Ein paar Jungen spielen Basketball im Farias-Freizeitzentrum. Ihre Sportschuhe quietschen laut auf dem Hallenboden. Maria und Roberto, beide 14 Jahre alt, stehen am Rand. "Wir reden in der Schule nicht mehr über Sex", sagt Roberto, "nur noch über Geschlechtskrankheiten." Maria nickt. Zwei ihrer Mitschülerinnen hätten schon Babys, aber Sexualität im Unterricht sei tabu.

Die spielenden Jungen haben mitbekommen, um welches Thema es am Spielfeldrand geht, und reißen im Vorbeirennen Witze. Maria kichert errötend. Hat sie das Gefühl, Bescheid zu wissen? "Nein", sagt sie schüchtern. Wo könnten sie mehr erfahren? "Nirgends", brummt Roberto. "Die Lehrer reden gern über Drogen, Alkohol und so; dann als Letztes über Sex. Aber nur über die Krankheiten." Auch in seiner Klasse ist eine Schülerin schon Mutter. Manchmal bringt sie ihr Baby mit zum Unterricht.

Laredo in Texas ist eine Grenzstadt, geprägt von Immigranten aus dem Süden, die Hauptsprache ist Spanisch, die vorherrschende Religion die katholische. Hinter dem Freizeitzentrum rattern Güterzüge vorbei. Es folgen Parkplätze voller Lastwagen, ein paar Meter struppiges Gebüsch und schließlich der Rio Grande, die Grenze zu Mexiko. Es gibt nicht viel Zerstreuung. "Hier werden so viele Schülerinnen schwanger", sagt ein junger Aufseher im Zentrum, "dass sie an manchen Schulen schon Kindergärten haben."

Wer über Verhütung spricht, fördert nur die Neugierde der Jugendlichen

In Laredo wird – wie in ganz Texas – eine schulische Sexualerziehung propagiert und ausprobiert, die völlige sexuelle Enthaltsamkeit predigt. Bereits in den neunziger Jahren, als George Walker Bush hier Gouverneur war, wurde abstinence only zur offiziellen Bildungsleitlinie ausgerufen. Die Logik dahinter: Wer über verantwortliche Sexualität spricht, über Verhütung und Safer Sex, ermutigt die Jugend nur, es auszuprobieren. "Abstinenz bis zur Hochzeit ist die bestmögliche Antwort auf alle Probleme", sagt Charmaine Heimes, Aufseherin über das Aufklärungsprogramm in den vier Mittelschulen von Laredo. Und Probleme gibt es hier genug: Der Bundesstaat liegt weit oben in der amerikanischen Aids-Statistik, ebenso wie bei den Teenager-Schwangerschaften. An die 80000 Mädchen werden hier jedes Jahr schwanger; das ist Drittweltniveau. Jetzt versorgen zwei Lehrer etwa 5000 Schüler mit der Abstinenzbotschaft. "Wir sagen ihnen: Das geschieht mit deinem Körper, und das passiert mit dem anderen Geschlecht. Und wenn beide zusammenkommen, kann viel passieren – Geschlechtskrankheiten, Schwangerschaft, emotionale Probleme, eben all das, was mit einer sexuellen Beziehung so zusammenhängt."

Sie wolle den Kindern die Fakten vermitteln, das habe überhaupt nichts mit Religion zu tun, versichert die energische Dame im Trainingsanzug. Sie hat zwischen vielen Schließfächern im Sporttrakt der Cigarroa Middle School Platz genommen, blättert in einem opulenten Instruktionsheft. Seit fünf Jahren läuft das Programm. Es gehe darum, erklärt Heimes, die Selbstachtung der Jugendlichen zu stärken und ihnen beizubringen, dem "Gruppendruck zu widerstehen". Über den Geschlechtsakt wird im Unterricht nicht geredet, auch nicht über Verhütung, allenfalls dann, wenn es um die Fehlerquote von Kondomen geht. Und Aids taucht lediglich als dunkle Drohung auf – "nur in dem Sinne, dass es eine Konsequenz von Sex ist". In der achten Klasse wird der Unterricht dann etwas detaillierter – allerdings nur beim Thema Geschlechtskrankheiten. Zu Sexualität und Partnerschaft gehen die Aufklärer "nicht gerne ins Detail". Es wäre auch verboten. Völlige Abstinenz bis zur Eheschließung – dies soll die alleinige Botschaft sein. Kann man das tagein, tagaus predigen? "Ja", beteuert Heimes, "das wird einem zur zweiten Natur."

Erste Experimente mit solchen Abstinenz-bis-zur-Heirat-Programmen gab es in den USA schon unter Präsident Reagan. In der Ära Clinton schuf eine republikanische Parlamentsmehrheit dann Sozialgesetze, die rund 50 Millionen Dollar Bundesmittel pro Jahr allein für die Abstinenzerziehung reservierten. Der Boom der reinen Lehre aber kam mit George Bush. 2005 will Washington, trotz allgemeiner umfangreicher Finanzkürzungen, die Rekordsumme von 268 Millionen für abstinence only aufbieten – ein weiterer Triumph der religiös motivierten Rechten. Zunächst gelang es ihr, eine scharfe Antiabtreibungspolitik durchzusetzen. Präsident Bush ordnete bereits in seiner ersten Arbeitswoche im Januar 2001 an, dass weltweit keine Organisation mehr US-Mittel bekommt, wenn deren Berater die Möglichkeit von Abtreibungen auch nur erwähnen. Es folgte die Blockade der Stammzellforschung und ein Feldzug gegen die Legalisierung homosexueller Partnerschaften. Seit Februar agitiert Bush eifrig für einen Zusatz zur US-Verfassung, der die Homo-Ehe explizit untersagt. In Washington ist er damit vorerst gescheitert. In den einzelnen Bundesstaaten aber tobt in Parlamenten und vor Gerichten der Kulturkampf. Mindestens 14 Staaten wollen im November darüber abstimmen.

Dabei wird die erzkonservative Basis auch jenseits der evangelikalen Propheten mobilisiert. Schon dreimal hat der Präsident dem Papst seine Aufwartung gemacht. Als er Anfang August in Dallas die Knights of Columbus, die größte katholische Laienorganisation, mit seiner dreifachen Botschaft gegen Abtreibung, Schwulenehe und Sexualaufklärung beglückte, fanden viele "Ritter", der "wiedergeborene Christ" und Methodist Bush klinge weit katholischer als der Katholik John Kerry, und jubelten: "Noch vier Jahre! Noch vier Jahre!"