Zehn Jahre lang waren die Simons vom Fernsehschirm verschwunden. Etwas vorwurfsvoller könnte man auch sagen, dass sie uns mit der deutschen Gegenwart allein ließen. Von der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg über den Nationalsozialismus bis in die Sechziger und Siebziger hatte Edgar Reitz in seiner Heimat- Serie die Chronik ihrer Familie erzählt, als Generationen- und Epochenreigen, der eine Art kollektives deutsches Fernsehgedächtnis ergab. In diesen breit ausholenden, manchmal seltsam überhöhten Filmen fanden sich die politischen Katastrophen und soziologischen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts genauso wieder wie die Tonlagen der einzelnen Jahrzehnte.

Heimat, das war vor allem Hermann, das "Hermännsche". Wie eine Mischung aus Törleß und Candide wandelte er in die Moderne, durch die Utopien und Lebensentwürfe der 68er. Hermann Simon, der junge Musiker, der aus seinem Heimatdörfchen ausgezogen war, um München, die Zwölftonmusik und sein eigenes Leben zu erobern. Hermann, der sein Elternhaus und die Provinz hinter sich ließ, der nur noch weg wollte von "diesem bedrückend engen, beschränkten, hoffnungslosen, nach Scheiße stinkenden Gelände, das wir Heimat nennen". Am Ende von Edgar Reitz’ Fernseherzählung ging Hermann Simon den Weg zurück in seinen Hunsrücker Geburtsort Schabbach, zu den Wurzeln, in die vertraute Landschaft aus sanften Hügeln und nebeldampfenden Feldern. Da waren 24 Teile und 42 Stunden Film vorüber.

Und doch war Heimat als quasi historiografische Fernsehserie nie wirklich abgeschlossen. Der Fall der Mauer, die Wendezeit und die mehr oder weniger chaotisch auf die Jahrtausendwende zutorkelnde BRD schrien geradezu nach ihrer Episierung durch den größten deutschen Fernseherzähler. Auf der Filmbiennale Venedig, wo schon der internationale Triumphzug der ersten beiden Staffeln begann, hat Edgar Reitz nun die Fortsetzung seiner Simon-Saga vorgestellt. Um es klar zu sagen: Sie ist enttäuschend. Manchmal auch peinlich.

Heimat 3 beginnt mit einer geschichtlichen wie privaten Wiedervereinigung. Der inzwischen weltberühmte Dirigent Hermann Simon begegnet am Tag des Mauerfalls seiner großen Liebe Clarissa in Berlin. Spontan beschließen die beiden, das "Günderodehaus" wieder aufzubauen, als Liebesnest und Ruheort. Über Monate hinweg schildert Reitz diesen letztlich spießigen Hausbau, symbolisch überhöht durch romantische Sprachblasen und die Nähe der Loreley. Hermann, der Musiker, und Clarissa, die Sängerin, werden zum emblematischen Künstlerpaar, dessen Inspirationsprobleme, Depressionen, große und kleine Entfremdungen en détail erzählt werden. Vielleicht hat sich Edgar Reitz zu sehr mit ihrem Generationengefühl identifiziert, um die Wahrnehmung noch auf Jüngere lenken zu können. Seine neunziger Jahre sind das Jahrzehnt der saturierten westdeutschen Provinzler, die bis zur Weltfremdheit mit sich selbst beschäftigt sind. Yuppies, Techno, Love Parade und Jugendkultur tauchen genauso wenig auf wie die kollektiven Lähmungserscheinungen der Kohl-Ära, die Spendenaffäre und der erste Golfkrieg.

Während auch die Nebenfiguren der früheren Folgen durchweg eine Art geschichtliche Durchlässigkeit besaßen, erscheinen sie nun wie Emissäre einer Zeit, die irgendwo da draußen vorbeibraust. Galina, die junge Russlanddeutsche, versinkt im Klischee des süßen Flittchens aus dem Osten. Zwei Arbeiter aus Dresden bringen zwar neue Dialekte nach Schabbach, aber kein anderes Deutschland. In Heimat 3 bleiben die Ossis proletarische Maskottchen einer in den westdeutschen Erzählfluss hineingequetschten Wendezeit. Reitz’ tiefenscharfe Totalen und mythische Landschaften mögen das Bildschirmformat immer noch sprengen, doch inzwischen versinken sie in bedeutungsvoller Leere. Da sich die dritte Heimat kaum mehr in Nebenstränge verzweigt, wird das Geschehen rund um die bekannten Gesichter melodramatisch aufgepeppt: Mit Krebs, Bankrott, Ehebruch, neidischen Erben und spektakulären Selbstmorden begibt sich die Serie in Gefilde, in denen auch Miss Ellie und die Guldenburgs um die Ecke biegen könnten. In der ersten und zweiten Heimat gelang Edgar Reitz die politische Überformung des Privaten. Die neuen Folgen begnügen sich mit der Mythisierung des Trivialen.

Heimat 3 heißt im Untertitel Chronik einer Zeitenwende , doch gerade die Zeit, die wechselnden Atmosphären und nebensächlichen Zeichen einer Ära hat Reitz nicht mehr im Blick. Heimat , das ambitionierteste deutsche Fernsehprojekt, begann als Epochenerzählung und endet als Familienserie.