KulturerbeDie Asche von Weimar

Trauer, Schrecken, Selbstvorwürfe: Nach dem Brand in der Anna Amalia Bibliothek muss das klassische Erbe neu sortiert, aber auch neu gewürdigt werden von 

Feuer – immer mal wieder ist der Gedanke daran durch Michael Knoches Kopf gehuscht. In seinen Albträumen. Oder wenn er sich nach dem Urlaub durch Weimars verwinkelte Gassen wieder seiner Arbeitsstelle näherte und bang fragte: Ist sie noch da? Sie steht noch, die Herzogin Anna Amalia Bibliothek, deren Direktor Knoche seit 13 Jahren ist. Aber seinen Arbeitsplatz hat der Bibliothekar verloren, zumindest vorläufig; das Löschwasser hat auch sein Büro in der Bibliothek, Baujahr 1565, ruiniert. Also sucht er für das Gespräch ein Ausweichquartier. Auf einem Flur im zweiten Stock des Weimarer Schlosses findet er es schließlich, eine kleine Sitzgruppe aus DDR-Zeiten, die ein gnädiges Schicksal bis heute erhalten hat. Man kann es nicht anders sagen: Ausgebrannt sitzt Knoche im feuerfarbenen Sesselchen, und seine Bilanz ist bitter. "Ich bin verantwortlich für diese Bibliothek. Ich konnte die Sicherheit der Bestände nicht gewährleisten. Ich bin gescheitert."

Unter Einsatz seines Lebens hat er in der Brandnacht vom 2. auf den 3. September noch die wertvolle Lutherbibel aus einem Regal ganz weit oben, in der Nähe des Brandherdes, gerettet. An Details kann er sich nicht mehr genau erinnern, nur dass er gegen 20.40 Uhr am Ort der Katastrophe eintraf. Da waren die letzten Besucher gerade erst gegangen, donnerstags hat die Bibliothek bis halb neun geöffnet. Um 20.25 Uhr hatte die Brandmeldeanlage Alarm ausgelöst, der Rest, sagt Knoche, war totale Hektik, 27 Löschfahrzeuge vor der Tür, über 300 Feuerwehrleute im Einsatz. Einen festen Räumungsplan für die Buchschätze gab es nicht, konnte es nicht geben, zu verwinkelt ist das Haus am Ilmpark. Der Bibliotheks-Oberaufseher Johann Wolfgang von Goethe hatte ja in den Jahren 1803 bis 1805 drei Gebäude zu einem gefügt. Jetzt sind der alte Stadtturm am Nordende des Ensembles und der Goethesche Zwischenbau vom Feuer weitgehend verschont geblieben. Doch Knoche rechnet anders: Er hat ein jahre-, jahrzehntelanges Wettrennen gegen die Zeit um fünf Wochen verloren.

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In fünf Wochen wären alle Bücher raus gewesen, evakuiert in das neue Tiefmagazin unter dem Platz der Demokratie. So sah es der letzte Teil des Masterplans für die glorreiche Wiedervereinigung der Weimarer Bibliothek vor. Nur rund 120000 aus dem Gesamtbestand von etwa einer Million Bücher haben ja Platz im Haupthaus, der Rest war seit langem auf verschiedene Ausweichmagazine in der ganzen Stadt verteilt. 1998 jedoch erwarb die Stiftung Weimarer Klassik das Rote und das Gelbe Schloss schräg gegenüber der Bibliothek. Für insgesamt 23 Millionen Euro werden beide seitdem als neue Bücherei hergerichtet und durch das unterirdische Magazin mit dem alten Bau verbunden. Am 4. Februar 2005 sollen die neuen Teile eröffnet werden. Dann hätte die Sanierung des Altbaus planmäßig beginnen können. Und Michael Knoches Kampf für sein Haus wäre glücklich ausgegangen.

