Geschick der Erzprofessors Wiesent, in dem wir Theodor Wiesengrund-Adorno erkennen dürfen, allzu robust dramatisierte. Der Satire ist das erlaubt. Die Grenze des Erträglichen aber durchbricht die Denunziation des Adorno-Erben Habermas (der unter dem Namen Heinz Mueller-Skripski auftritt). Man mag den gelehrten Exmarxisten schätzen oder auch nicht: An der schieren Gemeinheit erstickt jede Komik, und die Karikatur büßt durch den Mangel an Ähnlichkeit jeglichen Witz ein.

Die Adorno-Parodien indes sind meisterlich. Auf einer der letzten Seiten des Buches klärt uns ein diskreter Hinweis darüber auf, dass »Alexander Oronzov … die Vorträge von Aaron Wiesent, Hyronimus Arber und Heinz Mueller-Skripski sowie die Gedichte für diesen Roman geschrieben« habe. – Who’s he? Die Sachkennerschaft und die stilistische Akrobatik traute man Tilman Spengler zu, auch Christian Semmler. Nur würde sich keiner der beiden bereit finden, Jürgen Habermas mit solch brutaler Verlogenheit zu meucheln. Oder begegnen wir in Wahrheit der Sprachartistik konservativ durchwirkter Damen? Mirjam Lau zum Beispiel, die der Welt, den Neokons und dem unsäglichen Bush junior nicht alle Sensibilitäten geopfert hat, oder Cora Stephan, die gern ihr Hühnchen mit den 68ern rupfte, oder Katharina Rutschky, die es zuwege brächte, die Absurditäten der »sexuellen Befreiung von Kindern« mit der abgefeimten Drastik vorzuführen, die uns in diesem seltsamen Buch begegnen: jene Experimente zugedröhnter Kommunarden, die womöglich – als Abwehreffekt – die Hysterien der Pädophilenjagd in unseren Tagen ausgelöst haben.

Könnte eine 33-jährige Debütantin, wie immer sie heißen mag, die geschilderten Aufregungen um und über den antikommunistischen ZDF-Kommentator Gerhard Löwenthal nachempfinden (der ein eher schlichter Geist war)? Und wer weiß denn heute, wer der Terroristenanwalt Klaus Croissant war, der unglückselige Drogistensohn aus Kirchheim unter Teck, der – waih geschrien! – als Borsalino von Baguette auftreten darf?

Natürlich wäre es antiemanzipatorisch und völlig unaufgeklärt, würde ein männlicher Rezensent Frauen die Fähigkeit zu deftiger Pornografie abzusprechen: Aber nimmt sich der Lustschrei beim Sex in der Damentoilette über »stalinstarken stahlharten Schwanz« nicht doch eher als ein Produkt allzu männlichen Humors aus? Und erst recht maskulin: die pathos-getränkte Kriegs-, Helden-, Flucht- und Untergangserzählung aus dem ostpreußischen Elend der letzten Wochen vor dem Ende des Schreckens im Jahre 1945, mit der sich die wirre und ziemlich unmotivierte Rahmenhandlung in letzten Kapitel schließt.

Beleidigt-patriotische Schwiemelprosa, Edwin Erich Dwinger redivivus (falls sich noch eine Seele an jenen Virtuosen des nationalen Ressentiments im rechts gestimmten »Schrifttum« von Weimar erinnert). Ein brauner Schatten, der am Ende über dieses seltsame Unternehmen kriecht. Leider nicht länger ein halbwegs amüsantes Experiment mit »Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung«, sondern Kapitulation vor dem Kitsch.

Bleibt als ein harmloses Pläsier das Ratespiel, wer für die rasch verwelkende Komik des Buches und seine kleinen Geschmackskatastrophen verantwortlich ist: Sophie oder Tinchen oder wer? Und wer der Dichter, dem das Werk gewidmet ist?

Sophie Dannenberg: Das bleiche Herz der Revolution

Roman; Deutsche Verlags-Anstalt, München 2004; 320 S., 19,90 ¤

 
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