Im Anfang war das Wort…" Nicht das schon wieder! Doch! Terézia Moras Roman Alle Tage beginnt in der Zeit "jetzt" und im Ort "hier". Das erste Bild ist düster und wie viele düstere Bilder ein bisschen lächerlich. Ein Mann in einem schwarzen Trenchcoat hängt kopfüber von einem Klettergerüst. Die Füße sind mit Klebeband umwickelt. Der gefallene Mensch heißt Abel Nema, beherrscht zehn Sprachen und lebt vom Übersetzen. So kommt das "Wort" ins Spiel.

Terézia Mora ist Ungarin. Seit 15 Jahren lebt sie in Berlin. Wie das Leben in ihrem Geburtsort Sopron nahe der österreichischen Grenze war, hat sie 1999 in dem Erzählungsband Seltsame Materie beschrieben. Die elf Geschichten sind besetzt von Furcht, Sprachkunst und Selbstgefallen. Ihr Talent, harte und sehnsuchtsvolle Stimmungen aufzubauen, wurde 1999 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis gewürdigt. Fünf Jahre später ist ein Kapitel in Alle Tage mit Folklore überschrieben. Gelassen winkt Terézia Mora ihrer Jugendschrift hinterher, sie ist 33 Jahre alt und sehr erwachsen geworden. "Folklore" ist jetzt ein Zitat aus der Vergangenheit, Folklore ist vorbei, handkoloriert ist in Alle Tage (ein Ingeborg-Bachmann-Zitat und nicht das einzige) keine Zeile. Terézia Mora hat es in den letzten Jahren mit dem "Wort" aufgenommen. Sie übersetzte Péter Esterházys Opus magnum Harmonia Cælestis, eine geniale Leistung. Die dienende Übersetzertätigkeit schärfte ihre Wachsamkeit. Alle Tage ist ein gottlos-gottvolles Buch über die Liebe und die Liebe zur Sprache, es steckt voller Wissen, Anspielungen, Fragen, Distanzierungen, Perspektivverschiebungen, Ironie. Ein Koloss, sie hat es bewältigt. Eine große Leistung.

Abel Nemas Vater Andor, ein "Ausländer", liebt Schlager und sein himmelblaues Auto, ist Lehrer, wie seine Frau Mira, lebt mit ihr und Abel in einer kleinen Stadt in der Nähe dreier Grenzen mit einem Theater, Hotel und einem Reiterstandbild, einem Ort, der wahrscheinlich mit Terézia Moras Heimat identisch ist. Abel ist zwölf, als der Vater wortlos und für immer verschwindet: "Verflucht soll er sein"! Schreibt Terézia Mora mit der Bibel auf dem Schreibtisch? Es wäre falsch, und der Name Abel lässt es auch gar nicht zu, die Bibel als Kopfkissenbuch zu unterschlagen, denn wo kann man mehr über Brutalitäten, ihre Auswirkungen, über Lesarten und Auslegungen in Erfahrung bringen? Als der Junge, der an Raumschiffe und Außerirdische denkt, Ilia Bor trifft, erklärt Abel zuerst seinen Namen. Das slawische nemec heißt "stumm", Abel bedeutet im Hebräischen "Hauch" oder "Nichtigkeit". Damit hat die Lebensgeschichte des Menschen A.N. ein Synonym, das die Autorin mit Fleisch und Blut füllt, die unerwiderte Liebes- und Lebensgeschichte nimmt ihren Anfang und endet in emotionaler Stummheit. Der Schüler Abel liebt Ilia, aber Ilia sagt nein. Fünf Jahre verbrachten sie die Nachmittage miteinander.

