Kino Die Wonnen der RacheSeite 2/2

Der tastende Arm des Tintenfischs

Von der Liebe eines Taubstummen zu seiner Schwester handelt Sympathy for Mr. Vengeance. Als er für die Schwerkranke einer Spenderniere beschaffen will, gerät Dong-jin in einen schwindelerregenden Kreislauf der Gewalt. Mit fast mathematischer Zwangsläufigkeit bewegt sich dieser Film von einem Exzess zum nächsten. Schraubenzieher werden in Arterien gerammt, Bäuche aufgeschlitzt, Schädel mit Baseballschlägern zertrümmert. In der schrecklichsten Szene wird eine junge Frau von einem vor Rachedurst schier wahnsinnigen Vater mit Elektroschocks gequält. Während die Frau unter Krämpfen stirbt, stochert der Folterer mit starrem Blick in seinem Essen herum. Chan-wook Park mag der Arrangeur dieser Gewalt sein, doch ihr Urheber ist das Schicksal seiner Figuren. Wir sehen einen Vater, den der Schmerz zum Monster gemacht hat, und eine Frau, die eigentlich nur ihrer todkranken Freundin das Leben retten wollte. Täter und Opfer bleiben letztlich austauschbar.

Auch in Old Boy liegt der Skandal nicht in der Grausamkeit, sondern in der absoluten Kontingenz, mit der sie zuschlägt. Als Dae-su OH mit rasender Wut nach dem Grund der jahrelangen Gefangenschaft forscht, kommt er einer banalen Jugendsünde auf die Spur, bei der er einst den Ruf eines jungen Mädchens beschädigte. Wieder steht ein liebender Bruder am Anfang eines komplizierten Rachegeflechts, wieder verkehrt sich das Humane in sein Gegenteil.

Man könnte Chan-wook Park die rauschhafte Inszenierungswut vorhalten, die seinen Abgrund an Deformation, Inzest und Sadismus manchmal allzu glatt und durchgestylt erscheinen lässt. Und doch gibt es auch hier jene Momente, in denen nur Trauer und Schmerz der Figuren das Bild erfüllen. So ist in Old Boy gerade die schockierendste Szene des Films die ergreifendste. Kaum aus der Haft entlassen, bestellt Dae-su OH im Restaurant einen lebenden Tintenfisch. Wie ausgehungert schlingt er das glibberige Tier herunter. Eine Weile ragt aus seinem Mund noch ein dünner tastender Krakenarm. Ein Mann, der innerlich abgetötet wurde, versucht verzweifelt, sich Leben einzuverleiben. Es ist die reine Kreatur, von einer anderen Kreatur zum Äußersten getrieben.

Vielleicht liegt hier die wahre Brutalität dieser Filme. Sie suchen den Exzess, schockieren, erzählen vom Extremen, Grausamen, Grauenhaften. Und doch scheinen sie im Ganzen nichts anderes zu bebildern als die Banalität dessen, was Menschen einander zufügen.

 
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  • Quelle (c) DIE ZEIT 02.09.2004 Nr.37
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