Schon die Zeitgenossen zeigten sich von Persönlichkeit und Leistung jenes preußischen Königs fasziniert, der deshalb von ihnen bereits zu Lebzeiten "der Große" genannt wurde, und die Historiker haben dann im 19. und 20. Jahrhundert eine riesige Literatur über das friderizianische Preußen angehäuft. Trotzdem sind eigentümlicherweise nur denkbar wenig nennenswerte Biografien über diesen Friedrich II. von Hohenzollern zustande gekommen: An erster Stelle stand bisher die einzige vollständige, voluminös auf vier Bände angewachsene Biografie aus der Feder des preußischen Staatshistoriografen Reinhold Koser (1893/1903): quellennah, sorgfältig gearbeitet, insgesamt jedoch, wenn wundert’s, vom penetranten Ton einer konstant durchgehaltenen Bewunderung durchzogen. Kurzbiografien, etwa von Gerhard Ritter und George P. Gooch, haben diese Linie nicht verlassen. Ingrid Mittenzweis Biografie von 1980 dagegen litt unter den einschnürenden Interpretationsgrenzen der DDR-Geschichtswissen schaft, zumal es ihr auch um die politisch bemühte Aneignung des "preußischen Erbes" ging. Und Theodor Schieders Friedrich (1983) bestand aus einer Sammlung von Essays, die wichtige Probleme im Leben des Königs auf hohem Reflexionsniveau erörterten, aber keine Biografie im strengen Sinne bieten wollten. Im Grunde also ein dürres Resultat lang währender historiografischer Beschäftigung mit dem neben Kant wichtigsten Preußen des 18. Jahrhunderts.

Nachdem Preußens umstrittene Rolle in der deutschen und europäischen Geschichte nach 1945 noch einmal ein halbes Jahrhundert lang im Zentrum eines heftigen Streits gestanden hat, war es an der Zeit, eine neue Biografie Friedrichs in Angriff zu nehmen. Johannes Kunisch, der unlängst emeritierte Kölner Historiker, ein ausgewiesener Experte nicht nur der Geschichte Preußens, sondern überhaupt der europäischen Frühen Neuzeit, hat sich an das Unternehmen gewagt. Auf gut 600 Seiten liegt jetzt das Ergebnis vor: ein mit immenser Gründlichkeit recherchiertes, quellengesättigtes, in plastischer, unprätentiöser Sprache und mit respektvoller Distanz geschriebenes, stets um ein abwägendes Urteil bemühtes und daher zwar behutsam, doch unverschnörkelt interpretierendes Lebensbild des umstrittensten aller Preußenkönige.

Die rätselhafte Persönlichkeit Friedrichs verlangt eine Erklärung

Warum gerade heute diese Biografie? Das fragt der Verfasser und gibt die vertraute Antwort, dass jede Zeit sich unter ihren leitenden Gesichtspunkten die Vergangenheit von neuem vergegenwärtigen und damit aneignen muss. An der historiografischen Lücke konnte ohnehin kein ernsthafter Zweifel bestehen. Freilich auch nicht an dem hohen Anspruch, das Individuum in seiner Zeit zu erfassen, mithin Leben und Leistung im Spannungsfeld überindividueller restriktiver Bedingungen gerecht werden zu wollen. Wird nun Kunischs Biografie jener abgründigen Ambivalenz gerecht, die Friedrichs Leben und Wirkung am Ende der Epoche absolutistischer Fürstenherrschaft, zugleich aber am Beginn der 200 Jahre währenden preußischen Großmachtstellung charakterisiert, die von Anfang an im Schatten der konkreten Leistungen Friedrichs, erst recht des Friedrich-Mythos lag? Kommt die rätselhafte Persönlichkeit Friedrichs, gleichermaßen aber auch der historische Kontext zur Geltung, um das hoch gesteckte Ziel der Positionierung des Mannes in seiner Zeit glaubwürdig zu erreichen?

