Flugbegleiter

Saftschubse, die

Marge Ziegler, 41, stellvertretende Vorsitzende der UFO (Unabhängige Flugbegleiter Organisation) und Flugbegleiterin bei LH-Cityline über den neuen Duden-Eintrag

Der Duden verzeichnet in seiner soeben erschienenen Ausgabe 5000 neue Begriffe, darunter »Saftschubse, die: umgangssprachlich abwertend für Flugbegleiterin«. Hallo, Saftschubse!

Da sag ich gar nichts. Ich registriere das als Respektlosigkeit. Ich fühle mich nicht angesprochen.

Wo sind Sie dem Begriff schon mal begegnet?

Mich direkt hat noch niemand so angesprochen. Den Begriff gibt es aber seit vier bis fünf Jahren. Es wird behauptet, dass ihn Passagiere und Kollegen benutzen. Wir Kollegen untereinander reden so nicht, auch nicht im Scherz. Vielleicht spricht man in anderen Flughafenbereichen so über uns, zum Beispiel bei den Loadern – die laden die Koffer ins Flugzeug. Neulich war ich mal privat unterwegs. Hinter mir saßen zwei Herren, einer äußerte deutlich sein Missfallen über die Kollegin. Er sagte: »Die Saftschubsen werden auch immer schlimmer, guck dir die da an!« Die so reden, das sind meist Bürgerliche, Fußgänger. So nennen wir Flieger die Nichtflieger.

Darf ich Sie denn »Stuse« nennen?

Das ist eine Abkürzung von Stewardess, aber antiquiert. »Stuse« war nicht abfällig gemeint.

Und »Trolley Dolly«?

So reden sich die Herren Flugbegleiter gelegentlich untereinander an. Das stammt aus der Homosexuellenszene, wie übrigens Saftschubse auch.

Die Herren, hörte ich, sollen »Horst« heißen.

Nie gehört. Vielleicht reden die sich im Cockpit so an, wenn die Tür zu ist. Wissen Sie, selbst wenn 95 Prozent der Flugbegleiter Homos oder Verzauberte sind – das ist kein Thema. Interessiert keinen.

Könnte die »Saftschubse« den Niedergang eines ehemaligen Traumberufs kennzeichnen?

Das ist immer noch ein Traumberuf! Nur: Die Anforderungen sind heute viel höher. Früher sind wir von Hamburg nach Paris zwei Stunden lang geflogen. Das hieß: gepflegter, freundlicher und ungehetzter Service auch für 50 Passagiere. Heute dauert dieser Flug 55 Minuten. Da kann man sich nicht mehr als Gastgeber fühlen. Und dann die Wochenenden in Paris, von Freitagabend bis Montagmorgen. Traumhaft! Heute fliegt man hin und zurück und steigt kaum noch aus.

Und die exotischen Ziele? Chile? Hongkong? Bangkok? Ein paar Tage in der Sonne lümmeln?

Das war einmal. 24 Stunden dauert die gesetzlich vorgeschriebene Ruhepause. Das war’s. Schnief. Doch auch an einer anderen Stelle bröckelt der Traumberuf. Nach Lockerby und dem 11. September fliegen wir nicht mehr ungetrübt durch die Gegend. Und gerade wieder die zwei Dinger in Russland… Die Sicherheitsvorkehrungen an Bord sind umfassend. Der Flugbegleiter muss jedes Jahr seine Lizenz erneuern: drei Tage retten, löschen, Erste Hilfe, Tests schreiben, 250 Fragen beantworten, und alles in Englisch. Wir sind heute einzig und allein dafür da, dass die Sicherheit an Bord gewährleistet ist.

Die paar Stewardessen an Bord einer Billig-Airline wirken manchmal eher wie Würstchenverkäufer.

Klar. Das ist Ihre Wahrnehmung als Passagier. Sie können ja nichts dafür. Die Fluggesellschaften tun leider überhaupt nichts, damit sich das ändert. Die suchen service professionals, eine schöne Sache – aber wir sind nun mal nicht für den Service da. Ich würde den Kolleginnen empfehlen, den Leuten zu signalisieren: Hallo, wir sind für eure Sicherheit zuständig. Und nicht für Würstchen. Oder Saft.

Interview: Burkhard Strassmann

Anzeige

Service