DIE ZEIT: Mr. Robbins, Sie zeigen in Venedig eine abgefilmte Fassung Ihres Theaterstückes Embedded, in dem Sie gegen den Irak-Krieg agitieren. Sind Sie als Schauspieler, als Regisseur oder als politischer Aktivist zu diesem Festival gefahren?

Tim Robbins: Ich vertrete hier einen Film, der ein paar Fragen stellt und unsere Regierung satirisch auf die Schippe nimmt. Ich würde sagen, ich bin ein politischer Aktivist, dem man zuhört, weil er ein Hollywood-Schauspieler ist.

ZEIT: Der Film beginnt mit einem recht zynischen Zitat. Es geht davon aus, dass man jedem Menschen nur eine ganz bestimmte Wahrheit zumuten kann.

Robbins: Es stammt von Irving Kristol, einem der führenden Köpfe innerhalb der neokonservativen Bewegung. Kristol ist der Ansicht, dass es verschiedene Wahrheiten für verschiedene Menschen gibt. Wahrheiten für Kinder und für Erwachsene, Wahrheiten für Gebildete und für Hochgebildete. Das Konzept einer einzigen universellen Wahrheit ist für Kristol eine Ursünde moderner Demokratien. Gemeinsam mit Leo Strauss, einem für die amerikanischen Neokonservativen sehr wichtigen Theoretiker, geht Kristol von der Notwendigkeit einer auserwählten Elite aus, die weiß, was gut für das Volk ist. Während die unwissende Mehrheit nie dahinter kommen wird. Genau darin besteht im Moment der Grundgedanke der amerikanischen Außen- und Innenpolitik. Wenn man Leo Strauss liest, dann bekommen die Täuschungen über die Massenvernichtungswaffen, über die Verbindungen zwischen dem Irak und al-Qaida, über die Nuklearpläne und die angeblich in 20 Minuten einsatzbereiten Raketen eine ganz eigene Logik.

ZEIT: Ein kleiner Theaterfilm wie Embedded bekommt in Venedig mehr Aufmerksamkeit als mancher Wettbewerbsfilm. Was sagen Sie zu dem Vorwurf, dass das politische Agitationskino den eher cineastischen Filmen die Show stiehlt?

Robbins: Man kann einen Film nicht dafür verantwortlich machen, dass ein anderer Film zu wenig Aufmerksamkeit bekommt. Es mag sein, dass sich auf einem Festival wie Venedig die Verhältnisse kurzzeitig etwas ungerecht verschieben. Aber der Erfolg von politischen Dokumentarfilmen wie The Fog of War, Fahrenheit 9/11 und Super Size Me ist weniger ein Kino- als ein Medienphänomen. Zumindest in Amerika. Die Menschen strömen in Dokumentarfilme, weil sie sich von den amerikanischen Medien nicht oder nur selektiv informiert fühlen. Kino wird zum gemeinsam erlebten Nachrichtenereignis, das die Defizite des Fernsehens ausgleicht. Wenn Sie sich in den Vereinigten Staaten eine Satellitenschüssel kaufen, können Sie etwa 500 Programme empfangen, aber keinen einzigen Dokumentarfilm-Kanal.

ZEIT: Sie haben Ihren Polittheaterfilm in Venedig auch an einem besetzten Strandabschnitt gezeigt. Danach diskutierten Sie vor einem vorwiegend jungen Publikum mit der Globalisierungskritikerin Naomi Klein.