Kino Wahrheit ist nur für die MächtigenSeite 4/4

Robbins: Nein, und manchmal ist mir das ewige Pathologisieren von George W. Bush auch zuwider. Ich fände es ganz falsch, die politische Kultur auf das Niveau dieses Mannes hinunterzuziehen. Er ist ein viel zu primitives Ziel. Nur weil wir einen sehr einfach gestrickten Präsidenten haben, heißt das noch lange nicht, dass die Strukturen, in denen sich ein solches Amt bewegt, nicht immer wieder von neuem infrage gestellt und kritisiert werden müssten. Und doch halte ich den Slogan Anybody but Bush für absolut treffend. Die Wahl, die uns bevorsteht, ist eine historische Weichenstellung. Den ersten, entscheidenden Moment haben wir leider schon verpasst.

ZEIT: Sie meinen die Zeit nach dem 11. September?

Robbins: Damals hoffte ich, die Amerikaner würden dieses entsetzliche Attentat nutzen und in etwas Besonderes verwandeln. Ich ging durch New York und sah die Menschen, die in den Parks beteten, sich an den Händen hielten oder einfach stumm vor sich hin starrten. Ich hatte sogar meinen eigenen kleinen Martin-Luther-King-Traum. Ich stellte mir einen Präsidenten vor, der in einem solchen Moment eine bewegende Rede an das amerikanische Volk hält. Der seine Mitbürger dazu aufruft, den Zorn, die Wut und die Rachegefühle, die sie an Ground Zero verspürt haben, zu transzendieren. Wir hätten den Terroristen eine großartige Botschaft zurückschicken können. Wir hätten ihnen sagen können, dass uns dieser Angriff noch freier, noch toleranter gemacht hat. Wir hätten stolz auf unserem Lebensstil beharrt und bei jedem weiteren Attentat unsere Demokratie und Offenheit verteidigt. Dieser Präsident hätte uns dazu aufgerufen, uns nicht einschüchtern zu lassen. Im Gegenteil, er hätte uns dazu ermutigt, uns ja nicht zu verkriechen, sondern auszugehen, Geld auszugeben und jetzt erst recht die Wirtschaft in Gang zu bringen. Er hätte die Amerikaner zu Solidarität und Zivilcourage aufgerufen und sie davor gewarnt, in die alte Paranoia zurückzufallen. Damals, als dieses Land bis in seine Grundfesten erschüttert war, als niemand wusste, wie es weitergehen soll, wäre der Moment für eine historische Rede gewesen. Eine Peripetie der Geschichte. Aber dann haben sie Afghanistan angegriffen, und alles war vorbei.

Das Gespräch führte KATJA NICODEMUS

 

 
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