SchlussrundeKehrseite der Medaille

Ein tödlicher Sturz vom Balkon, illegale albanische Hilfsarbeiter und jede Menge Selbsthass – die Olympiabilanz des griechischen Krimiautors Petros Markaris fällt düster aus von Ruedi Leuthold

Sein Feld ist die griechische Seele, sein Sport ist Mord und Totschlag, und seine bevorzugte Kneipe befindet sich an einem kleinen grünen Platz im Zentrum von Athen. Dort gibt es einfache griechische Kost, dort kann sich Petros Markaris der Beobachtung seiner Mitmenschen widmen, und dort setzt sich langsam die Frage ins Bewusstsein, inwiefern die Dramen und Ereignisse der olympischen Tage zu einem Fall für Kostas Charitos werden könnten.

Kostas Charitos ist Leiter des Mordkommissariats von Athen, eben hat er seinen vierten Fall gelöst (Live; Diogenes Verlag, Zürich), und wenn Charistos nicht im Stau von Athen steht, wenn er nicht heroisch das Schweigen seiner Frau erträgt, entschlüsselt er die politischen Hintergründe scheinbar banaler Verbrechen.

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Wäre der Balkonsturz der griechischen Judokämpferin ein Fall für Charitos? Einen Tag bevor Eleni Joannu, dreimalige Landesmeisterin in der Klasse bis 78 Kilo, ins olympische Dorf einrücken sollte, stürzte sie sich vom dritten Stock ihres Wohnhauses. Zwei Tage später sprang ihr Verlobter vom selben Balkon. Eleni starb 17 Tage später im Spital.

Der Krimischriftsteller winkt ab. "Eine Liebestragödie", sagt er. Aber die Hintergründe, Herr Markaris! Sie haben sich gestritten, der Mann war eifersüchtig, offenbar auch arbeitslos. "Das gewöhnliche Drama griechischer Macho-Mentalität. Viele griechische Männer ertragen es nicht, wenn ihre Frauen intelligenter sind, erfolgreicher oder berühmter. Starke Griechinnen sind oft allein. Oder sie suchen sich schwache Männer aus."

Petros Markaris’ Haare sind wirr, das Gesicht ist hell und fröhlich, nur ein Auge blickt trübe. Er kam in Istanbul zur Welt, ein Grieche mit armenischen Wurzeln. Er studierte Volkswirtschaft in Wien, war Theaterautor und Drehbuchschreiber in Athen, bevor er seinen Kommissar Charistos erfand. Er war im Stadion, als die Griechin Fani Halkia überraschend das 400-Meter-Hürden-Rennen gewann, das sechste Gold für Griechenland. Kühl und stumm blieb er sitzen, als das Stadion tobte. Dann klingelte sein Handy, und ein Freund, er saß in einer anderen Ecke des Stadions, fragte: "Was meinst du, war sie gedopt?"

Markaris sagt: "Ein Autor von Kriminalromanen ist ein Experte für Zweifel. Und diese Spiele werden eingehen in die Geschichte als die Spiele der Zweifel."

Er bestellt Peperoni und Tomaten, mit Reis gefüllt.

Zweifel? Wegen Costas Kenteris und Katerina Thanou? Beide waren als verdiente Sprinter Angestellte der griechischen Luftwaffe, lebenslanges Salär und ewige Rente, eine Prämie von 250000 Euro erwartete sie für den Olympiasieg, dann aber versäumten sie eine Dopingkontrolle, täuschten einen Motorradunfall vor, mussten die Spiele schmachvoll verlassen – eine Goldgrube für einen Krimiautor, Herr Markaris?

  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

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