energie Grüne Energie statt schwarzer Kohle
Solaranlagen für Zypern, Windräder für Tschechien: Die erweiterte EU könnte der Ökoenergie-Branche den ersehnten Boom bescheren
Vor gut zwei Jahren machte Alex Soteriou einen lang gehegten Traum wahr. Nach 20 Jahren in Diensten des Düsseldorfer Henkel-Konzerns zog es den Ingenieur zurück in seine Heimat. Zusammen mit Sohn Leon und Schwager Matthias Schoft begann er, Zyperns einzige Fertigungsstätte für Solarmodule aufzubauen. Er ist sich sicher: »Das hat Zukunft.«
Keine schlechte Entscheidung. Die Sonne scheint an mehr als 300 Tagen auf dem Mittelmeereiland – und zwar viel stärker als in Deutschland. Da zudem seit Jahresbeginn jede solare Kilowattstunde akzeptabel vergütet und obendrein der Kauf kleiner Sonnenkraftwerke zur Hälfte bezuschusst wird, erwartet der weißhaarige Manager, wovon jeder Geschäftsmann träumt: einen Boom.
Zu dem Förderprogramm hat sich die Regierung in Nikosia nicht nur aus eigenem Antrieb entschlossen. Wie für die anderen neun EU-Beitrittsländer gilt auch für Zypern seit dem 1. Mai die Ökostrom-Richtlinie aus dem Jahr 2001. Danach sollen grüne Energien bis 2012 nicht weniger als 22 Prozent zur EU-weiten Stromerzeugung beisteuern. Deutschland muss beispielsweise die Marke von 12,5 Prozent erreichen.
Den EU-Newcomern hat Brüssel bei den Beitrittsverhandlungen individuelle Ziele gesetzt. Die Vorgabe für Zypern ist auf sechs Prozent fixiert; heute liegt der Anteil im Promillebereich. Für das wasserkraftreiche Lettland liegt die Latte bei 49,3 Prozent. Zwar produzieren die Letten schon heute 42,4 Prozent ihres Stroms regenerativ. Weil sie auf kräftiges Wirtschaftswachstum hoffen, bleibt das mit Brüssel ausgehandelte Ziel ehrgeizig.
Abgesehen von der Wasserkraft sind die Ausgangsbedingungen in den Beitrittsländern fast identisch: Die erneuerbaren Energien spielen kaum eine Rolle. So erzeugt Polen, weltweit Spitze, 96 Prozent seines Stroms aus Kohle. In Litauen sorgt der umstrittene Atommeiler Ignalina, eine Anlage russischer Bauart, fast allein dafür, dass die Lichter nicht ausgehen. Malta und Zypern sind bei ihrer Energieversorgung zu mehr als 90 Prozent von teuren Ölimporten abhängig.
Zusammen mit den beiden Mittelmeerinseln müssen die osteuropäischen Beitrittsländer ihren Ökostromanteil nun in weniger als sieben Jahren auf durchschnittlich mehr als elf Prozent steigern. Bisher haben sie nicht einmal die Hälfte davon geschafft. Doch erste Fortschritte sind zu erkennen. Ein Verdienst der EU, glaubt Giulio Volpi. Der Italiener ist Energieexperte im Brüsseler Büro des World Wide Fund for Nature (WWF). Die meisten Länder, so Volpi, planten Mindestpreissysteme analog zum deutschen Erneuerbare-Energien-Gesetz, es mangele aber an ausreichenden Vergütungstarifen. Dazu kämen aufwändige Genehmigungsverfahren und komplizierte Regeln für den Netzzugang.
Das beunruhigt den Luxemburger Europaabgeordneten Claude Turmes. Er hat als Berichterstatter maßgeblich die Ökostrom-Richtlinie im EU-Parlament vorangetrieben und sorgt sich um die zunehmende Expansion der großen Stromkonzerne im Osten. In der alten EU beherrschen sieben Energieriesen, darunter E.on und RWE aus Deutschland, rund 60 Prozent der Erzeugungskapazitäten und 75 Prozent der Netze. »Wenn wir ein ähnliches Oligopol in den Beitrittsländern bekommen, werden es Sonne, Wind und Bioenergie sehr schwer haben«, fürchtet Turmes.
Mechtild Rothe, ebenfalls EU-Parlamentarierin, fordert derweil, den Ausbau der erneuerbaren Energien besser mit der EU-Strukturpolitik zu verknüpfen. »Da fast alle osteuropäischen Beitrittsländer stark landwirtschaftlich geprägt sind«, so die SPD-Frau, »bieten sich gezielte Programme für den Biomasseanbau an.« Nicht nur die wirtschaftliche Struktur der Beitrittsländer spricht dafür. Die energetische Verwertung landwirtschaftlicher Reststoffe und nachwachsender Rohstoffe trifft auch auf große Akzeptanz bei der Bevölkerung der Beitrittsstaaten. Fotovoltaik und Windenergie gelten dagegen vielerorts als »Luxusgüter aus dem Westen«, so der Berliner Politikwissenschaftler Danyel Reiche.
Tatsächlich könnten laut WWF die grünen Energien allein Polen bis zu 40000 Jobs bescheren – wenn die polnische Regierung die gesetzlichen Voraussetzungen dafür schafft. Dabei eröffnet sich für die Hersteller von Windrädern, Solar- oder Biogasanlagen mit der EU-Erweiterung ein riesiger Markt. Auf 18 bis 40 Milliarden Euro schätzt ihn WWF-Mann Volpi. Allein Tschechien, so das Umweltministerium Bayerns, müsse beitrittsbedingt in den nächsten zehn Jahren bis zu zehn Milliarden Euro in den Umweltsektor einschließlich der erneuerbaren Energien investieren.
Neue Arbeitsplätze bei den Ökoenergien hat Tschechien schon am Jahresende sicher: Der britische FKI-Konzern, Eigentümer des deutschen Windturbinenherstellers DeWind GmbH, wird künftig in Pilsen die dreiflügeligen Ökokraftwerke fertigen. »Bei der Verlagerung aus England haben nicht nur Kostengründe eine Rolle gespielt«, sagt DeWind-Sprecher Walter Delabar, »der gesamte osteuropäische Markt liegt demnächst vor unserer Haustür.«
Auf einen raschen Windkraft-Ausbau in Osteuropa setzt auch die Europa-Abgeordnete Rothe: »Das Parlament will Ende des Jahres eine neue Direktive beschließen, wonach in der ganzen EU der Strom- und Wärmebedarf im Jahr 2020 zu mindestens 20 Prozent aus erneuerbaren Energien gedeckt werden soll.«
- Datum 09.09.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 09.09.2004 Nr.38
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