Immer wieder hat er von einer "tickenden Zeitbombe" in den unschuldig weiß leuchtenden Mauern der Bibliothek gesprochen, von den Problemen mit der Kapazität, dem Klima, dem Zustand der Bücher, dem undichten Dach. "Vielleicht war ich nicht laut genug." Vielleicht ist aber einfach auch das politisch-gesellschaftliche Klima nicht danach gewesen, Geld für den Erhalt alter Bücher zu geben, mögen sie auch das Inbild der größten Epoche der deutschen Geistesgeschichte sein. Nun hat es 30000 Bände komplett gefressen, vor allem Literatur des 16. bis 18. Jahrhunderts, aber auch 33 Gemälde, darunter das früheste der Namenspatronin. Auch die Musikaliensammlung der Anna Amalia, 700 Handschriften und 1400 Druckwerke, ist nahezu vollständig vernichtet. Seit jeher wurden die Musikalien in einem Schrank unterm Dach aufbewahrt. Über das Musikleben in Weimar im 18. und 19. Jahrhundert existieren praktisch keine originalen Quellen mehr.

Dennoch spricht Michael Knoche von einem "absolut glücklichen Ausgang der Rettungsaktion". Das kann wohl nur, wer gesehen hat, wie das Feuer in jener Nacht gegen 23 Uhr die Treppe vom Dachboden zur obersten Galerie des Rokokosaals hinabkroch. Da war sich die Feuerwehr schon sicher, dass das gesamte Gebäude verloren war. Aber dann spritzte sie die Flammen doch wieder von der Treppe, und jetzt kann Knoche sagen, dass man mit der alten Bausubstanz wird weiterarbeiten können. Zudem tröstet ihn der Spätsommer, dessen goldklares Leuchten so schlecht zu all den Ascheklumpen passen will, die mal Bücher waren. Wenn das Wetter so bleibt, steht das rettende Gerüst plus Notdach innerhalb einer Woche.

Erst dann kann mit dem Wichtigsten begonnen werden: dem Trocknen des Gebäudes. Vor Beginn der Frostperiode muss man damit halbwegs durch sein, sonst platzt das Haus buchstäblich aus allen Nähten. Bis dahin wärmen sich die Bibliotheksmitarbeiter an der internationalen Solidarität. Hilfsangebote aus Frankreich, Spendenbüchsen überall in Weimar, dazu spontane Benefizkonzerte. Die Schaulustigen an den Absperrgittern rund um die Bibliothek, wo es immer noch verbrannt riecht, gaffen nicht einfach, sondern nehmen Anteil. Schauen den Mitarbeitern zu, die den Schutt durchwühlen. Gelegentlich finden sie in etwas, das aussieht wie ein Brikett, sogar noch ein paar intakte Seiten. Die gehen dann wie 40000 vom Löschwasser durchweichte Bände nach Leipzig, zur Sofortbehandlung im Zentrum für Bucherhaltung.

Die Bibliothek, die noch mehr als Goethes Wohnhaus das Zentrum von Weimar als geistiger Lebensform war, ist zum Pilgerziel geworden. Wie Reliquien sind die verkohlten Dachbalken auf dem Platz aufgebahrt. Darüber beugen sich freilich keine Priester, sondern die Brandursachenforscher vom BKA, bislang ohne Ergebnis. Derweil vernehmen ihre Kollegen von der Kripo Zeugen und fragen Michael Knoche, ob er einmal Drohbriefe von einem frustrierten Mitarbeiter bekommen habe.

Hat er nicht, und inzwischen kann er dem Wahrwerden seines Albtraums sogar etwas Gutes abgewinnen: Mit dem Brand hat die Sanierung der Bibliothek unwiderruflich begonnen. Das sagt er ganz ohne Sarkasmus. Eigentlich sollte es erst 2005 losgehen, man stritt noch um zwei Varianten: eine kleine für vier und eine große für acht Millionen Euro – je nachdem, ob und wie viele Besucher man in das Kleinod lassen will. Bislang waren es 13000 im Jahr, 50000 musste man abweisen. Da nun ohnehin die gesamte Bibliothekskonstruktion zum Trocknen und Sanieren ausgebaut werden muss, hoffen Knoche & Co. auf die große Lösung. Das Haus soll, muss zugänglich bleiben, Museum und Forschungsbibliothek in einem, was es auch schon 1798 war, als Goethe die Vorschrift erließ, "nach welcher man sich bey hießiger Fürstl. Bibliothek, wenn Bücher ausgeliehen werden, zu richten hat".

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