Historische Ereignisse gleichen dem Niederschlag, der eine gewisse Zeit benötigt, bis er, gefiltert durch die Schichten des Bodens, klares Grundwasser bildet. Eine solche Klärung versucht Antje Rávic Strubel in ihrem lesenswerten Roman Tupolew 134. Der Titel bezieht sich auf jene Maschine, die am 30. August 1978 auf ihrem Flug von Danzig nach Berlin-Schönefeld entführt worden war. Ein Bürger der DDR, begleitet von einer jungen Landsmännin, hatte die Stewardess als Geisel genommen und den Piloten gezwungen, in Tempelhof zu landen.

Diesen Fall von Republikflucht nimmt Antje Rávic Strubel zum Anlass einer skrupulösen literarischen Recherche. Angelpunkt ist die Affäre zwischen der jungen Katja und dem westdeutschen Ingenieur Hans, der die Fabrik, in der sie arbeitet, aus geschäftlichen Gründen besucht. Die beiden verlieben sich ineinander, und rasch entsteht der Plan, aus der DDR zu fliehen. Katja reist mit dem älteren Kollegen Lutz nach Danzig. Dort sind sie mit Hans verabredet, der gefälschte Papiere für die Ausreise mitbringen soll. Aber Hans erscheint nicht, er wurde verhaftet. Ob die Stasi den Plan selber aufgedeckt oder ob ihn Katjas Freundin Verona angezeigt hat, bleibt offen. In dieser Not und Panik entsteht die Idee, das Flugzeug zu entführen.

Wenn man die Geschichte so gerafft erzählt, verschweigt man die notwendig damit verbundenen Unwägbarkeiten, die gemischten Gefühle, die Zwischentöne. Auf die aber kommt es hier an. Die Liebe ist keine stabile Größe, sie erscheint in vielerlei Gestalt. Da ist die enttäuschte Liebe Veronas zu ihrer Jugendfreundin, die uneingestandene Liebe des Kollegen Lutz und schließlich die geradezu närrische Liebe des Vaters zu seiner Tochter, deren Affäre mit einem Westdeutschen ihn tief beunruhigt.

Aber auch das ist schon wieder zu deutlich gesagt, denn Strubel weiß nicht mehr über ihre Helden als diese von sich selber, und das ist nicht eben viel. Nur Katja begreift eines Tages etwas sehr Wichtiges, und sie sagt es Lutz: "Ich lebe nicht mehr gern so." Und Lutz, der an seiner Maschine arbeitet, dreht sich um und fragt: "Irgendwas unklar?" In der Tat. Allmählich packt auch ihn Katjas Geist der Unruhe. Und als der großspurige Hans mit seinem Westauto auftaucht, verändert sich alles, für Katja wie für ihre Freunde. Nach der ersten Nacht schreibt sie ihm: "Danke, Mister. Sie haben mir großen Spaß gemacht. – Darf ich Sie wiedersehen?"

Das Schöne und Schwierige an diesem Buch ist die Erzählweise. Strubel wählt mehrere Darstellungsebenen, und das ist ganz wörtlich zu verstehen. Sie erkundet die Vergangenheit, als stiege sie in einen tiefen, geräumigen Schacht mit vielen Gängen und Etagen, sie nimmt den Leser dorthin mit und sagt ihm in kurzen Überschriften, wo er sich gerade befindet: "oben", "unten", "ganz unten". Ich gestehe, dass ich das teils verwirrend, teils unangenehm belehrend fand. Mir ist es lieber, wenn ein Autor seine Erzählstrategie für sich behält. Die Methode zerstückelt den Zusammenhang und lenkt die Aufmerksamkeit ungut auf die Arbeitsweise des Erzählers. Er scheint sich seiner Sache nicht sehr sicher. Andererseits entsteht dadurch ein filigranes Geflecht von Szenen und Details, die sich gegenseitig mal verstärken, mal aufheben. Der Vorgang gleicht dem Sickern des Niederschlags bis hin zum Grundwasser, und das ist subtil gemacht, wenn auch überkomplex.

Trotz dieser Ambivalenz folgt man der eigenwillig erzählten Geschichte nicht ungern und gewinnt am Ende ein plastisches Bild vom untergegangenen Kontinent DDR, von dieser bizarren Mischung aus proletarischem Idyll und verzweigter Repression, Lebenslust und Muff. Strubel erzählt das mit verhaltener, aufgerauter Stimme. Die 1974 in der DDR geborene Schriftstellerin (dies ist ihr viertes Buch) interessiert sich nicht für Effekte, sondern versucht mit großem Ernst – und einer leisen Trauer –, etwas begreiflich zu machen vom Rätselwesen Mensch. Und das geht weit hinaus über den historischen Fall einer gewaltsamen Flucht.

Antje Rávic Strubel: Tupolew 134