Der Vater unterzog ihn einer menschenfeindlichen Erziehung

Solchen Schwierigkeiten ist sich der Autor hellwach bewusst. Beherzt beginnt er mit den Jugendjahren des Kronprinzen, genauer gesagt: mit der schweren Bürde, die durch die brutalen Erziehungsmaßnahmen des Vaters geschaffen wurde, einer endlosen Abfolge von Demütigungen, um nach seinen Vorstellungen den ungebärdigen, ungehorsamen, eigenwilligen Sohn für das Herrscheramt rigoros abzurichten. Friedrich opponierte gegen das rohe Kujonieren, wich auch listig aus, beugte sich indes nicht. Immerhin floh er schließlich – mit ernsthafter Absicht oder um auf sein Leiden dramatisch aufmerksam zu machen? – wurde gefasst, erneut den menschenfeindlichen Bestrafungsmethoden des Vaters unterworfen. Doch er zerbrach nicht, lernte vielmehr, sich zumindest äußerlich anzupassen. Tiefreichende psychische Schäden sind, vielleicht lebenslang anhaltend, die Folge dieser Zwangsjackenerziehung gewesen. Behutsam, auf Differenzierung bedacht, spürt der Autor dieser Traumatisierung nach. Durchaus wohlwollend zieht er auch eine neuere psychoanalytische Studie heran, welche die Ursachen und Folgen von Friedrichs seelischen Verletzungen aufzuspüren bemüht ist.

Mit diesen düsteren Jahren kontrastiert das helle Leben am Musenhof auf Schloss Rheinsberg, auch die Vielzahl der intellektuellen Interessen, die der vielseitig begabte Kronprinz seit den späten 1730er Jahren verfolgt hat. Vor der Erkundung einer anderen dunklen Dimension dieses Lebens scheut Kunisch aber auch nicht zurück. Friedrich, als junger Mann im Verhältnis zum weiblichen Geschlecht kein Kostverächter, holte sich auf einer galanten Reise, kurz vor seiner rein dynastischen Zwecken dienenden Hochzeit mit der ungeliebten Christine von Braunschweig-Beveren, eine Geschlechtskrankheit, vermutlich Gonorrhö, mit schlimmen Folgen bis hin zu einem tiefen chirurgischen Eingriff. (Es war übrigens Erich Kästner, der in seiner Dissertation die betulich schweigende Historikerzunft hierüber aufgeklärt hat.) Diese Zäsur hat Friedrich zum einen der Welt der Frauen auf Dauer entfremdet, zum anderen offenbar seine homophile Neigung begünstigt. Ist zu den unbarmherzigen Belastungen der Jugendzeit und zu der spannungsreichen Vielfalt auffälliger Talente auch noch die innere Zerrissenheit einer bisexuellen Veranlagung hinzugekommen? Vollständig zu klären vermag das sein Biograf auch nicht, aber plausibel wirkt seine verständnisvolle Deutung durchaus.

1740, nach des Vaters Tod, übernahm Friedrich, 28-jährig, das Herrscheramt, das er 46 Jahre lang ausüben sollte. Unverzüglich brach er zu einem Raubkrieg auf, um Österreich mit Schlesien seine wertvollste Provinz zu entreißen. Ein abenteuerlicher Coup, dessen Folgekonstellation seine gesamte Regierungszeit bestimmt hat. Was waren die ausschlaggebenden Motive für diesen spektakulären Überfall, der Friedrich ganz unvermittelt mitten auf die Bühne der europäischen Mächtepolitik katapultierte, war doch seine Intention, Preußen zur Großmacht aufzubauen, mit greller Klarheit zu erkennen? Der Autor macht kein Hehl daraus, dass der Drang nach Prestigegewinn, nach Machtzuwachs, nach Steigerung der Ehre des Hauses Brandenburg, nach Unsterblichkeit gar des Vabanque-Spielers den Primat besaß. Danach erst rangierten geostrategische Interessen, die Absicht, Sachsens Griff nach Polen zu blockieren, auch durch einen Präventivkrieg im allseits erwarteten Kampf um das Erbe der ebenfalls 1740 auf den Thron gelangten österreichischen Königin Maria Theresia den entscheidenden Startvorteil zu gewinnen.