Ohne Skepsis schreibt die Autorin keinen Satz. Sie glaubt nicht an die Wahrheit, die Wahrheit dient nur der Bürokratie und das heißt der Unterdrückung. Die Skepsis hilft ihr auch, Ausrutscher in den magischen Realismus zu überwinden. Der Abiturient Ilia sagt Abel auf der Straße in der Nähe einer Laterne (auf kontrastreiche Beleuchtung legt Terézia Mora Wert), dass er weggehen und im Ausland studieren wird. Abel beginnt, seine Liebe zu hassen. Die innere Marter, kommentiert die Autorin, lernte er an "dieser Straßenecke kennen". Abel trainiert sich zu einem unnützen Genie, vertrieben aus der Liebe, dem Land und seinen Sprachen. Wir sind im befleckten Paradies, wo alles im Schweiße des Angesichts passiert und Kain seinen Bruder Abel erschlägt. Voilà!

Terézia Mora führt ihre Figuren an der langen Leine, zieht sie manchmal über den Tisch, lässt Lücken, ironisiert gewandt die Rolle des Schriftstellers, weiß auch nicht, wie AbelN. von hier nach da in den dritten Hinterhof in eine Stadt in einem anderen Land gekommen ist, wo Feste nach dem Motto "Altes Rom" gefeiert werden. Die Erzählerin staunt wie der Leser, verdreht die Augen, was ist denn da nun wieder passiert ? Die Innen- und Außenperspektive wechselt ohne Warnung, ich, wir, du. Die Schwere der Milieus, klebrig finstere Verliese sind die Kulisse. Angeschnittene Daseinsfragen bleiben mit dem altklugen "Nicht wahr?" unbeantwortet. Unüberhörbar ist, dass die Autorin über ihre eigene Hybris lacht.

Abel ist 19 Jahre alt, ein Deserteur, der in einer fremden westlichen Stadt einen herzensguten Professor trifft, der bereit ist, ihm ein Stipendium zu vermitteln, aber zuerst wissen möchte, wie’s mit seiner Religiosität steht. Abel antwortet nicht, das tut er sowieso selten, er säuselt hochtrabend eine Gedichtzeile, "manchmal bin ich von Liebe und Hingabe ganz erfüllt", vor sich hin. Abel trottet ins Sprachlabor, lernt zehn Sprachen. Terézia Mora schickt den "jungfräulichen" Abel in eine miese, von Drogen, Dreck und Kriminellen durchsetzte Szenerie und benimmt sich wie ein Regisseur, der seine Schauspieler über dunkle Bühnen hetzt, "Pause!", "Halt!" oder "Weiter!" ruft und sich selbst ins Wort fällt: "Korrektur: verwerfe den ganzen Satz".

Neben Trauerfarben und filmischen Schatten setzt sie Gerüche und Geräusche ein, zitiert aus Büchern, Filmen, Gedichten, um einen Menschen zu beschreiben, eine literarische Figur, Nachfahre Bartlebys, der verlorene, im Wortsinn trostlose Abel. Er ist kein Schäfer, wie es die Bibel vorschreibt, er hütet weder Tier noch Mensch. Wäre sein Leben anders verlaufen, hätte er zu Hause als braver, schwuler Lehrer ein kleines Leben gelebt. Aber so? So heiratet er zum Schein und für die Papiere die freundliche Mercedes und wird Omars Stiefvater. Omar ist einäugig und klug wie Teiresias. Ihn könnte Abel lieben, aber er ist unantastbar, Omar trägt das Kainszeichen.

Ende der neunziger Jahre, in denen wir prosperieren, sind die Menschen nicht "wie nie zuvor" böse. Immer findet Abel Unterkunft und Hilfsbereitschaft, lebt zusammen mit Drogenhändlern und Musikern, später allein in einem Zimmer unweit des Bahndamms und des Klettergerüsts. Die Existenz in der Fremde steht immer auf der Kippe. Terézia Mora bedauert den Flüchtling Abel nicht, die "Randfigur" in der Bredouille, um jeden Preis einsam, nicht zu retten. Nur darum geht es. Von Ilia in die Wüste geschickt, ein Ausgestoßener, der wie Dürer aussieht, auf der Suche nach dem einen, mit dem er reden will. Abel ist eine Maschine, die keine Gnade in sich hat. Was er verschweigt, träumt er, Sequenzen sexueller Gewalt und Verurteilungen.